Fasten2021 | Teil 06
Schuld, Strafe, Sühne

Schuldgefühle kann niemand auf Dauer ertragen. Daher stellt sich sowohl religiös als auch therapeutisch die Frage, wie sie zu lösen sind. Strafe und Selbstbestrafung, Buße und Sühne sind Ansätze zur Beseitigung von Schuld und zur Befreiung von Schuldgefühlen.

Hat der Mensch Schuld auf sich geladen oder ist er wegen vorwerfbaren Verhaltens von richtenden Instanzen schuldig gesprochen worden, stellt sich stets die Frage, wie er sich von der Schuld lösen oder davon befreit werden kann.
Denn Schuldgefühle will und kann niemand auf Dauer ertragen. Dem stehen aber das Verlangen der Opfer nach Wiedergutmachung und die Forderungen der Gesellschaft nach einem gerechten Ausgleich gegenüber. Im weltlichen Bereich versucht man, diesen Konflikt über die Strafe zu lösen. Darunter versteht man „eine Sanktion gegenüber einem bestimmten Verhalten, das im Regelfall von den Autoritäten als unangemessen oder als Unrecht angesehen wird“.

Strafe zur Prävention? Juristisch sieht man in der Strafe „ein Übel, das einer Person für ihr schuldhaftes Handeln von der Gesellschaft auferlegt wird“. Die Psychologie definiert sie als unangenehmes Ereignis, als negativen Reiz, der auf eine Handlung folgt und die Wahrscheinlichkeit des Auftretens dieser Handlung in ähnlichen Situationen herabsetzen soll. In der Erziehung, wo Strafe über Jahrhunderte als unverzichtbare pädagogische Maßnahme gegolten hat, ist sie zwischenzeitlich heftig umstritten und großteils verpönt. Trotzdem wird in der heutigen Gesellschaft der Ruf nach härteren Strafen lauter. Dies erstaunt umso mehr, als dass Strafe nach modernen Vorstellungen weniger als Rache, sondern vielmehr als Instrument der Verbrechensprävention verstanden wird. Jedenfalls haben die Menschen bei schuldhaftem Verhalten ein starkes Strafbedürfnis, selbst gegenüber der eigenen Person.
Tiefenpsychologisch sieht man in selbstbestrafendem Verhalten gar einen wichtigen Krankheitsmechanismus. So werden Selbstverletzungen von Borderline-Patienten als Selbstbestrafung interpretiert, ebenso die Rückfälle von Suchtkranken oder die Nahrungsverweigerung durch Magersüchtige. Mit Selbstaggressionen, deren extremste Form der Suizid ist, versuchen manche Erkrankte das Gewissen zu entlasten und ihre Schuldeinsicht deutlich zu machen.

Trotzdem wird in der heutigen Gesellschaft der Ruf nach härteren Strafen lauter.
Reinhard Haller

Heilende Buße. Im Bereich der christlichen Religion, wo wir vom göttlichen Strafgericht hören, ist Strafe ein Privileg des gerechten Gottes, tritt aber gegenüber ihren Sonderformen Buße und Sühne in den Hintergrund. Denn hier geht es bei strafähnlichen Maßnahmen nicht wie bei der weltlichen Strafe um Heimzahlen und Vergelten, nicht um Destruktion oder Demütigung, sondern um eine Versöhnung mit Gott. Buße wird im religiösen Sinn als das Bemühen um die Wiederherstellung eines durch menschliche Schuld gestörten Verhältnisses zwischen Gott und Mensch gesehen. Schon der hebräische Begriff für Buße stellt nicht den Rachegedanken, sondern die Abkehr von sündhaftem Verhalten und die Bundestreue zu Jahwe in den Mittelpunkt.
Das mittelhochdeutsche „büezen“ betont das Beseitigen und Tilgen von Schuld. Später wurde der für Buße stehende Begriff „Baß“ gar mit „Nutzen oder Vorteil“ übersetzt, also der heilende Aspekt ganz in den Vordergrund gerückt. Im Buddhismus, wo der Ausdruck für Buße mit jenem der Reue ident ist, wird sie als Entschluss zur Umorientierung und Weg zur vollkommenen Befreiung betrachtet. Nach den Lehren des Islam nimmt Gott die Buße dann an, wenn Beten, Fasten und andere Bußopfer mit echter Reue und Entschlossenheit zur Unterlassung der Sünden verbunden sind.

Sühne und Versöhnung. Die Psychotherapie, welche sich viel mit Befreiung von Schuldgefühlen, mit Einsicht und Neuausrichtung beschäftigt, kennt keine Bußmaßnahmen. Allerdings können manche Phasen des Heilungsprozesses wie eine Buße empfunden werden, etwa jene der Aufarbeitung eigenen Störverhaltens oder des Entzugs bei Süchtigen. Oft haben mir Patienten während der als quälend erlebten Entwöhnung gesagt: „Jetzt muss ich für die Sünden der Vergangenheit büßen.“ Noch mehr Gemeinsamkeit mit der Psychotherapie als die Buße hat aber die Sühne, weil es bei ihr neben allen andern ausgleichenden und lösenden Aspekten letztlich um das Versöhnen geht. Während Buße in aller Regel von außen auferlegt ist, bedeutet Sühne, freiwillig eine schmerzhafte Sanktion für persönliche oder fremde Schuld auf sich zu nehmen. 

Letztlich geht es auch in der Therapie immer um die Befreiung von Schuldgefühlen, sodass Psychotherapie und Sühne ähnliche Elemente enthalten.
Reinhard Haller

Befreiung. Leiden und Tod Jesu, derer wir in den kommenden Tagen gedenken, lassen sich wie die früheren Blut- und Brandopfer als freiwillig auf sich genommene Sühne für die Schuld der Menschheit verstehen. Da man durch Sühne nicht nur für die eigene Schuld Verantwortung tragen will, sondern auch für jene anderer, hat sie viel mit Empathie, Mitleid und Nächstenliebe zu tun. Letztlich geht es auch in der Therapie immer um die Befreiung von Schuldgefühlen und die Versöhnung mit Wunden und Fehlern der Vergangenheit, sodass Psychotherapie und Sühne unverkennbar ähnliche Elemente enthalten. Noch mehr Übereinstimmung gibt es in der edelsten Form der Verarbeitung von Schuld, dem Verzeihen, dem sich die letzte Folge dieser Fastenserie widmen wird.

Schuld und Vergebung
Serie in der Fastenzeit
Teil 6 von 7

Reinhard Haller nähert sich dem Phänomen „Schuld“ aus psychologischer Sicht, geht den Wurzeln der Schuldgefühle auf den Grund und erklärt, wie man sie überwinden kann.

Autor:

Kooperationsredaktion aus Burgenland | martinus

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