Aufbruch und Abenteuer
Pilgern in Krisenzeiten

Achtung Wallfahrer. Achtsamkeit und Dankbarkeit, Hoffnung und Vertrauen, Not und Enge, Freude und Zuversicht können Beweggründe für den Aufbruch sein.
  • Achtung Wallfahrer. Achtsamkeit und Dankbarkeit, Hoffnung und Vertrauen, Not und Enge, Freude und Zuversicht können Beweggründe für den Aufbruch sein.
  • Foto: Tom Kruczynski
  • hochgeladen von Redaktion martinus

Die Burgenländer sind seit jeher begeisterte Wallfahrer. In letzter Zeit erlebte das Pilgerwesen einen Aufschwung. Vor allem in Zeiten der Corona-Pandemie (samt eingeschränkter Reisefreiheit) gilt es das Naheliegende zu entdecken. Nicht die Entfernung eines Pilgerortes ist ausschlaggebend – am Anfang muss die Sehnsucht nach einem Ziel geweckt werden.

P. Karl Schauer OSB

In der Kirchenzeitung martinus konnten Sie in den letzten Monaten eine Serie über die größeren Wallfahrtsorte des Burgenlandes lesen: Maria Weinberg, Maria Loretto, Lockenhaus, Eisenstadt-Oberberg, Maria Bild, Rattersdorf, Güssing, Frauenkirchen, Ollersdorf, Forchtenstein und Dürnbach wurden ausführlich vorgestellt. Die meisten Orte sind Marienwallfahrtsorte. Aber es gibt auch Kirchen, die dem heiligen Martin geweiht sind. Der burgenländische Martinsweg (in der Liste der Europäischen Kulturwege zu finden) verbindet diese Orte unseres Landes- und Diözesanpatrons. Die Basilika Güssing hebt sich hervor mit dem einzigen Seligen unseres Landes: Ladislaus Batthyány-Strattmann, Fürsprecher der Kranken, Arzt der Armen (siehe auch Seiten 20 und 21). Forchtenstein ist österreichweit eine Besonderheit mit der heiligen Stiege. Einige Wallfahrtskirchen sind Basiliken, andere zudem auch Stätten der Kultur, so das Grab Joseph Haydns am Oberberg. Manche Pilgerorte sind völkerverbindend und bei unseren Nachbarn in Ungarn, in der Slowakei und in Slowenien nicht weniger bekannt als bei uns. Andere Orte wiederum schreiben nahezu exklusiv die lebendige Wallfahrtstradition der burgenländischen Kroaten weiter. Der ungarisch-österreichische Marienweg, der von Csiksomlyó in Siebenbürgen quer durch Ungarn und das Burgenland nach Mariazell führt, ist unterteilt in einen südlichen und einen nördlichen Marienweg. Der burgenländische Jakobsweg ist an den internationalen Pilgerweg des großen Pilgerpatrons angeschlossen. Die Wege führen an vielen Kirchen, Kapellen, Pilgerstätten, Stelen, Marterln und Wegkreuzen vorbei, die den Pilgern, Wallfahrern und Wanderern bestens vertraut sind.

Die Burgenländer sind Wallfahrer. Das durfte ich auch in den vielen Jahren meiner Arbeit in Mariazell erleben. Dafür mag es viele Gründe geben: historische, soziale und kulturelle. Darüber wurden Artikel und Bücher geschrieben, das Eigentliche entzieht sich aber einer historischen Aufarbeitung. Sicher hat die Wallfahrtstradition der Burgenländer mit ihrer Herkunft und der Armut, die weit in unsere Zeit hineinreicht, zu tun. Wallfahrt war bis in die Nachkriegszeit die einzige Möglichkeit, aus der Enge des Alltags auszubrechen und Neues zu erleben. Wallfahrt war für die arme Untertanenbevölkerung oft die einzige Möglichkeit, das umzusetzen, was wir heute als Urlaubsreise bezeichnen würden. Und doch wäre es ganz falsch, Pilgern und Wallfahrten als etwas für die „einfachen Leute“ abzutun. In der josephinischen Zeit wurde die Wallfahrt untersagt, in anderen Zeiten war sie politisch motiviert, in der Nachkonzilszeit der 60er-Jahre wurde sie oft belächelt. In den letzten Jahrzehnten hat die Wallfahrt aber eine neue Faszination erlebt – nicht geplant, nicht organisiert, nicht auf Schreib-
tischen entworfen. Sie entspricht viel eher der Sehnsucht der Menschen und bringt Leben und Glauben, Wirklichkeit und Sehnsucht in Einklang.

Wallfahrt ist Aufbruch, nicht Flucht. Der lang vergessene Jakobusweg nach Santiago de Compostela ist wiederum zu einer der Hauptstraßen Europas geworden. Und wenn Pilgerwege im Mittelalter noch mit Buße, Ablass und Strafe assoziiert wurden, werden diese heute sogar als aufstrebende Destination in illustren Reisekatalogen angeboten. Wallfahrt hat immer mit der Ehrlichkeit des Lebens zu tun, sie ist keine Ausnahmesituation. Wallfahrt verdichtet die Grunderfahrungen des Lebens. Sie ist Aufbruch, nicht Flucht, sie ist Gemeinsamkeit, nicht solistische Selbsterfahrung, sie ist Abenteuer, nicht langweiliger Trott, sie kennt ein Ziel, sie ist Begegnung, niemals Flucht und: sie führt immer in das Leben zurück, oft mit mehr Zuversicht, mit größerer Freude. Einfach gesagt: Pilger erfahren etwas, was ihnen „gut tut“ und was sie deshalb immer wieder suchen.

Die Wege unseres Lebens sind Pilgerwege. Der Weg ist nicht das Ziel! Aber das Gehen des Weges ist ein Bild für unser Leben. Die erste Motivation der Wallfahrt ist nicht die Selbsterfahrung, nicht das Ausloten der physischen Kräfte, ist nicht sportliche Betätigung. Wallfahrt betrifft den ganzen Menschen, Leib, Seele und Herz, den Menschen mit seiner Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, mit seiner unbändigen Sehnsucht nach Zielen und mit der Ahnung, dass es im Leben mehr gibt als Geld, Konsum, Leistung, Versagen und Gelingen. Der Mensch bleibt immer ein Wesen des Weges, er macht Erfahrungen, teilt diese mit anderen und erfährt sich auf dem Weg als Beschenkter. Auch Umwege, Abwege und Sackgassen lassen ihn letztlich nicht resignieren. Diesen Weg geht er nicht allein, er teilt diesen mit anderen, er wird ermutigt und ermutigt die Weggefährten. Jeder Pilgerweg wird so zu einer verdichteten Lebenserfahrung, vielleicht auch Gotteserfahrung. Wer sich als Pilger auf den Weg macht, steigt aus seinem Leben nicht aus, nimmt vielmehr das Leben mit, auch das beschwerliche und mühsame, packt es ein in seinen Rucksack und kommt als Gewandelter an die alltäglichen und oft beschwerlichen Orte seines Lebens zurück. Wer als Pilger aufbricht, vertraut der bedingungslosen Güte Gottes, seiner Zuwendung und Liebe zu uns Menschen. Gott allein vermag unsere Verzweiflung, Trauer und Resignation in Hoffnung, unsere Mutlosigkeit und Müdigkeit in Mut zu wandeln und das Vertrauen in einen Neuanfang zu wandeln. Eigentlich kommt die Wallfahrt aus der Wahrheit Gottes. Er ist der, der die Ur-Initiative ergriffen hat. Er ist der, der unermüdlich auf uns zugeht: In der Schöpfung am Anfang der Welt und in der Erlösung als Anfang eines neuen gottgewollten Lebens. Gott ist keine Ideologie, keine Vertröstung, sondern das Du auf Augenhöhe. Er nimmt den Menschen in seinen Blick, er geht auf den Menschen zu, er ist immer unterwegs zu uns, er ist eigentlich „der“ Wallfahrer! Sein Ziel ist der Mensch.

Wallfahren hilft. An vielen Wallfahrtsorten gibt es eine Fülle von Votivbildern und Votivgaben. Sie sind eigentlich nichts anderes als Kurzgeschichten des Lebens, vor allem Dank für unerwartete Hilfe. Diese Kurzgeschichten können auch heute weitergeschrieben werden und verbinden uns zugleich mit den Lebenserfahrungen der Generationen vor uns. Unheilbare Krankheiten, Fuhrwerksunfälle, Epidemien, Lebenseinbrüche waren immer so schmerzvoll, so schrecklich wie heute, sie zeigen letztlich unsere Zerbrechlichkeit und haben von ihrer Aktualität nichts verloren. So kennen nahezu alle Religionen das Phänomen der Wallfahrt, in Jerusalem wissen sich sogar die drei großen monotheistischen Religionen beheimatet. Darüber hinaus sind die weltbekannten Wallfahrtsorte vielleicht so etwas wie die geheimen Hauptstädte religiöser und kultureller Begegnung. Die Gnadenbilder und Gnadenorte stehen für die Konkretheit der Zuwendung Gottes. Gott wird sichtbar, er hinterlässt konkrete Spuren.
Aufbruch und Abenteuer. Die Pandemie hat uns auch gelehrt, dass Flugreisen und große Unternehmungen für die nächste Zeit wahrscheinlich nur in eingeschränkter Form möglich sein werden. So möchte ich die Pilgerleiter, die Erwachsenen, die Jugendlichen, die Kinder, die Alten einladen, das Naheliegende neu zu entdecken. Nicht die Größe oder Entfernung eines Pilgerortes ist das Ausschlaggebende, am Anfang muss die Sehnsucht nach einem Ziel geweckt werden. Das Ziel macht Lust auf das große Abenteuer der Begegnung mit dem Fremden, dem Unbekannten, dem Vergessenen, aber auch mit dem Vertrauten, dem Erhofften, Ersehnten und mit dem, der mein Leben heilt. Achtsamkeit und Dankbarkeit, Hoffnung und Vertrauen, Not und Enge, Freude und Zuversicht können die Beweggründe für den Aufbruch sein. Pilgerorte, und mögen sie noch so klein und unbedeutend sein, sind immer auch Stätten der Gastfreundschaft, offen und einladend.
Eine verschlossene Wallfahrtskirche ist ein Widerspruch. Im ganzen Burgenland stehen
unzählige Säulen mit dem heiligen Rochus und dem heiligen Jakobus. Diese Pa-
trone und die Wallfahrerkreuze entlang der Wege zeigen uns, dass es sich immer noch lohnt mit Gott zu gehen, auf ihn zuzugehen und mit ihm zu rechnen. Es pilgert sich anscheinend doch leichter, wenn du im Namen Gottes gehst und aufbrichst. «

P. Karl Schauer war langjährig Superior und Wallfahrtsseelsorger in Mariazell. Er ist Bischofsvikar der Diözese Eisenstadt, zuständig für den Bereich des Wallfahrtswesens.

Autor:

Redaktion martinus aus Burgenland | martinus

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