BLICK_WINKEL
Gebt uns unser Internet zurück!
- Clemens Pig
- Foto: APA/APA-Fotoservice/Ludwig Schedl
- hochgeladen von martinus Redaktion
„Welt ohne Wahrheit“ heißt der neue Teil der Buchreihe „Democracy Dies in Darkness“ von Clemens Pig (Bild), bis vor Kurzem Chef der APA – Austria Presse Agentur. Pig wird als Favorit für den Posten des ORF-Generaldirektors gehandelt und hat seine Funktion bei der APA wegen seiner Bewerbung beim ORF zurückgelegt.
Das 80-jährige Jubiläum der APA, in deren Gründungsgeschichte als Genossenschaft Kooperation eine inhärente Rolle spielt, diente als Anlass des Buches: „Kooperation und Kollaboration sind die Antwort auf die brutale Digitalökonomie, in der wir gelandet sind und deren Lehrsatz lautet: The winner takes it all“, so Pig. Im Weiteren knüpft das Buch an die aktuellen Entwicklungen der letzten Jahre seit 2020 an, die Pig als beginnende „Dekade der Desillusion“ bezeichnet. Er skizziert eine neue Weltordnung, die mit der Covid-Pandemie 2020 begonnen habe und in der Wiederwahl Donald Trumps gipfele. Seinen Eingangsimpuls schloss Pig mit dem Bild sozialer Netzwerke als „digitaler Einzelzellen“, die, mit Verweis auf die Philosophin Hannah Arendt, den Nährboden für totalitäre Herrschaften legen würden. In einer öffentlichen Diskussion zur Vorstellung des Buches betonte APA-Chefredakteurin Maria Scholl die rasante Geschwindigkeit, mit denen sich digitale Technologien entwickeln: „Wir konnten mit den Regularien und dem Anspruch an eine gemeinsame Entscheidungsfindung, der Demokratien auszeichnet, bisher überhaupt nicht Schritt halten.“
Sinnvolle Regulierungen und die Schaffung eines fairen Wettbewerbs waren auch im weiteren Diskussionsverlauf zentrales Thema. Medienwissenschaftler Martin Andree verwies darauf, dass die aktuellen Bedingungen, unter denen soziale Plattformen agieren, monopolistisch seien: „Was wir nicht bemerkt haben, war, dass diese neuen Plattformen, die in den 2000ern aufgekommen sind, es geschafft haben, Mediengattungen zu monopolisieren. Das ist ein entscheidender Unterschied etwa zum Buchdruck.“ Regulatorische Privilegien hätten diesen Aufstieg erst möglich gemacht, so Andree weiter.
Medienberater Christian Rainer stieß in ein ähnliches Horn und verwies auf die ökonomischen Ursprünge der aktuellen Krise für traditionelle Medien: „In den letzten 15 Jahren ist die Hälfte des Umsatzes verloren gegangen. Diese Werbeerlöse sind aber nicht etwa in digitale Medien oder zu Influencern geflossen, sondern zu 75 Prozent an Facebook und Google.“ Auch vor einem Missverständnis warnt der ehemalige profil-Chefredakteur, das gleichzeitig als Handlungsaufruf an die Branche verstanden werden darf: Es gebe in der Menschheit kein Grundbedürfnis und keine natürliche Nachfrage nach Wahrheit oder Demokratie.
Buchautor Pig schloss mit einem utopischen Gedanken, der gleichzeitig auch den Schluss des Buches darstellt: „Der Traum, den ich an dieser Stelle habe, ist: Gebt uns unser Internet zurück! Wir haben vor 20 Jahren die Kommunikationsmaschine Mensch entfesselt, was die schöne Seite der sozialen Medien war. Doch dass Menschen süchtig gemacht werden, dass sie dafür belohnt werden, immer Radikaleres zu schreiben, das ist doch verrückt. Das muss ein Ende finden.“
Welt ohne Wahrheit Demokratie verteidigen in der neuen Welt und Kommunikationsordnung
Brandstätter Verlag 216 Seiten, 25 Euro
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
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