Jesuitenpater Josef Thorer im Gespräch
Gottes Solidarität am Kreuz

Licht von oben, zugewandtes Kreuz. Kunst und Architektur in der Pfarrkirche Poing (Bayern).
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  • Licht von oben, zugewandtes Kreuz. Kunst und Architektur in der Pfarrkirche Poing (Bayern).
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Die Kar- und Ostertage werfen existenzielle Fragen auf – nach dem Sinn des Leidens, dem Leben nach dem Tod, nach Schuld und Versöhnung. Der Jesuit Josef Thorer begegnet ihnen in der geistlichen Begleitung immer wieder. Ein Gespräch über die Sehnsucht nach Stille und Versöhnung, eine neue Chance für die Beichte und einen befreienden Blick auf das Kreuz.

Die Karwoche und Ostern stehen vor der Tür. Wie erleben und gestalten Sie persönlich diese Zeit?
P. Josef Thorer: In den vergangenen Jahren habe ich in der Karwoche meist Gruppen in Exerzitien begleitet oder selber Exerzitien gemacht. Da war es jeweils eine ruhige Woche, die inhaltlich zunächst unterschiedliche Schwerpunkte hatte. In den Kartagen aber hatte dann das Thema Passion das Hauptgewicht und bereitete so auch auf Ostern vor – durch die Betrachtung der entsprechenden Texte und die Feier der Liturgie. Zusätzlich zur Liturgie bin ich einen Kreuzweg gegangen, etwa zum Höttinger Bild oder in Thaur.

Viele Menschen sehnen sich gerade in der Fastenzeit nach mehr Stille, innerer Einkehr, auch nach Gebet, und finden trotzdem nie Zeit dafür. Wie kann es dennoch gelingen?
Thorer:
Wer sich den eigenen Tagesablauf anschaut, wird vermutlich Zeiten finden, die er leichthin „vertut“, und die er für das Stillwerden vor Gott nützen kann. Wichtig ist, sich Zeiten von vorneherein zu reservieren. Wenn ich mich der Spontaneität überlasse, sind die aktuellen äußeren Eindrücke und Anforderungen meist stärker als der Wunsch nach Stille. Es ist gut, sich klar zu werden, was ich realistischerweise durchhalten kann, und einen Ort zu suchen, der mir Ruhe gönnt. In dieser stillen Zeit kann jemand sich einfach mit dem Namen Jesu auf Seine Gegenwart besinnen, ein vertrautes Gebet gleichsam verkosten oder sich von einem Text der Heiligen Schrift anregen lassen. So kann einen z. B. ein Wort aus einem Psalm einen Tag hindurch begleiten. Darüber hinaus kann ich auch verschiedene Gelegenheiten nützen, indem ich Dinge, die ich ohnehin mache, ganz bewusst vollziehe: Kaffee trinken, eine Wegstrecke aufmerksam gehen, bei der Fahrt im Bus fragen: Wie würde Jesus all diese Menschen anschauen? Ich kann davon ausgehen, dass er es tatsächlich tut.

Ostern ist ohne die Kartage nicht denkbar. Welche Möglichkeiten sehen Sie, die ursprüngliche Einheit der Kar- und Ostertage in unserer „Spaßgesellschaft“ neu zu verstehen?
Thorer:
Der Spaß lässt sich nicht beliebig aufrechterhalten bzw. steigern. Wenn Menschen erfahren oder es gelingt, ihnen zu vermitteln, dass zum Leben auch die Schattenseiten gehören, und diese nicht nur lästiges Beiwerk sind, sie vielmehr zu einer Vertiefung des Lebens führen können, dann könnte darin ein Zugang zum Ostergeschehen liegen. Die Liturgie bietet sehr kräftige Bilder und Rituale für diesen Durchgang, den Jesus uns vorausgegangen ist. Wichtig scheint mir, das Geschehen als solches durch eine sorgfältige Gestaltung zur Geltung kommen zu lassen, ohne vorzuschreiben oder Druck auszuüben, wie Menschen es aufnehmen sollen.
Mir scheint der Blick auf die Passion immer noch belastet von der Vorstellung, dass es das Opfer eines Menschen braucht, um Gott wieder zu versöhnen. Man vergisst dabei, dass Gott selbst uns seinen Sohn gibt und uns in ihm so weit entgegenkommt, als es nur möglich ist.

Der Karfreitag ist für viele ein bedrückender, unangenehmer Tag, der so schnell wie möglich vorübergehen soll. Muss es so sein?
Thorer:
Der Tod Jesu ist ein sehr ernstes und schreckliches Geschehen. Wenn Pilatus Jesus herausführt und sagt: „Das ist der Mensch!“, dann ist der geschundene Leib ein Spiegel der Grausamkeit derer, die ihn so zugerichtet haben. Und diese Grausamkeit steigert sich noch in der Kreuzigung. Das zu sehen, ist nicht gut ohne Bedrückung möglich. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere Seite bedeutet, dass Jesus auf diese Weise bezeugt, dass Gott uns auch noch in Leid, in Schuld und Tod gegenwärtig ist. So ist die Passion zugleich ein Ausdruck intensivster Zuwendung. Kyrill von Jerusalem, ein Kirchenvater des 4. Jahrhunderts, drückte es folgendermaßen aus: „Gott breitete am Kreuz seine Hände aus, um die äußersten Enden des Universums zu umarmen. So wurde der Berg Golgotha zum Angelpunkt der Welt.“

Welche Bedeutung hat diese Einsicht in der geistlichen Begleitung?

Thorer: Sie ist vor allem dann aktuell, wenn jemand Schweres erlebt hat bzw. erlebt. Dann kann der Blick auf den Gekreuzigten zeigen, was vor Gott alles da sein darf und es kann dabei eine Solidarität erfahren werden. Und es kann darin das Angebot der Versöhnung von Gott her erahnt oder erlebt werden. Das Kreuz ist nicht so sehr eine rationale Antwort als ein Zeichen und eine Zusage, dass Leid und Schuld in Gott aufgehoben sind und zum Guten gewendet werden können.

Die „Osterbeichte“ ist hier und da ein wenig in Vergessenheit geraten. Was empfehlen Sie Menschen, die es wieder mit der Beichte probieren möchten?

Thorer: Ostern bedeutet einen Neuanfang für die Jünger – nach der Enttäuschung über den Tod Jesu, den Gott nicht verhindert hat, und nach der Beschämung über das eigene Versagen bei der Passion erfahren sie Jesus in einer neuen Lebendigkeit und sich selber als von neuem Gesendete. Ostern ist eine Einladung, uns als die Menschen, die wir sind, Gott anzuvertrauen. Beichte kann beides sein: Bekenntnis begangener Schuld und ebenso erfahrener Schwäche. Dem entsprechen die Bitte um Vergebung und die Bitte um Hilfe und Heilung. Ich kann mich fragen, wo ich mir selbst, wo ich den Mitmenschen geschadet habe und was mich vor allem von Gott trennt. Wichtig ist es, die Beichte nicht als Gericht zu begreifen, sondern als geschenkte Möglichkeit, immer wieder neu zu beginnen.

Was raten Sie Menschen, die sich Versöhnung wünschen, aber den ersten Schritt nicht wagen?
Thorer:
Es gibt letztlich keinen anderen Rat, als es dennoch zu versuchen. Wenn ich keinen großen Schritt schaffe, kann ich einen kleinen Schritt versuchen – eine Art Anfrage oder dosierte Vorleistung, auf die der andere reagieren kann. Schritt für Schritt kann so eine Annäherung geschehen oder im ungünstigen Fall eine neue Enttäuschung eintreten, die aber als Reaktion auf einen kleinen Schritt nicht allzu tief sein muss. Gut ist es, sich vor Augen zu halten, was den Wert einer Versöhnung ausmacht. Sie bedeutet eine große Entlastung und Befreiung. Ich kann mich wieder mit neuer Kraft anderen Aufgaben und Lebensmöglichkeiten zuwenden.

Haben Sie einen „Lieblingstag“ in der Kar- und Osterliturgie?
Thorer:
Ein Lieblingstag ist für mich der Gründonnerstag, weil er das Kommende schon vorausblickend zusammenfasst und in der Eucharistie immer wieder lebendig wird. Wenn Jesus den Jüngern den Kelch überreicht, dann ist das ein Zeichen des Bundes Gottes mit uns Menschen, das nicht auf Papier mit Stempel oder Wachs bekräftigt wird, sondern mit Blut, d.h. mit der völligen Hingabe Seines Lebens. An dieser Zusage bleibender Verbundenheit kann ich mich im Alltag aufrichten. Ein Tag, der meiner Meinung nach zu wenig beachtet und verstanden wird, ist der Karsamstag. Bei einem Verlust gilt es zunächst einmal die Leere auszuhalten und zu warten, bis sich etwas Neues zeigt oder möglich wird. Die Versuchung liegt darin, dieses Warten abzukürzen und die Leere angestrengt füllen zu wollen. «

Gelegenheit zu Aussprache und Beichte in der Jesuitenkirche Innsbruck: Sonntag: 10.30-11.00 Uhr; Montag bis Samstag: 18-19.00 Uhr.

Licht von oben, zugewandtes Kreuz. Kunst und Architektur in der Pfarrkirche Poing (Bayern).
P. Josef Thorer SJ
Autor:

Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag

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