Interview
Fest der „Bundeserneuerung“

Diözesansprecher Dominik Orieschnig bekräftigt im martinus-Interview das neue Hirtenwort der österreichischen Bischöfe: „Wenn dieser Weg jetzt durchgehalten wird, könnte das nachgeholte Diözesanjubiläum zu Pfingsten 2021 sogar ein nachhaltigeres Freudenfest werden als das ursprünglich geplante.“ 
Das Gespräch führte Franz Morawitz

Planmäßig hätte am 1. Juni das 60-Jahr-Jubiläum der Diözese Eisenstadt als großes Fest in der Landeshauptstadt begangen werden sollen. Nach dem Lockdown im März war bald klar, dass dieser Termin nicht halten würde. So möchte die Kirche des Burgenlands in einem Jahr – am 24. Mai 2021, ebenfalls Pfingstmontag – die Jubiläumsfeier nachholen. In einem „martinus“-Interview äußert sich Diözesansprecher Dominik Orieschnig zur Situation.

martinus: Dieses Pfingsten ist für die Katholiken im Burgenland nicht leicht, immerhin haben sich viele auf das Jubiläumsfest gefreut. Wie können wir damit umgehen, was sollen wir feiern?
Dominik Orieschnig: Ich glaube, die Katholiken des Burgenlands können zuerst einmal das diesjährige Pfingsten, wenn eben nicht als Jubelfest, so doch als Fest des Neubeginns erleben. Pfingsten ist ja ein sehr vielschichtiges Fest. Das Wissen um seinen Ursprung hilft, es richtig zu verstehen. Das Ursprungsfest ist das jüdische Wochenfest – Schawuot. Es hat sowohl Erntedank als auch Dank für den zwischen Gott und seinem Volk geschlossenen Bund zum Inhalt.

martinus: Woher kommt die Idee einer Zählung von sieben Wochen nach Ostern, und überhaupt der der Bezug Ostern-Pfingsten?
Orieschnig: Im Judentum soll zu Schawuot / Pfingsten, sieben Wochen nach Pessach, feierlich der Bund erneuert werden. Es geht also um einen Neuanfang nach einer Reifezeit, einem Abstand, von fast zwei Monaten. In Teilen des Judentums finden deshalb die Mädchen-Konfirmationen (Bat Mitzwah) an diesem zweitägigen Fest statt. Im Christentum wird das übernommen, aber die Geistsendung kommt hinzu. Mit der Geistsendung, von der die Apostelgeschichte berichtet, wird der jüdische Festinhalt der Bundeserneuerung endzeitlich erfüllt.

martinus: Und wie können wir das heuer, in der Coronazeit, feiern?
Orieschnig: Als Christen können wir Dank bekunden, dass Gott uns für den Neustart nach dem Lockdown seinen Geist gesandt hat. Der Geist Gottes wird uns – so unsere Hoffnung – dabei helfen, um als Staat, Gemeinschaft und Kirche „eine nüchterne Reflexion des Vergangenen sowie ein konstruktives Miteinander, das auf eine gute Zukunft für alle Menschen ausgerichtet ist, zu schaffen“, wie es die Bischöfe in ihrem aktuellen Pfingst-Hirtenwort schreiben. Und wenn dieser Weg jetzt durchgehalten wird, könnte das nachgeholte Diözesanjubiläum zu Pfingsten 2021 sogar ein nachhaltigeres Freudenfest werden als das ursprünglich geplante.

martinus: Was in diesem Frühling auch aktuell ist, ist der Rückblick auf 75 Jahre Kriegsende und Zweite Republik. War der damalige Neuanfang nicht auch ein pfingstliches Ereignis?
Orieschnig: Ja, unbedingt. „Pfingsten 2020“ soll sicher Anlass zur Danksagung für das langsame Hochfahren nach der Pandemie sein, aber auch Anlass, den Neubeginn Österreichs, des Burgenlands und der Kirche des Landes vor 75 Jahren – bzw. vor 60 Jahren – im Rückblick im Sinne eines „Bundes-Beginns“ zu verstehen. Der im Mai 1945 zu Ende gegangene Krieg hatte nicht nur Menschenleben gefordert, er brachte ja für die Kirche im Burgenland auch gewaltige materielle Schäden. Eine Auflistung der Kriegsfolgen von Juni 1945 weist für mehr als 100 kirchliche Gebäude die Komplettzerstörung bzw. Schäden an Bau und Inneneinrichtung auf. Der Wiederaufbau ist in sehr kurzer Zeit erfolgt, kirchlicherseits ist es zu einem pfingstlichen Neustart gekommen, in dem man sich als „freie Kirche ohne Bindung an eine Partei“ definieren wollte und auf die Gründung einer Diözese hinarbeitete. So steht etwa das erste Hirtenschreiben Kardinal Theodor Innitzers, der ja auch burgenländischer Administrator war, von Juni 1945 – es war an die Priester im Burgenland adressiert – faktisch in der Linie hin zur Diözesangründung von 1960.

martinus: Im Burgenland läuft auch das Jubiläum „75 Jahre Kirchenzeitung“ …
Orieschnig: Was dabei wichtig ist: Auch die Gründung einer eigenen Kirchenzeitung für das Burgenland bereits im Jahr 1945 weist deutlich auf das Vorhaben einer bischöflich geleiteten Ortskirche hin.
Es ist faszinierend, dass selbst in den schweren Wochen nach Kriegsende, als es galt, die ärgste Not zu lindern, die Verantwortlichen der Apostolischen Administratur Burgenland eine Pfingstvision insofern hatten, indem sie die Wichtigkeit der Medien klar sahen. Es kam also schon 1945 eine eigene Kirchenzeitung – der Titel war „St. Martins-Bote“.

martinus: Das Burgenland ist ja insofern ein „pfingstliches“ Land, als es mehrsprachig und multikonfessionell ist. Früher hatte es auch eine große jüdische Gemeinde, die den Fürsten Esterhazy zu verdanken ist. Sind diese Spuren im kirchlichen Bewusstsein präsent?

Orieschnig: Bischof Ägidius Zsifkovics hat die Notwendigkeit einer Spurensuche bei mehrfachen Anlässen betont. Eigentlich war es ja auch eine „pfingstliche Initiative“, die damals vor 350 Jahren stattfand und die leider auch eine große Tragik enthielt. Auf Initiative von Fürst Paul I. Esterházy wurden 1670 die vertriebenen Juden aus Wien und Niederösterreich ins Burgenland gerufen und hier angesiedelt – insgesamt 3.000. Dieser Jesuitenschüler hat damals etwas Gutes getan, nämlich Vertriebenen geholfen. Ihm verdankt das Burgenland im übrigen viel – zahlreiche Kirchen gehen auf ihn zurück. Nicht zuletzt ist die Basilika Frauenkirchen eine Stiftung von Paul Esterházy. Er war mächtig, und er konnte unabhängig vom damals antijüdischen Kaiserhaus agieren. Im 20. Jahrhundert folgte das dunkle Kapitel der Vertreibung und Ermordung. Die junge Generation fragt und will über das Verdrängte mehr wissen. Für die Identität des heutigen Burgenlands als Land der Begegnung, der Multikulturalität und der Europabegeisterung sind jedenfalls die neu entstandenen Erinnerungsinitiativen für die jüdische Bevölkerung und für die Roma wichtig. Sie sind eigentlich alle erst seit der EU-Mitgliedschaft Österreichs – also vor 25 Jahren – entstanden.

martinus: Öffnung für Verfolgte, Fremde, Solidarität – das spricht ja auch der Pfingst-Hirtenbrief?
Orieschnig: Richtig, denn es gibt ja diese internationale und multikulturelle Dimension von Pfingsten. Das Fest ist ja ein Wallfahrtsfest gewesen, und Juden aus allen Teilen des Römischen Reichs sind nach Jerusalem gekommen. Der Verfasser der Apostelgeschichte hat deshalb ganz bewusst die nach dem Tod Jesu erste und grundlegende Erfahrung des Wirkens des Geistes Gottes im Kreis der Jesusjünger in Jerusalem – also das, was wir die Geist-Ausgießung nennen – zeitlich so angesetzt, dass sie am Wallfahrtsfest, dem Fest Schawuot-Pentekoste, erfolgt. Der Verfasser hat diese Erfahrung damit in die Geschichte der multikulturell und solidarisch geprägten Wallfahrtsfeste Israels integriert. Die österreichischen Bischöfe haben im Pfingst-Hirtenbrief ebenfalls diese Dimension angesprochen. Es finden sich mahnende Worte über die Notwendigkeit einer europäischen und internationalen christlichen Solidarität. Wörtlich heißt es: „Anlässlich der 25-jährigen Mitgliedschaft in der EU möchten wir auch für eine erneuerte, über nationale Grenzen hinausgehende Verbundenheit in diesem einzigartigen Zivilisations- und Friedensprojekt werben. Nur wenn es unseren europäischen Nachbarn gut geht, geht es auch uns gut. In den vergangenen Wochen haben wir ein Comeback von Solidarität erlebt. Die Nachbarschaftshilfe blühte auf, gefährdeten Personen wurde geholfen. Der pfingstliche Geist der Solidarität weitet Herz und Verstand. (…) Christliche Solidarität ist grenzenlos. Sie erweist sich in einer großzügigen Entwicklungszusammenarbeit genauso wie in der Sorge um Schutzsuchende. Wir Bischöfe unterstützen daher alle Bemühungen, damit Flüchtlinge aus den Elendsquartieren an den Grenzen Europas auch in Österreich aufgenommen werden.“

MEHR DARÜBER:

Pfingsten hat seinen Ursprung im jüdischen Wochenfest (Schawuot). Das Fest wird 50 Tage, also sieben Wochen, nach dem Pessachfest begangen (griechisch „Pentekoste hemera“ = deutsch „Fünfzigster Tag“). Die Synagoge wird geschmückt, denn an diesem Tag symbolisiert sie den Berg Sinai. Die Zehn Gebote stehen im Mittelpunkt der Lesung aus der Thora. Sie werden unter Begleitung einer besonderen Melodie vorgelesen. Mit einem Gebet auf Aramäisch, dem Akdamut wird um Erlaubnis gebeten, mit der Thoralesung beginnen zu dürfen. Neben den Zehn Geboten wird auch aus dem Buch Ruth gelesen.
Auch in den ehemals zehn Synagogen des Burgenlands waren die Schawuot-Feiern geistliche Höhepunkte. An den Orten, wo diese Synagogen standen, sind seit 1995 fast überall Stätten des Gedenkens entstanden.
Lokale Initiativen, beginnend mit dem Jüdischen Museum in Eisenstadt – Österreichs erstes nach dem Krieg – versuchen heute, die jüdische Geschichte in die Heimatkunde zu integrieren, Das war vor zwei Generationen undenkbar. Die Erinnerung soll in die Ortszentren gerückt werden. Die neu entstandenen Gedenkorte sollten auch im Sinne einer Stärkung der Solidarität über das eigene Milieu hinaus besucht werden.

In Mattersburg wurde am 2017 eine von Michael Feyer entworfene Gedenkstätte von Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnet. Feyer ist Obmann des Vereins „Wir erinnern – Begegnung mit dem Jüdischen Mattersburg“.

In Deutschkreutz, das auf Hebräisch Zelem genannt wird, zeigt eine Skulptur vor dem Wohnhaus des Komponisten Carl Goldmark den Ortsplan des alten Zelem. In Kobersdorf wurde 2017 das Mahnmal für die Vertriebenen und Ermordeten eingeweiht.

In Frauenkirchen wurde 2016 der „Garten der Erinnerung“ fertiggestellt. Der Gedenkpark ist an drei Seiten von Mauern umgeben. Eine Plastik (von Dwora Barzilai) im Zentrum der Anlage, bestehend aus einer abstrahierten Thorarolle aus Bronze auf kubischem Steinsockel (Bima), symbolisiert die jüdische Gemeinde und den zerstörten Tempel. Die durch einen Glaskubus geschützte Ausgrabungsstätte mit den Fragmenten der ehemaligen barocken Synagoge und den zerbrochenen Säulen weisen auf die Zerstörung des Tempels hin.
Im Glaskubus befinden sich auch ein Modell des ehemaligen jüdischen Viertels von Frauenkirchen und Fundgegenstände. Weiteres Element des Gedenkparks sind die Tafeln mit den Namen der vertriebenen jüdischen Familien, die metaphorisch auf einen Thoraschrein Bezug nehmen.

In Stadtschlaining wurde bereits 1987 mittels einer Bausteinaktion die Restaurierung der Synagoge durchgeführt, die heute als Friedensbibliothek dient. Nun lebt die ehemalige Synagoge in der Verbreitung des Friedensgedankens weiter und stellt den Studierenden und Wissenschaftlern des Friedenszentrums Burg Schlaining, aber auch allen anderen Besuchern, eine stattliche Sammlung von Fachliteratur zur Verfügung.

Autor:

Gerald Gossmann aus Burgenland | martinus

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