Dietrich Bonhoeffers Briefe sind Edelsteine
Ins neue Jahr mit guten Mächten
- Dietrich Bonhoeffers Briefe aus dem Gefängnis sind beeindruckende Zeugnisse der Hoffnung.
- Foto: APA-Images/akg-images
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Äußerlich gefangen aber innerlich gehalten: So lesen sich Dietrich Bonhoeffers Briefe
aus der Haft. Sein Weg des Ringens und Reifens liest sich spannend wie ein Krimi.
Bonhoeffers Briefe sind von großer Strahlkraft. Dass sie seit wenigen Jahren zur Gänze dem Lesepublikum zugänglich sind, ist kaum bekannt. Dabei bieten sie eine in ihrer Art einmalige Ermutigung, inmitten einer tristen Umgebung dankbar und hoffnungsvoll zu leben.
Immer wieder treiben ihn gleichbleibende Fragen um: Wie glauben angesichts tiefster
Not? Wie überleben ohne zu verbittern? Wie anderen Mut machen, auch wenn der letzte
Funken Hoffnung auszulöschen droht?
Freunde haben schon bald erkannt, welchen Schatz die Gedanken Bonhoeffers darstellen. Sie überdauerten den Krieg zum Teil vergraben in einem Garten – nicht zuletzt aus Angst. Dass wir sie heute lesen können, verdanken wir einem mutigen Wärter, der sich über Anordnungen hinwegsetzte und sie aus dem Gefängnis schmuggelte.
Die Drossel des Dankes
Wie ein roter Faden zieht sich durch Bonhoeffers Gedanken, dass er Brief um Brief einen Grund zum Danken findet. In seinem ersten Brief am 14. April 1943 ist es ein Vogel. Er schreibt: „Hier im Gefängnishof singt morgens und auch jetzt abends eine Singdrossel ganz wunderbar. Man wird für Geringes dankbar, auch das ist wohl ein Gewinn!“
Die geänderten Lebensumstände – Bonhoeffer wuchs in gutbürgerlichen, wohlhabenden Verhältnissen auf –
kommentiert er beinahe humorvoll: Sie spielen „merkwürdigerweise tatsächlich fast keine Rolle. Man kann sich auch mit trocken Brot morgens satt essen“. Im selben Brief zitiert er das Lied „Lobe den Herrn, den mächtigen König…“ (Gotteslob 392). Auch nach seiner Inhaftierung findet Bonhoeffer genug Grund zum Loben, denn Gott habe die Flügel schützend über ihn gebreitet.
Gefangene Reflexion
Die Gefängniszelle versetzt Bonhoeffer in einen erzwungenen Zustand der Zurückgezogenheit. Bislang umtriebig und ständig unterwegs – seine Reisen führen ihn bis nach Amerika – nutzte er diesen, um intensiv Glauben und Verkündigung der Kirchen zu reflektieren.
Starke Selbstzweifel
Statt Zug um Zug weiterzuschreiben, werden seine Gedanken ständig unterbrochen von sich häufenden alliierten Bombenangriffen. Ob er sich auch deshalb dem Schreiben von Gedichten zuwendet? Seinem Freund Eberhard Bethge gegenüber hegt er starke Zweifel an deren Qualität. Bethge ermuntert ihn, weiterzumachen. So vertraut er dem letzten Brief an Maria von Wedemeyer, seiner Verlobten, das Gedicht „Von guten Mächten treu und still umgeben…“ an. Nur wenige Zeilen davor erzählt Bonhoeffer von seinem Alltag: Er zeigt sich dankbar, dass er wieder rauchen darf und erzählt von einem großen, unsichtbaren Reich, in dem er lebe. Und er fordert seine Verlobte auf, nicht mutlos zu werden – trotzdem sie nun schon zwei Jahre Woche für Woche auf ein Wiedersehen warten. Eines, das es auf Erden nie geben sollte. Dietrich Bonhoeffer wurde am 9. April 1945 – rund einen Monat vor der Kapitulation des Deutschen Reichs – gehängt. Auf ausdrücklichen Befehl Adolfs Hitlers. Die zur Hinrichtung Verurteilten mussten sich vollständig entkleiden und nackt zum Galgen gehen.
Gilbert Rosenkranz
Autor:Gilbert Rosenkranz aus Tirol | TIROLER Sonntag |
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