IM_LAND
Mein Mutterland ist Indien, mein Vaterland ist Österreich

Die Partnerschaft der Diözese Eisenstadt mit der südindischen Diözese Kanjirapally hat beiden Teilen jahrzehntelang viele Früchte eingetragen. Ein Pionier dieses geistlichen Austausches ist der Pfarrer von Forchtenstein, Aby Puthumana. Ende der Ferien wird er seinen Dienst im Burgenland beenden. FRANZ JOSEF RUPPRECHT führte aus diesem Anlass ein Gespräch mit ihm.

Am 20. Juli feiern Sie Ihren 65. Geburtstag und treten Ende August in den Ruhestand. Gehen Sie damit tatsächlich in Pension, oder bleiben Sie weiterhin seelsorglich tätig?

Aby Puthumana: Das Gebet hat keinen Urlaub. Ich möchte nicht in Pension gehen und werde im seelsorglichen Bereich in meiner indischen Heimatdiözese weiterarbeiten. Mit meinem Bischof in Kerala habe ich bereits gesprochen, dass ich gerne eine Pfarre übernehmen möchte und er hat dazu bereits ja gesagt. Seelsorge bedeutet mit Menschen zu tun zu haben und das ist es, was ich gerne tun will.

Seit September 2002 wirken Sie in der Diözese Eisenstadt. Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Tage im Burgenland?

Aby Puthumana: Als ich 2002 nach Österreich gekommen bin, war das meine erste Auslandsreise. Zuerst habe ich natürlich einige Schwierigkeiten gehabt, besonders mit der Sprache. Ich habe in Indien ein wenig Deutsch gelernt, das österreichische Deutsch war aber ein ganz anderes, als das, das ich gelernt hatte. Die Menschen, die ich gesehen habe, die Kultur, die ich erlebt habe, waren für mich ganz neu.

Mit welchen Erwartungen, Hoffnungen oder vielleicht auch Unsicherheiten sind Sie damals gekommen?

Aby Puthumana: Ich habe die Menschen hier sehr gerne und habe ganz normal gearbeitet. Zuerst bin ich in Mattersburg angekommen.

Erwin Schügerl ist mein erster Pfarrer gewesen und er hat sich wie ein Vater um mich gekümmert. Auch der Kontakt mit den Menschen in Mattersburg war für mich einfach, ich fühlte mich hier gut aufgehoben.

Sie stammen aus Indien und leben seit fast einem Vierteljahrhundert in Österreich. Was sind für Sie die größten Unterschiede zwischen den Menschen und der Mentalität in Ihrer Heimat und hier im Burgenland?

Aby Puthumana: Ich bin schon 23 Jahre hier in Österreich. Zwischen den Menschen kann ich nicht viele Unterschiede finden, die Kultur ist ganz anders, auch die Mentalität ist ein bisschen anders. In Indien leben wir mit verschiedenen Religionen, verschiedenen Sprachen, verschiedenen Menschen zusammen. Ich bin in eine Hindu-Schule gegangen und habe daher auch diese Religion mit all ihren Riten sehr gut kennengelernt. Die Situation hier war ganz anders, die katholische Kirche war damals noch eine viel größere Religionsgemeinschaft.

Auch der Umgang mit den Leuten ist ein bisschen anders hier, aber ich sehe nicht viel Unterschied zwischen den Menschen, denn Menschen sind immer Menschen.

Ihr priesterlicher Dienst war von vielen Begegnungen und Wegstrecken mit Menschen geprägt. Gibt es Erlebnisse oder Momente, an die Sie sich bis heute besonders gerne und dankbar erinnern?

Aby Puthumana: Mit meinen Priesterkollegen konnte ich stets sehr gut zusammenarbeiten. Sowohl Pfarrer Erwin Schügerl in Mattersburg als auch Pfarrer Martin Korpitsch und Pfarrer Günter Schweifer in Pinkafeld und Eisenstadt-Oberberg und Kleinhöflein unterstützten mich immer. In allen Pfarren, in denen ich tätig war, waren mir die Begegnungen mit den Menschen sehr wichtig.

2008 durfte ich die Pfarre Forchtenstein übernehmen. In diesen 17 Jahren habe ich fast alle Familien im Ort, also beinahe 1400 Haushalte, besucht. Mir ist es ganz wichtig, jeden Tag gute Begegnungen mit Menschen zu erleben. Das passiert auch bei den heiligen Messen, die ich – seit ich in Forchtenstein bin – jeden Tag gefeiert habe. Für die Unterstützung durch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pfarre bin ich sehr dankbar, dadurch wurden viele besondere Momente wie zum Beispiel die Errichtung und Einweihung des Glockenspiels, des Meditationsortes im Kirchenhof oder die Umgestaltung des Kreuzweges erst möglich. Auch das Aufstellen der Jesus-Skulptur vor der Kirche im Heiligen Jahr wird mir immer in Erinnerung bleiben. In meiner Zeit in Forchtenstein durfte ich mit der Pfarrgemeinde auch einige Jubiläen feiern, ich denke an 350 Jahre Rosalienkapelle, 300 Jahre Heilige Stiege, 675 Jahre Pfarre Forchtenstein.

Die Prozession beim Patroziniumsfest, die Nacht der Engel und Heiligen sowie das Lichtermeer zu Allerheiligen und Allerseelen haben ihren Platz im Jahresablauf gefunden. Auch das sind beispielsweise bleibende Erinnerungen für mich, denn mir war es immer wichtig, in der Seelsorge neue Impulse zu setzen.

Unser Diözesanbischof Ägidius Zsifkovics hat mich stets ermutigt, meine Projekte umzusetzen, dafür bedanke ich mich sehr.

Wer lange in einem fremden Land lebt, erlebt nicht nur Offenheit, sondern manchmal auch Vorbehalte. Haben Sie in Österreich Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Diskriminierung gemacht – etwa wegen Ihrer Herkunft oder Ihrer Hautfarbe?

Aby Puthumana: In unserer Diözese habe ich nie schlechte Erfahrungen gemacht, ich wurde von allen meinen Priesterkollegen und von unserem Herrn Diözesanbischof so wie alle Priester, die für die Seelsorge aus anderen Ländern in die Diözese gekommen sind, immer unterstützt.

Bischof Ägidius hat mich nach meinem Sabbatical („Auszeit“) in den Jahren 2021 und 2022 wieder in die Diözese aufgenommen und ich konnte nach Forchtenstein zurückkehren.

Ein einziges Mal habe ich mich in Österreich diskriminiert gefühlt, das war während meines MBA-Studiums in Wien. Bei einer Fahrt in der U-Bahn wurde nur ich kontrolliert, meine Studienkollegen, die mit mir gefahren sind, nicht.

Mit dem Ende Ihres aktiven Dienstes stellt sich auch die Frage nach der Zukunft: Werden Sie in Österreich bleiben oder zieht es Sie zurück in Ihre Heimat Indien? Und was bedeutet für Sie persönlich Heimat heute?

Aby Puthumana: Forchtenstein ist zu meiner Heimat in Österreich geworden. Ich werde sicherlich einmal im Jahr einen Teil meines Urlaubs hier verbringen.

Für Inder ist Indien weiblich, also die Mutter.

Ich sage daher immer: Mein Mutterland ist Indien, mein Vaterland ist Österreich.

Heimat bedeutet für mich von den Menschen, mit denen man lebt, gut aufgenommen zu werden.

Wenn Sie den Menschen in Ihrer Pfarre und im Burgenland einen Rat oder einen Wunsch mit auf den Weg geben könnten: Was braucht Kirche heute, um glaubwürdig zu bleiben, und was braucht unsere Gesellschaft, um menschlicher zu werden?

Aby Puthumana: Als Priester erreiche ich in der Kirche nur 10 % der Menschen eines Ortes, es ist aber besonders wichtig, auch mit den anderen 90 % in Kontakt zu kommen. Daher sind die Besuche in den Häusern und die Teilnahme an den verschiedenen Veranstaltungen im Ort gute Möglichkeiten alle Bewohner und Bewohnerinnen immer wieder zu treffen. Auch der Religionsunterricht ist eine Möglichkeit, Kirche ins Bewusstsein zu bringen.

Kirche heute soll für die Menschen und mit den Menschen leben.

Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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