BLICK_WINKEL
Wenn die Toten tanzen

Johann Rudolf Feyerabend: Basler Totentanz oder Tod von Basel, 1806, Aquarellzeichnung, Historisches Museum Basel, nach einem spätmittelalterlichen Wandbild, 1439/40 (1805 zerstört), das sich an der Innenseite des Laienfriedhofes des Predigerklosters in Basel befand. | Foto: Wikimedia user Vassil, Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication (2)
  • Johann Rudolf Feyerabend: Basler Totentanz oder Tod von Basel, 1806, Aquarellzeichnung, Historisches Museum Basel, nach einem spätmittelalterlichen Wandbild, 1439/40 (1805 zerstört), das sich an der Innenseite des Laienfriedhofes des Predigerklosters in Basel befand.
  • Foto: Wikimedia user Vassil, Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication (2)
  • hochgeladen von martinus Redaktion

Der Tod wird verdrängt, verharmlost, schöngeredet, ausgelagert, delegiert, sogar vergewaltigt und herbeigeführt. Doch immer schlägt er gnadenlos zu.

Um Allerheiligen und Allerseelen, beim Gang auf die Friedhöfe, Friedenswiesen, Blumenwiesengräber, zu den Gedenksteinen, Kriegsgräbern und anonymen Gräbern, zu den Grüften, zu den Mausoleen und Totenkapellen erinnern sich die Lebenden ihrer Toten, erzählen von ihrem Leben, denken an ihr eigenes Sterben und an den eigenen Tod, den niemand von uns kennt.

Denn den Tod haben wir nicht in unserer Hand, er bleibt ein Unbekannter und Unberechenbarer, der Feind des Lebens. Das Sterben gehört zum Leben, nicht der Tod. Das Sterben gehört zum Menschen und die Kunst des Sterbens hat mit der Würde und Größe des Menschenlebens und mit der Gottebenbildlichkeit des Menschen zu tun. Ob Tiere „sterben“ können, sollte nicht einfach gedankenlos und spracharm hingesagt werden. Kann man als Mensch das Sterben lernen und einüben? Davon bin ich überzeugt, weil vieles im Leben eine ungeplante und unbezahlte Herausforderung bleibt: Abschied, Schmerz, Verlust, Krankheit, die langen Schatten der Zeit und des Lebens, Ängste, Kriege und Gewalt und schließlich, dass alle dem unausweichlichen Tod ausgeliefert sind.

Auch jene, die verbissen an ihrer Lebensverlängerung arbeiten, die sich wissenschaftlichen Experimenten aussetzen und versuchen, sich selbst zum ewigen Schöpfer des Lebens und Planer des Todes hoch zu stilisieren.

Nur Gott kennt den Tod, aber er ist kein Freund des Todes! Gott ist Leben und Liebe! Immer bringt er Leben hervor: Am Anfang bei der Schöpfung der Welt und der Erschaffung des Menschen, in den Totenerweckungen und Heilungen und durch die Auferstehung Christi und in seiner Auferweckung, in jener österlichen Wirklichkeit, die den Tod für immer vernichtet. Gott besiegt den Tod, ohne diesen Sieg wäre er nicht Gott. „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ Auch wenn der Tod erbarmungslos bei allen Menschen und Ständen antanzt, wie auf den mittelalterlichen Totentänzen an den Außenwänden der Kirchen im Alpe-Adria-Raum beeindruckend dargestellt, kann dieser das ewige Leben nicht zerstören. Der jüngste Tag und das jüngste Gericht sind nicht das Resultat alter Vertröstungen oder neuzeitlicher Verdrängungen, kein leichtes theologisches Produkt, kein apokalyptisches Geschwätz und kein Überbleibsel jener wortgewaltigen Kanzelprediger, die noch die Kirchen füllten, den Himmel ausmalten, die Hölle einheizten und das Fegefeuer bestückten. Das Jüngste Gericht in der Sixtinischen Kapelle in Rom, vor dem die Kardinäle im Konklave den Papst wählen, kann sogar für sie Verheißung oder Warnung sein, jedenfalls Ermutigung, dem Geist Gottes auch eine Stimme zu geben, die eigenen Animositäten in den Hintergrund zu rücken und die Verdammnis zu fürchten. Das Jüngste Gericht ist nach Michelangelo nie wieder so eindrucksvoll dargestellt worden, es ist ein Stück Ewigkeit, ein atemberaubender Entwurf der Unsterblichkeit bei Gott und ein Triumph der Auferstehung des Fleisches. Am Beginn der Moderne verschwindet dieser Bildinhalt so gut wie ganz aus der Malerei, der Traum vom Gericht Gottes und vom ewigen Leben scheint ausgeträumt.

DIE „ENTSORGUNG“ DER TOTEN
Neueres macht noch nachdenklicher: Das Sterben wird verbannt und ausgelagert, die Toten werden schnell „versorgt“, auch „entsorgt“, Gräber werden versiegelt, dem Vergessen preisgegeben und beim Beten für die Verstorbenen wird die Lieblings-CD abgespult. Und dann heißt es: „Wir haben uns in aller Stille verabschiedet“; „Von Beileidsbekundungen bitte Abstand nehmen“, oder besonders „aufgeklärte Fromme“ veranstalten eine Auferstehungsmesse, fröhlich und in bunten Kleidern. Der Umgang mit dem Tod hat Wandel erlebt und die Kultur des Sterbens ist widersprüchlich geworden. Immer entziehen sich jedoch das letzte Geheimnis des Lebens, das Sterben des Menschen und die Wirklichkeit des Todes dem Geschäft, der Machbarkeit und der leichten Verfügbarkeit. Dass ich Sterbende begleiten, Eltern und Mitbrüder in die Särge legen, sie in die Hände Gottes betten und junge, alte Menschen und Kinder begraben durfte, ist viel größer, als man denken kann. Für unsere Verstorbenen zu beten, ihre Namen nicht auszulöschen, sie Gottes Barmherzigkeit anzuvertrauen, in der heiligen Messe mit ihnen aus der Eucharistie zu leben, ist viel mehr als Christenpflicht. Der Himmel, Leben in der Gegenwart Gottes, möge ihre Verheißung sein. Die Hölle, die Entfremdung von Gott bleibe ihnen fremd. Und das Ringen mit Gott, die unendliche Suche nach ihm und die Läuterung bringe sie ins ewige Leben. Ob die Toten tanzen? Ich hoffe fest und glaube vertrauensvoll, dass Gott sie rufen wird zum Fest der Freude.

P. KARL SCHAUER OSB

Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ