Petrus-Canisius-Jahr 2021
Petrus Canisius. Ein schwieriger Patron?

Petrus Canisius hatte eine tiefe Faszination für Gott. Aufgeben war keine Option für ihn. Kompromisslos stellte er sich in den Dienst der Mission, Menschen für den Glauben zu gewinnen.
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  • Petrus Canisius hatte eine tiefe Faszination für Gott. Aufgeben war keine Option für ihn. Kompromisslos stellte er sich in den Dienst der Mission, Menschen für den Glauben zu gewinnen.
  • Foto: Deutsche Provinz SJ/ ADPSJ, Abt. 800, Nr. 45
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Petrus Canisius (1521-1597) lebte in einer Zeit heftiger Konflikte – in Europa und in der Kirche. In monatelanger Forschungsarbeit hat der Historiker Mathias Moosbrugger für sein neues Buch dessen Wirken erforscht. Im Tiroler Sonntag-Interview berichtet er von überraschenden Erkenntnissen, seiner historischen Schuld und tiefen Mystik.
Die Fragen stellte Gilbert Rosenkranz

Sie haben in wissenschaftlicher Knochenarbeit Quellenstudium betrieben und dabei viele Dokumente aus der Feder von Petrus Canisius studiert. Welches Persönlichkeitsbild ergibt sich daraus für Sie?
Mathias Moosbrugger: Petrus Canisius ist ein Glücksfall für den Historiker: Er ist eine Schlüsselfigur für eine der faszinierendsten Epochen der Geschichte, das 16. Jahrhundert. Sein Leben macht es möglich, in diesem Reformationsjahrhundert eine ungewohnte, nämlich die katholische Perspektive herauszuarbeiten. Mich hat in diesem Zusammenhang besonders seine tiefe, geradezu mystische Spiritualität fasziniert, aber auch, dass er die katholische Kirche gerade nicht als einengende Institution wahrgenommen hat, sondern als Möglichkeit, aus den gutbürgerlichen Verhältnissen seiner Herkunftsfamilie auszubrechen. Er trat 1543 dem damals praktisch noch unbekannten Jesuitenorden bei, weil er hier die Chance sah, ganz anders zu leben. Er ist damit ein großer Weltveränderer geworden, der der katholischen Kirche nördlich der Alpen, wo die Reformation seit Jahrzehnten unüberwindlich schien, wieder eine Zukunft gegeben hat.

Breiten Raum nimmt in Ihrer Lebensbeschreibung die Haltung von Petrus Canisius gegenüber den Protestanten ein, über die er in einem sehr rauen Ton gesprochen hat. Wie sehen Sie seine Verehrung auf dem Hintergrund der ökumenischen Bemühungen für die Einheit der Kirchen?
Moosbrugger: Diese sprachliche Härte ist eine historische Tatsache; man muss sie dementsprechend auch historisch verstehen: Es war eine teilweise religiös hysterische Zeit. Das drückte sich auch in der Rhetorik aus; da haben sich Protestanten und Katholiken nichts geschenkt. Immerhin waren alle davon überzeugt, dass es um die wichtigste Frage geht: die Frage nach der richtigen Religion. Für die heutige ökumenische Diskussion halte ich das für kein besonderes Problem. Beide Seiten, die protestantische und die katholische, haben ein ähnlich schwieriges Erbe mit Vertretern eines rhetorischen Grobianismus in religiösen Dingen. Diesbezüglich kann keiner dem anderen etwas vorwerfen. Für die wenig ausgeprägte Verehrung des heiligen Petrus Canisius heißt das, dass der Grund seiner Heiligkeit sicher nicht in seiner harten Rhetorik liegt, sondern in seinem dahinterliegenden Bemühen, eine authentische Erschließung des Katholischen für seine Gegenwart zu leisten. Übrigens ist es ja nicht so, dass die Heiligsprechung eines Menschen die Heiligsprechung von allem in seinem Leben bedeutet. Auch ein Heiliger kann – ja muss vielleicht sogar – ein Mensch mit Licht- und Schattenseiten sein.

Glaubens- und Gewissensfreiheit sind Errungenschaften, die wesentlich auf die Reformation zurückgehen und sich gegen den Widerstand der katholischen Kirche durchgesetzt haben. Welche Lehren sollte sie im Sinne ihrer Erneuerung und der Einheit der Kirchen daraus ziehen?
Moosbrugger: Das würde ich nicht so schwarz-weiß sehen. Tatsächlich hat gerade die Reformation nicht die menschliche Freiheit, sondern die souveräne göttliche Freiheit ins Zentrum gestellt. Protestantismus und Katholizismus haben im Laufe der Geschichte gleichermaßen mit der Frage nach der menschlichen Freiheit angesichts Gottes gerungen. Die dramatische Geschichte, wie Glaubens- und Gewissensfreiheit zu Grundlagen des modernen Menschenbildes geworden sind, ist ohne dieses Ringen der christlichen Konfessionen nicht zu verstehen. Ich glaube, dass gerade dieses gemeinsame, durchaus auch konfliktive Ringen der christlichen Kirchen ein wertvoller Beitrag für die Auseinandersetzung mit den großen Fragen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens sein kann – nicht nur damals, sondern auch heute.

Petrus Canisius hat sich sehr aufgeschlossen gegenüber dem Hexenglauben gezeigt und ihn auch gefördert – mit schwersten Auswirkungen für die Gesellschaft, nicht zuletzt für die Frauen. Wie erklären Sie sich diese Haltung eines so hoch gebildeten Mannes?
Moosbrugger: Der Glaube an dämonische Kräfte war damals allgemeinverbreitet, noch dazu kämpfte man mit schwierigen klimatischen Bedingungen, massiven Ernteausfällen usw. Da legten sich Sündenbockjagden nahe: die Sündenböcke fand man in Hexen, denen man vorwarf, für all das verantwortlich zu sein. Petrus Canisius war hier fatalerweise ein Kind seiner Zeit: Von großer Angst umgetrieben, hat er als wirkmächtiger Prediger seine eigene Hexenangst unter seinen Zuhörern verbreitet. Zwar hat er Hexenverfolgungen nicht direkt miterlebt, aber er hat das bereits aufgeheizte Klima der Angst weiter angefeuert. Jahrzehnte später ist es gerade in seinen Wirkgebieten zu großen Verfolgungswellen gekommen. – Es ist nicht wegzuerklären: Es ist die tragische Schuld seines Lebens, hier nicht nur nicht über seine Zeit hinausgewachsen zu sein, sondern diese Hexenangst sogar noch populärer gemacht zu haben. Ich möchte allerdings davor warnen, das zum Anlass zu nehmen für moralische Verurteilungen. Der Fall des Petrus Canisius sollte meiner Meinung nach eher Anlass sein, sich die Frage zu stellen, wo wir heute besten Wissens und Gewissens ähnliche Sündenbockjagden betreiben, die weniger gerechtfertigt sind, als wir meinen. Sie haben im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit den Fall einer Frau recherchiert, die unter maßgeblicher Beteiligung von Petrus Canisius zum Leben im Kloster genötigt wurde. Heute würde man dazu wohl spiritueller Missbrauch sagen.

Trotz schwerer Fehltritte hat die Kirche Petrus Canisius zum Kirchenlehrer erklärt. Wie lassen sich solche Zuschreibungen gegenüber kritischen Zeitgenossen argumentieren, wenn in der Lebensbilanz derartige Geschichten vorkommen?
Moosbrugger: Als Historiker ist es nicht meine Aufgabe, Menschen der Geschichte zu verteidigen. Ich möchte vielmehr dazu beitragen, Menschen der Geschichte besser zu verstehen. Das ist auch bei Petrus Canisius der Fall, den ich nicht heiliger sprechen möchte als er ist. Dass er ein Mann mit zum Teil harten Ecken und Kanten gewesen ist, ist eine Tatsache. Eine Tatsache allerdings, die ihn historisch interessanter macht als es eine auf heutige Standards zurechtgebügelte Biographie sein könnte – Standards übrigens, die selbst schon bald vorgestrig sein können. – Was ich sagen kann: Er war eine hochfaszinierende Persönlichkeit und hat in seinen Schriften, Predigten und seinem ganzen Leben dazu herausgefordert, sich den großen Fragen des Lebens zu stellen. Heute besteht die Gefahr in einer konsumorientierten Welt meiner Wahrnehmung nach vor allem darin, diese großen Fragen kaltzustellen. Der Kirchenlehrer Petrus Canisius ist vielleicht gar nicht die schlechteste Adresse, um sich in dieser bequemen Lebenshaltung eine Lektion erteilen zu lassen: Müsstest du nicht viel mehr tun, als nur deine persönlichen Lüste und Lüstchen ins Zentrum deines Lebens zu stellen? Müsstest du nicht Fragen nach Sinn und Wahrheit deiner Lebensgrundsätze neu an dich heranlassen – und damit Fragen, auf die es keine bequemen Kurzantworten gibt, sondern die dich dein ganzes Leben lang herausfordern werden?

Petrus Canisius ist ein Heiliger der großen Lebensfragen. Aus der zeitlichen Distanz von 500 Jahren betrachtet: Worin kann Petrus Canisius heute Vorbild sein?
Moosbrugger: Nicht zuletzt mit seinem Durchhaltevermögen: Er hat nie aufgegeben, auch dann nicht, wenn die Aussichten katastrophal waren und sich keine unmittelbaren Erfolge eingestellt haben. Er hat vor Päpsten, Kaisern und Königen gepredigt, aber er war sich auch nicht zu schade, vor beinahe leeren Kirchen mit einer Handvoll frommer alter Frauen zu predigen. Der deutschsprachige Raum galt in Rom als verlorenes Gebiet, aber er hat sich schlicht geweigert, das zu akzeptieren. Seine unermüdliche Arbeit hat dann zur unerwarteten Trendwende geführt. – Man lernt von ihm aber auch, dass äußeres Engagement eine innerliche Seite haben muss: Nur seine tiefe Faszination für Gott hat es ihm ermöglicht, an der Welt nicht zu verzweifeln, sondern sie neu zu gestalten.

Petrus Canisius hatte eine tiefe Faszination für Gott. Aufgeben war keine Option für ihn. Kompromisslos stellte er sich in den Dienst der Mission, Menschen für den Glauben zu gewinnen.
Mathias Moosbrugger (38) ist Assistent am Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie der Universität Innsbruck.
Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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