EIN_BLICK
Kleine Schritte aus der Erschöpfung


Danke zu sagen – auch mit Blumen – ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt gegen die allgemeine Erschöpfung, sagt Psychologieprofessorin Tuulia Ortner anlässlich der Salzburger Hochschulwochen. 

 | Foto: Klara Slouk

  • Danke zu sagen – auch mit Blumen – ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt gegen die allgemeine Erschöpfung, sagt Psychologieprofessorin Tuulia Ortner anlässlich der Salzburger Hochschulwochen.

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Was uns leben lässt (oder vielleicht doch vergiftet) ist Thema der Salzburger Hochschulwochen, die bis 10. August dauern. Psychologieprofessorin Tuulia Ortner ist eine der Vortragenden. Sie spricht über motivierende Führungsqualitäten und andere Inspirationsquellen.

Angesichts der in der westlichen Gesellschaft spürbaren Erschöpfung referieren Sie bei den Salzburger Hochschulwochen darüber, wie Führungspersönlichkeiten zur Erschöpfung oder zur Inspiration beitragen. Geht es um Firmenmanagement oder auch um Bereiche wie Erziehung, Politik, Seelsorge?

Tuulia Ortner: Ich fasse das Thema weit. Es ist nicht nur im Beruf wichtig oder für Erwachsene. Motivationserfahrung in der Schule ist zum Beispiel wichtig für das spätere Leben. Gute Führung setzt eine gesunde Beziehung zwischen Menschen voraus. Als ich ein Semester in Finnland verbrachte, sagte eine Lehrerin, das Wichtigste sei, dass sich die Kinder wohlfühlen und eine gute Beziehung da ist. So ähnlich ist es auch in einem Betrieb: Wer sich sicher und akzeptiert fühlt, kann auch etwas leisten.

Eine Lehrerin ist wie eine Führungsperson für Kinder. Warum haben es Frauen in anderen Zusammenhängen schwer, in eine Leitungsposition zu kommen?

Ortner: Der weiße Mann repräsentiert noch immer für viele das Stereotyp einer Führungsperson. Jemand wie Donald Trump hat die US-Präsidentschaftswahlen zwei Mal gegen sehr qualifizierte Frauen gewonnen! Die Forschung hat gezeigt, dass Frauen, die Führungsverhalten zeigen – verbunden mit Dominanz, Selbstbewusstsein, die eigene Meinung sagen – häufig als unsympathisch wahrgenommen werden. Wenn sie das Gleiche machen wie Männer, werden sie anders beurteilt. Frauen müssen zwischen den Zuschreibungen „inkompetent“ (wenn sie sich feminin geben) und „unsympathisch“ (wenn sie Härte zeigen) ihren Weg finden. In Bewerbungsverfahren kann Künstliche Intelligenz, die richtig trainiert ist, die Auswahl objektivieren.

Ihr Vortrag beschäftigt sich auch mit der Frage, was motivierende Leitung gegen die wachsende Erschöpfung bewirken kann. Woher kommt denn die Erschöpfung in der westlichen Welt, in der es keinen harten Überlebenskampf gibt wie in früheren Generationen?

Ortner: Obwohl die Lebensbedingungen für viele Menschen in den letzten Jahrzehnten immer besser wurden – mit einer höheren Versorgungssicherheit bei Ernährung, Gesundheit und Bildung – ist das Gefühl der Erschöpfung verbreitet. Dieses Phänomen erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich. Jedoch lässt sich die Ursache nicht einfach auf einen Aspekt zurückführen. Ein wichtiger Faktor könnte der hohe gesellschaftliche Anspruch sein, sowohl individuelle als auch gemeinschaftliche Veränderungen voranzutreiben und sich ständig zu verbessern. Gleichzeitig hat die Digitalisierung, nach der Industrialisierung die bedeutendste Umwälzung der letzten Jahrzehnte, zu einer tiefgreifenden Transformation geführt: Ständige Verfügbarkeit, permanente Kontrolle und die Verschiebung von sozialen Interaktionen in die digitale Welt haben das gesellschaftliche Leben verändert. Dies führt zu einer ständigen mentalen Belastung. Ein weiterer Aspekt ist die Leistungsgesellschaft, die implizit immer höhere Erwartungen an Einzelne stellt, die sich ständig als perfekt, gesund und glücklich präsentieren sollen. Die Diskrepanz zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen und der eigenen Realität kann Frustration und Erschöpfung hervorrufen. Gleichzeitig wird das individuelle Empfinden durch die gesamtgesellschaftliche und globale Situation beeinflusst: Ungewissheiten auf politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Ebene verstärken das Gefühl der Überforderung und Belastung, was insgesamt das Wohlbefinden beeinträchtigt.

Was können Einzelne gegen die Erschöpfung tun – gegen ihre eigene und gegen die allgemeine?

Ortner: Kleine Dinge können extrem wirkungsvoll sein. Und jede Person ist wichtig! Sie kann einen kleinen Schritt aus dem gewohnten Trott hinaus machen und schauen, was dann passiert. Einen Menschen zu besuchen oder anzurufen kann ein erster Schritt sein. Oder die Busfahrerin freundlich zu grüßen oder Danke für die Fahrt zu sagen. Es sind kleinste Dinge, die für beide Seiten sehr wirksam sind. Ich hatte ein interessantes Erlebnis in Berlin. Nach einer Veranstaltung sind 40 Brötchen übriggeblieben. Wir haben sie daher am Uni-Campus verteilt, und die Leute waren so glücklich! Das war eine sehr positive Psy-chologie-Erfahrung. Ein anderes Beispiel, was man tun kann, ist Dankbarkeit zu zeigen. In Skandinavien bringen die Kinder zum Schulschluss Blumen für die Lehrerin mit. Die Lehrpersonen haben dann riesige Blumensträuße, es gehört zur Kultur des Dankesagens. Es ist immer gut, jemandem zu sagen, wie wertvoll er oder sie für einen ist. Wertschätzen, Danke sagen gehören in Österreich nicht unbedingt zur Alltagskultur. Dankbarkeit macht aber alle Seiten glücklich und motiviert sie.


„Wertschätzen, Danke sagen gehören in Österreich nicht unbedingt zur Alltagskultur.“

TUULIA ORTNER

Dankbarkeit ist eigentlich eine religiöse Kompetenz. Dennoch macht sich auch in den Kirchen Erschöpfung breit. Haben Glauben und Vertrauen der Erschöpfung nichts entgegenzuhalten?

Es hängt zum Teil an inspirierenden Persönlichkeiten, die es schaffen, Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Sowohl in den Gemeinden als auch auf höherer Ebene. Inspirierende Personen beziehen Stellung zu kontroversen Themen, bieten Möglichkeiten zur Zustimmung oder Reibungsfläche. Als Jugendliche habe ich in der evangelischen Kirche einen großartigen Pfarrer erlebt, der uns allen das Gefühl gegeben hat, er sieht uns. Ich glaube, das hat viele von uns durch die Pubertät getragen, dass da jemand war, der cooler war als die Eltern. Wo wir immer hingehen konnten. Auch die Jugendzentren spielen eine große Rolle. Viele von uns wären auf der Straße gelandet ohne das Gemeinde-Jugendzentrum, wo man einfach abhängen und Tischfußball spielen konnte. Das war wichtig für die Entwicklung. Sonst hängen die Jugendlichen am Computer. Die Bezugspersonen können natürlich auch Frauen sein. Wir haben eine tolle Pfarrerin in der finnischen Gemeinde in Wien. Ich musste mich erst an sie gewöhnen, weil sie keine grauen Haare hat, sondern gleich alt ist wie ich und selber Kinder hat. Aber es ist toll, mit ihr zu reden, und sie vermittelt, dass meine Familie hier irgendwie wichtig ist. Das gibt Ressourcen: wichtig zu sein!

INTERVIEW: MONIKA SLOUK

Tuulia Ortner leitet die Abteilung Psychologische Diagnostik und den Fachbereich Psychologie der Universität Salzburg. Bei den Salzburger Hochschulwochen spricht sie darüber, welche Rolle Führungsqualitäten für Erschöpfung oder Motivation spielen können.

SALZBURGER HOCHSCHULWOCHEN

„Salzburger Hochschulwoche“ müsste es eigentlich heißen, denn sie dauert sieben Tage. Begonnen hat die Tradition allerdings im Jahr 1931 mit drei Wochen interdisziplinärer Reflexion über die großen Fragen des Menschseins und der Zeit – nicht zufällig mitten im Salzburger Festspielsommer. Auch 2025 steht internationaler Austausch in Vorträgen, Diskussionen und Workshops auf dem Programm.

WAS UNS LEBEN LÄSST

... und was uns (vielleicht) vergiftet – diesen roten Faden wählten die Salzburger Hochschulwochen unter der erfahrenen Leitung des Fundamentaltheologen Martin Dürnberger für 2025. Geistliche Akzente umrahmen und unterstützen den intellektuellen Diskurs. Paul M. Zulehner erhält den Theologischen Preis der Hochschulwochen verliehen, außerdem gibt es wieder einen Publikumspreis. Den abschließenden Festvortrag hält der deutsche CDU-Politiker Armin Laschet.

Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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