Porträt
100 Jahre alt: „Es gibt ein Rezept“

Prälat Johann Braunschmidt vor seinem 100. Geburtstag in seinem Haus in Kleinfrauenhaid.
  • Prälat Johann Braunschmidt vor seinem 100. Geburtstag in seinem Haus in Kleinfrauenhaid.
  • Foto: Sr. Marina Piljic
  • hochgeladen von Redaktion martinus

Prälat Braunschmidt ist im 101. Lebensjahr verstorben. martinus veröffentlichte vor wenigen Wochen ein ausführliches Porträt über den ehemaligen Bauamtsleiter und Ökonomen der Diözese. Hier der gesamte Text zum Nachlesen.

Prälat Johann Braunschmidt wirkte jahrzehntelang als Bauamtsleiter und Ökonom der Diözese. In wenigen Tagen wird der als „Sparefroh“ und „Gesundheitsapostel“ geltende gebürtige Mönchhofer 100 Jahre alt. Mit dem „martinus“ hat er über sein Jungbrunnen-Geheimrezept, Gemüsesuppe zum Frühstück, Papst Franziskus und Donald Trump gesprochen. 

Gerald Gossmann

Wer hundert Jahre alt wird, darf nicht mit Gerede um den heißen Brei rechnen. Die entscheidende Frage kann nur lauten: Wie wird man so alt? Und: Gibt es ein Geheimrezept dafür? „Es gibt ein Rezept“, sagt Prälat Johann Braunschmidt wie aus der Pistole geschossen. Trotz seiner 99 Lenze ist der Priester, der in Kleinfrauenhaid in einem Haus mit Garten lebt, ein rüstiger Mann. Bis weit über sein achtzigstes Lebensjahr mähte er selbst den Rasen, schnitt Sträucher, verlegte Parkettböden. Heute, knapp vor seinem 100. Geburtstag, kann er nicht über Schmerzen klagen, er habe bloß „beim Gehen nur wenig Kraft“. „Ansonsten geht es mir gut; so als ob ich 50 oder 60 wäre“, sagt er.

Wie lautet also das Geheimrezept? „Ein gesundes Mittelmaß ist wichtig“, sagt Braunschmidt. „Extreme sind vom Bösen.“ In den 1960er-Jahren habe er damit begonnen kleine Kügelchen mit Mistel- und Knoblauch-Extrakten zu schlucken. Wenig später entdeckte er in einer Drogerie ein Regal mit makrobiotischen Produkten. (Makrobiotik bezeichnet eine Lebensweise, die zu einem gesunden, langen Leben führen soll.) Und regelmäßig las er Kolumnen des österreichischen Gesundheitsapostels Hademar Bankhofer. „Ich habe mir dann verschiedene Nahrungsergänzungsmittel besorgt, die ich seither jeden Tag morgens, mittags und abends einnehme.“ Wie viele Kapseln da mittlerweile zusammengekommen seien? „Eine ganze Handvoll“, lacht Braunschmidt. Wenn der 99-Jährige über seine Gesundheitsvorsorge spricht, doziert er genüsslich und kann dabei schon einmal weit ausholen. Er erzählt, wie er oftmals barfüßig durch die nasse Wiese gestapft sei, weil es der Durchblutung diene. Und von elendslangen Kaubewegungen. „Das Verdauen beginnt in der Mundhöhle“, erklärt er. Jeder Bissen solle von 60 Kaubewegungen zermahlen werden; „da habe ich genau mitgezählt“.

Wollten Sie von Anfang an so alt werden?
Johann Braunschmidt: Im Leben nicht. Ich hätte gedacht, dass ich 60 oder 70, vielleicht 80 werde. Mit dem Altwerden habe ich nie spekuliert, sondern mit dem Gesundbleiben.

Welche Tricks können Sie noch verraten?
Braunschmidt: Mein Frühstück ist eine Gemüsesuppe, die ich mir selbst zubereite. Mittlerweile möchte ich nichts anderes mehr. Vor Corona war ich immer in der Merkur-City in Wiener Neustadt frühstücken – Kakao und so. Jetzt ist das Frühstück meine wichtigiste Mahlzeit.

Verzichten Sie auf viel?
Braunschmidt: Ich verzichte auf nichts. Ich beziehe Essen auf Rädern, da gibt es einmal pro Woche Fleisch. Zuletzt habe ich zwei Schnitzel bekommen. Eines habe ich gegessen, aber es war so groß, dass die Katze auch noch etwas davon bekommen hat.

Johann Braunschmidt ist in Mönchhof aufgewachsen. „Wir waren arm, aber es hat uns nichts ausgemacht, weil niemand mehr hatte“, erzählt er. „Als Zehn-Uhr-Jause haben wir im besten Fall ein Schmalzbrot mitbekommen. Wenn man ein großes Scherzerl dabei hatte, schlich sich schon einmal ein Schulkollege heran und sagte: Los mi amoi obeißn.“ Braunschmidt beschreibt seine Kindheit als schön: Man sei ständig barfuß über Wiesen gelaufen. Und: „Den Kindergarten habe ich auch manchmal geschwänzt, bis zum Mittagessen war ich ohnehin wieder zu Hause“. Priester wurde er, weil damals aktiv um geistliche Berufungen geworben wurde. 1951, also vor fast siebzig Jahren, fand seine Priesterweihe statt. Seinen ersten Kaplans-Posten hatte er in Eisenstadt. Doch Braunschmidt kränkelte, wurde an den Lymphdrüsen operiert und musste zur Erholung in die Berge. Eigentlich rechnete er damit als Pfarrer tätig zu werden, als ihm die Leitung des Jugend-Bildungsheims in Forchtenstein übertragen wurde. In dieser Zeit war Braunschmidt oft in Eisenstadt, die Diözese wurde gerade gegründet und er kam mit Entscheidungsträgern in Kontakt.

„Des sog i da ned.“ Braunschmidt wirkte von 1961 bis 1977 als Bauamtsdirektor der Diözese, von 1978 bis 1990 als Direktor der bischöflichen Finanzkammer. „Der Wolfgarten in Eisenstadt war damals mein erstes Werk“, erzählt er. „Ich habe erfahren, dass man ihn um 300.000 Schilling kaufen kann. Bischof László meinte: Das wäre schön, aber wir haben kein Geld.“ „Ich habe das Geld dann gebracht und wir konnten die Pädagogische Akademie bauen.“ Wie er das Geld aufgetrieben habe? „Des sog i da ned“, lacht Braunschmidt und ergänzt: „Es war auf rechte, völlig legale Weise.“ Später wurde das Altenheim in Eisenstadt und viele Kirchen wie jene in Oberwart oder Bad Sauerbrunn verwirklicht. „Als Finanzkammerdirektor war ich dann nicht beliebt“, erzählt Braunschmidt, der als „Sparefroh“ galt. „Der Bischof hat gesagt, die schimpfen alle über sie. Darauf habe ich geantwortet: Seien Sie doch froh, dass sie schimpfen. Wenn sie mich loben würden, hätten wir keine ordentlichen Finanzen.“ Das Wirtschaften habe Braunschmidt beim Militär gelernt, wo er als „Rechnungsführer“ eingesetzt war. „Ein General hat damals meine Monatsabrechung mitgenommen, um seinen Unteroffizieren zu zeigen, wie man eine Abrechnung macht.“

Braunschmidt ist nun seit 30 Jahren im Ruhestand. „Mein Garten und mein Haus haben mich immer gefordert“, sagt er. Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf seinen Alltag aus? „Ich merke nichts davon, weil ich in Kleinfrauenhaid als Einsiedler lebe. Ich bekomme kaum Besuch.“

Trampel Trump. Vor ein paar Tagen kam Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics zu Besuch, um dem Jubilar zu gratulieren. Was dabei geplaudert wurde? „Das musst du nicht wissen“, antwortet Braunschmidt. Diese Art der Kommunikation beherrscht der Prälat. Er wirkt verbindlich, freundlich, aber immer auch wachsam, um nicht aufs Glatteis geführt zu werden. Bei der Vereinbarung des Interviews wirkte er noch verdutzt. Man müsse nicht über sein Leben berichten, sprach er, und man könne doch einfach seine biografischen Daten aufzählen. Heute scheint er Gefallen an dem Gespräch zu finden. Immer wieder kommt er auf das Gesundheits-Thema zurück. Er versuche in Bewegung zu bleiben, sagt er. Auch im Sitzen. Er hätte eine Technik gefunden, die alle Gelenke so bewegt als würde man Gehen. Viel Zeit verbringe er vor dem Fernseher – des Weltgeschehens wegen.

Welches Land kommt am besten durch die Corona-Krise?
Braunschmidt: Na wir. Der Kurz macht das gut.

Trotz der vielen Toten?
Braunschmidt: Nein, der wird das gut machen.

Was halten Sie vom amerikanischen Weg und von Donald Trump?
Braunschmidt: Der Trump ist ein Trampel. Er glaubt noch immer, dass man ihn um die Wahl betrogen hat, er kritisiert sogar das Oberste Gericht.

Wie gefällt Ihnen Papst Franziskus?
Braunschmidt: Ich lese gerade ein Buch über Franziskus. Er findet, Corona müsse der Anlass für ein Umdenken in der Welt sein. Die einen werden immer reicher, andere immer ärmer – das ist ein unhaltbarer Zustand, es muss ein Ausgleich da sein. Die Welt bringt Nahrung für alle hervor, es geht nur um die Verteilung. Ich unterstütze die Anliegen des Papstes, er macht das gut.

Heitere Sache. Johann Braunschmidt wirkt im Gespräch nicht wie ein Hundertjähriger, er erzählt pointiert und scharfsinnig. „Ich bin mir bewusst, dass meine Zeit abläuft“, sagt er. Zuletzt sei eine 98-jährige Verwandte am Coronavirus verstorben. „Es kann sehr rasch gehen.“ Mit 99 Jahren lebe er „von einem Tag auf den anderen bewusst, zufrieden und mit Dankbarkeit“. „Wir werden ja sehen wie es weitergeht.“ Am 30. Dezember folgt fürs Erste einmal sein 100. Geburtstag. Immer wieder, sagt er, schmökere er in der Kirchenzeitung „martinus“. „Schön, dass das Gespräch eine heitere Sache war.“ Dann folgt ein klassischer Braunschmidt-Satz: „Jetzt wird mir mein Mittagessen doppelt gut schmecken, weil ich das Interview schon hinter mir habe.“

Autor:

Redaktion martinus aus Burgenland | martinus

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