Eignet sich Josef von Nazareth als Vorbild für Männer?
Die Welt braucht Väter

Ernst Ehrenreich – im Bild mit Sohn Leonhard. | Foto: Foto: Ehrenreich

Josef von Nazareth war ein wichtiges „Role Model“, ein Rollenvorbild für den Buben, Burschen und Mann Jesus. Papst Franziskus vermutet in seinem Schreiben „Patris corde“ („Mit dem Herzen des Vaters“), dass Josefs Vaterrolle auch das Gleichnis vom barmherzigen Vater inspiriert hat. Zum beginnenden Josefsjahr 2021 schreibt Ernst Ehrenreich über das Mann-Sein damals und heute und über „Patris corde“.

Diese Zeilen schreibe ich, nachdem mein kleiner Sohn Leonhard in meinen Armen eingeschlafen ist. Nun ist Ruhe eingekehrt – und ich habe Raum, um „Patris corde“ zu lesen. Als Theologe und Mitarbeiter der Männerberatung studiere ich die Gedanken zum heiligen Josef mit Interesse. Schreibt Papst Franziskus einen frommen Text in der Tradition der Josefsverehrung des 19. Jahrhunderts? Gibt er Impulse für Männer im Jahr 2021? Beim Lesen wird mir klar, dass beides der Fall ist. Diese Kombination passt zum Papst.

Spiegel des göttlichen Vaters. Die sieben Kapitelüberschriften geben den roten Faden an: es geht um Liebe und Erbarmen, das innere Hören, das Annehmen der Wirklichkeit, um kreativen Mut, um den Wert der Arbeit – und besonders spannend: um das Widerspiegeln des göttlichen Vaterbildes durch den heiligen Josef. Im Folgenden greife ich einige Aspekte heraus, die mir bedenkenswert erscheinen.

Zärtlichkeit und Kraft.
„Die Welt braucht Väter, Despoten aber lehnt sie ab, also diejenigen, die besitzergreifend sind, um ihre eigene Leere zu füllen.“ Dieser Satz des Papstes erinnert mich an viele Beratungsgespräche mit Männern. Die Rollenbilder haben sich seit den 1960er-Jahren gravierend verändert. Unsicherheit, Überforderung und (nicht selten) innere Leere begleiten mehr Männer, als man meinen würde. Gerade auch jene, die dann gewalttätig werden. „Macho“ oder „Softie“? Karriere, Druck am Arbeitsplatz und Zeit für die Familie? Das Phänomen der vaterlosen Gesellschaft? Josef steht für einen unaufgeregten Typ Mann, der aus der Stille kommt und präsent ist: durch aufmerksame Feinfühligkeit, mit einer klaren Haltung und mit praktischer Tatkraft. Er verbindet Zärtlichkeit und Kraft.
Die Wirklichkeit annehmen. Als Schlüssel für diese Verbindung nennt der Papst die Annahme der Wirklichkeit. Ohne Annahme der Realität bleiben wir „eine Geisel unserer Erwartungen und der daraus resultierenden Enttäuschungen. Josef zeigt einen Weg, der annimmt. Nicht als „passiv resignierter Mann, sondern als mutiger Protagonist (…) Das Leben auf diese Weise anzunehmen führt uns zu einem verborgenen Sinn (…) In ihrer geheimnisvollen Unergründlichkeit und Vielschichtigkeit ist die Wirklichkeit Trägerin eines Sinns der Existenz mit ihren Lichtern und ihren Schatten.“ Schöner als Papst Franziskus hätte es auch der berühmte Therapeut und Sinn-Forscher Viktor Frankl nicht sagen können.

Träume und kreativer Mut. Bei Beratungsgesprächen frage ich gerne: „Hast du einen Traum, der dich begleitet? Wo geht dir das Herz auf?“ Träume geben Energie für den eigenen Weg und weisen die Richtung. Josef ist in Kontakt mit seinen Träumen – und er setzt sie schlicht und ergreifend im Alltag um. Die Träume sind auch das Bindeglied zwischen dem ägyptischen Josef und dem Nährvater Jesu. Dabei geht es aber nicht um realitätsfremde Träumerei, sondern um den kreativen Umgang mit den Herausforderungen des Lebens. Im Wortlaut des Papstes: „Wenn man vor einem Problem steht, kann man entweder aufhören und das Feld räumen, oder man kann es auf irgendeine Weise angehen. Manchmal sind es gerade die Schwierigkeiten, die bei jedem von uns Ressourcen zum Vorschein bringen, von denen wir nicht einmal dachten, dass wir sie besäßen.“ Auch das kann ich aus der Männerberatung nur bestätigen. Unnachgiebigkeit, Widerstandskraft und der praktische Sinn für Problemlösungen dürften beim heiligen Josef (neben der Gnade Gottes) auch in seinem Hausverstand und Erfahrungsschatz als Handwerker begründet gewesen sein.
Wie der Vater, so der Sohn. Jesus, wahrer Gott und wahrer Mensch – diese Spannung prägt die christliche Theologie. Der Papst nimmt das Menschsein Jesu erstaunlich ernst: „Josef brachte Jesus das Gehen bei und nahm ihn auf seine Arme (…) Jesus erlebte an Josef Gottes Barmherzigkeit.“ Tatsächlich wird Jesus von Josef nicht nur den Beruf gelernt haben, sondern auch, was Mann- und Vater-Sein heißt. Die Bedeutung von Rollen-Vorbildern, und konkret von Vater-Gestalten für heranwachsende Burschen, wird mir in der Beratung und auch als Vater täglich neu bewusst.

Irdischer Schatten des himmlischen Vaters. Wie Jesus sein Mann-Sein, seine Haltung zur Gewalt, seine Option für die Menschen am Rand und letztlich seine Beziehung zum Vater im Himmel gelebt hat, all das wirft einen Schatten (oder besser gesagt: ein Licht!) auf den Mann, den er am unmittelbarsten als Vorbild erlebt hat: Josef von Nazareth. In dieser Logik schreibt Papst Franziskus: „Gerne stelle ich mir vor, dass die Haltung Josefs Jesus zum Gleichnis vom verlorenen Sohn und vom barmherzigen Vater inspiriert hat.“ Auch beim Beten des „Vater-unser“ oder bei der Anrede „Abba“ – lieber Vater –, mit der Jesus seine innige Gottesbeziehung auf den Punkt bringt, schwingen menschliche Vater-Bilder und Erfahrungen mit. In diesem Sinn war Josef „in Bezug auf Jesus der irdische Schatten des Himmlischen Vaters“.
Aufgabe Vater-Sein. Damit schließt sich für mich der Kreis. Wenn ein Kind in deinen Armen einschläft, dann ist das etwas „Himmlisches“. Als Mann und Vater etwas von der Väterlichkeit Gottes erfahrbar machen zu dürfen – als sein Schatten – das nehme ich mir persönlich vom heiligen Josef als Geschenk und Aufgabe mit.

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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