P. Martin Bichler im Tiroler Sonntag-Interview über Nachhaltigkeit, Autostoppen und Seelsorge in Zeiten von Corona
Solaranlagen, Vorbilder und Franz

P. Martin Bichler ist die Sorge um die Natur ein Herzensanliegen.

Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika „Laudato si“ die Schöpfung als gemeinsames Haus beschrieben, das es zu bewahren gilt. Wie kann der Franziskanerorden dieser Vorgabe nachkommen?
P. Martin Bichler:
Bei uns im Orden ist das Thema Nachhaltigkeit sehr wichtig – und die Frage: Wie können wir Vorbild für andere sein? Ich versuche, bewusst auf das Auto zu verzichten, bin häufig zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. Auch wenn ich es nicht unbedingt zur Nachahmung empfehle: Wenn es die Zeit erlaubt, bin ich statt mit dem eigenen Auto als Autostopper anzutreffen. In der Region kennt man mich bereits mit meinem Ordensgewand und ich habe sehr schöne Erfahrungen damit gemacht, da ich mit den Menschen ins Gespräch komme. Ich möchte diese großartigen Unterhaltungen nicht missen. In unserem Orden stellen wir immer wieder die Überlegung an, wie wir ressourcensparend und nachhaltig unser Leben im Haus gestalten können. Auf dem Hausdach unseres Klostergebäudes wurde 1994 die erste Solaranlage von Lienz installiert. Damit wollten wir Vorbild für andere sein. Pater Basilius hat dies damals forciert und gemeint: „Wenn die Franziskaner das nicht machen, macht das niemand“. Dieser Weg muss von unserem Orden weitergegangen werden, damit wir der Schöpfungsverantwortung gerecht werden.

In der Coronazeit waren Sie auf dem Pilgerweg „Hoch und Heilig“ in Osttirol unterwegs. Welche Erfahrungen haben Sie beim gemeinsamen Unterwegssein gemacht?
P. Martin:
Der Pilgerweg „Hoch und Heilig“ führt an sehr vielen Schönheiten Osttirols vorbei – an wunderschönen Almen, Bergen, Tälern und Jöchern. Gleichzeitig führt uns der Weg zu den großartigen Wallfahrtsorten, die an besonderen Plätzen errichtet wurden und zum Verweilen und Auftanken einladen.
Beim Gehen wird einem bewusst, in welch schönem Land wir leben dürfen und wie abwechslungsreich die Landschaft in Osttirol ist. Das Schöne beim gemeinsamen Pilgern ist, dass der Weg in der Gruppe leichter zu bewältigen ist. Man kann sich gegenseitig anspornen und muss aufeinander Rücksicht nehmen. Das gemeinsame Unterwegssein ist etwas sehr Schönes: ein Stück des Glaubensweges miteinander zurücklegen und Freud, Leid und die Schönheiten der Natur zu teilen.

Sie haben während der Coronazeit dem verwilderten Garten im Franziskanerkloster seine alte Schönheit wiedergegeben. Wie haben Sie die Seelsorge während der Coronazeit erlebt?
P. Martin:
Den Beginn der Coronazeit, in der eine strenge Quarantäne einzuhalten war, nutzten wir, um die alten Bäume und Sträucher unseres Klostergartens von der Schneelast des Winters zu befreien. Nach einiger Zeit merkten wir, dass die Menschen unsere Unterstützung brauchen. Wir öffneten den Kreuzgang und wollten ein Angebot für ein Gespräch oder ein Gebet schaffen. Die Möglichkeit, in den Kreuzgang zu kommen, war für viele Menschen sehr hilfreich und wohltuend. Dieser Ort lud zum Verweilen ein, gab den Menschen ein wenig Sicherheit und Stabilität, welche zu diesem Zeitpunkt sehr wichtig war. Das Kloster liegt ja optimal. Die Menschen kommen immer wieder gerne, sei es, um den Gottesdienst zu besuchen, zur Aussprache oder Beichte oder um eine Kerze anzuzünden und für sich selbst oder für andere zu beten. Dass die Zahl der Franziskaner zurückgeht, ist für uns immer wieder eine Herausforderung. Allen Ansprüchen gerecht zu werden, ist nicht mehr möglich. Aber wir arbeiten im Seelsorgeraum Lienz-Süd, im Krankenhaus und sind zudem als Aushilfspriester in anderen Pfarren im Einsatz.

Die Schere zwischen der Natur und der Menschheit öffnet sich unter dem Druck der Profitgier immer weiter. Was können Sie als Franziskaner diesem Druck entgegenhalten?
P. Martin:
Als Mitglied des Franziskanerordens bin ich gefordert, meinen Standpunkt zu vertreten. Wenn ich die Möglichkeit habe, suche ich das Gespräch und versuche mich einzubringen. Es ist sicher nicht der richtige Weg, einfach zuzuschauen, wie Natur und Mensch ausgebeutet werden. Jedoch stehen wir auch als Ordensmänner manchmal dieser wirtschaftlichen Entwicklung ohnmächtig und hilflos gegenüber. Es ist wichtig, das Anliegen des Einsatzes für eine gerechtere Welt wach zu halten. Diese Glut müssen wir hüten.

Das Interview führte Hildegard Lanser.

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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