EIN_BLICK
Die USA sind auf der Suche nach sich selbst

Thomas Jefferson (1743-1826), Benjamin Franklin (1706-90) und John Adams (17351826) beim Verfassen und Redigieren der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776. | Foto: APA/Jean Leon Gerome Ferris, 1930
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  • Thomas Jefferson (1743-1826), Benjamin Franklin (1706-90) und John Adams (17351826) beim Verfassen und Redigieren der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776.
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Der Theologe und Bildungsexperte Andreas G. Weiß beschäftigt sich intensiv mit der politischen Geschichte und Gegenwart der USA. Zum 250. „Geburtstag“ der USA spricht er über die Herausforderungen und Chancen des Giganten.

Der „amerikanische Traum“ ist ein Mythos, der auch Menschen in Europa bewegt hat. Wie beschreiben Sie diesen Traum?

Andreas G. Weiß: Der amerikanische Traum wird zusammengefasst im Bild „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Jeder kann es demnach in diesem Land schaffen, wenn er hart arbeitet, an sich glaubt und seine Ziele verfolgt. Dieser Traum hat viele Menschen in den USA inspiriert. Der Traum war immer offen, sowohl für die Menschen, die in den USA geboren wurden, als auch für Menschen, die in den USA ein neues Leben beginnen wollten. Wenn man die Geschichte der USA genauer betrachtet, war dieser Traum niemals statisch. Er ist immer wieder neu errungen worden.

Sie haben selbst länger in den USA gelebt. Wie haben Sie diesen Mythos wahrgenommen?

Weiß: Ich habe die meiste Zeit in Missouri verbracht, also im Westen und am sogenannten Bible Belt, wo bibeltreue Gemeinden stark vertreten sind. Dort gab es eine große Zahl unterschiedlicher Religionsgemeinschaften. Für mich war faszinierend, dass ich in diesem Land als Fremder und katholischer Theologe aus Salzburg offen aufgenommen wurde. Diese Offenheit hat etwas mit mir gemacht. Im Alltag hat man gesehen, wie gut die unterschiedlichsten Religionen miteinander leben. Offenbar konnten sich alle in diesen amerikanischen Traum integrieren.

In Österreich gab es immer Amerika-Glorifizierung und Amerika-Skepsis nebeneinander. Gibt es jetzt mehr Skepsis?

Weiß: Das Land ist immer sehr ambivalent wahrgenommen worden. Dieses Pro und Contra gab es nebeneinander. Unter Donald Trump verstärkt sich das. Wobei die Bruchlinien und die extremen Einschätzungen zunehmen. Diejenigen, die schon skeptisch gegenüber den USA waren, wollen unter Trump nichts mehr damit zu tun haben. Und diejenigen, die vorher schon die machtpolitische Instrumentalisierung der USA positiv wahrgenommen haben, sehen das jetzt noch positiver.

Ist es notwendig für den Erfolg von Einzelkämpfern, dass sie eine gewisse Kompromisslosigkeit leben?

Weiß: Das kann eine Rolle spielen, aber ich halte es für wichtig, dass wir in Europa merken: Wir haben diese Identitätskämpfe in den letzten Jahrhunderten auch durchlebt. In dem Ausmaß, wie die nationale Identität in Europa über Jahrhunderte umfochten war, hat es das in den USA nicht gegeben. Die USA stehen jetzt an einem ähnlichen Punkt wie Europa nach dem Zerfall der großen Monarchien, nach dem Zerfall der großen Selbstverständlichkeiten, und sind tatsächlich auf der Suche nach sich selbst. Ähnliche Entwicklungen gab es auch in Deutschland oder Österreich nach dem Ersten Weltkrieg. Also in Ländern, die eigentlich ihre Identität, ihre Stärke verloren haben, die dann plötzlich in einer wirklichen politischen Identitätskrise waren und Halt gesucht haben.

Diese Suche ist in Europa aber nicht konstruktiv ausgegangen, sondern sehr destruktiv in den großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Droht das in Amerika auch?

Weiß: Die Gefahr ist durchaus real. Die Geschichte wird sich nicht eins zu eins wiederholen. Natürlich erleben wir derzeit in den USA auch starke autoritäre Tendenzen: dass die staatlichen Gewalten gleichgeschaltet werden, dass es marginalisierte Gruppen gibt, die politisch stärker unter Beschuss geraten. Die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen.

Die Identitätskämpfe in Europa waren eng verflochten mit katholisch-evangelischen Konfessionskriegen. Das spielt in Amerika eigentlich keine Rolle …

Weiß: Konfessionen spielen in den USA nicht diese Rolle wie in Europa, Religion an sich aber sehr wohl. Man darf nicht vergessen: Die USA sind eines der sich am schnellsten säkularisierenden Länder weltweit. 1990 waren acht Prozent der Bevölkerung ohne religiöse Beheimatung. Mittlerweile sind wir bei 28 Prozent. Manche religiösen Kreise sehen das als einfache Rechnung: Die Verantwortung für die Probleme im Land tragen nicht die Feinde von außen, sondern die Religionslosen im eigenen Land.

Sind die religiösen Verheißungen von Donald Trump so erfolgreich, weil Menschen da eine neue Religion für sich entdecken?

Weiß: Bei Donald Trump ist die Sache immer etwas komplizierter. Donald Trump ist während seines ganzen Lebens nie mit persönlicher Religiosität aufgetreten. Erst 2015, als er in den Präsidentschaftswahlkampf eingestiegen ist, hat er stärker auf religiöse Symbole zurückgegriffen. Die Erlösungsfantasien sind, glaube ich, vor allem in den ersten Jahren von außen an Trump herangetragen worden. Er wurde als Erlöser gesehen, das war eine Projektion, die er gerne aufgenommen hat. Es war ihm sicher nicht unangenehm.

Hat Donald Trump den alten amerikanischen Traum zerbröckelt?

Weiß: Donald Trump hat den Mythos sicher nicht an sein Ende gebracht. Der war vorher schon in der Krise. Der innere Zusammenhalt war bereits 2015, als Trump in den Wahlkampf einstieg, nicht mehr gegeben. Insofern spreche ich auch immer davon, dass Donald Trump ein Symptom von Amerikas Problemen ist. Nun wird eine gute alte Zeit illusioniert und mit einer Sehnsucht verknüpft. Man möchte den Menschen einen Hoffnungsort geben, abseits der Sorgen und Ängste, die sie in den gegenwärtigen Krisen durchleben.

Wie hängt dieser amerikanische Trend mit Europa zusammen?

Weiß: Die populistischen Bewegungen diesseits wie jenseits des Atlantiks können sehr gut die Ängste der Menschen ansprechen. Die Problematik ist, dass andere Parteien keine überzeugenden Alternativen bieten. Oftmals werden die Sorgen oder Ängste abgetan und als Illusion kleingeredet. Das ist eine Form der gesellschaftlichen Kränkung für Menschen. Wenn jemand Sorgen hat, dann hilft es nicht zu sagen, die Sorgen seien unbegründet. Die Menschen haben Angst, und auf diese sollte man reagieren.

Wie könnte oder sollte es weitergehen?

Weiß: Für mich persönlich waren die Ereignisse in Minnesota hoffnungsvoll. Die amerikanische Einwanderungsbehörde ist mit extremer Gewalt gegen ethnische Minderheiten und Migrant:innen vorgegangen. Die Migranten wurden dann von US-Bürgern geschützt. Die Einwanderungsbehörde wurde durch Demonstrationen so unter Druck gesetzt, dass sie den Einsatz beendet hat. Für mich ist das eine Hoffnungsperspektive. Das hat auch gezeigt, dass ein Traum oder ein besseres Zusammenleben nicht in den Häusern oder Hinterzimmern der Mächtigen entsteht, sondern sich in den Vororten, in den Hinterhöfen des Lebens entscheidet. Das sind die Orte, an denen neue Träume lebendig werden.

INTERVIEW: MONIKA SLOUK

Buchhinweis:
Andreas G. Weiß, Das Ende eines Traums – Donald Trump und der 250. Geburtstag der USA. Patmos 2026, 16,00 €


250 JAHRE USA

Am 4. Juli begehen die Vereinigten Staaten den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung von Großbritannien.

Andreas G. Weiß ist Direktor des Katholischen Bildungswerks Salzburg und neu gewählter Vorsitzender des FORUM Katholischer Erwachsenenbildung in Österreich. Der Theologe, Religionswissenschaftler und Publizist ist als Autor und Vortragender im gesamten deutschsprachigen Raum tätig.

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung wurde am 4. Juli 1776 vom Kontinentalkongress in Philadelphia verabschiedet. Sie erklärte die 13 bis dahin britischen Kolonien zu unabhängigen Staaten und begründete ihre Loslösung von der britischen Krone. Hauptautor war Thomas Jefferson, der sich von den Ideen der Aufklärung inspirieren ließ. Die Erklärung betont, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Damit wendet sie sich gegen die Herrschaft des Erbadels nach europäischem Muster. Zugleich wirft sie König Georg III. Machtmissbrauch vor. Die Unabhängigkeitserklärung beendete den Krieg gegen Großbritannien nicht, gab ihm aber ein politisches Ziel und eine grundsätzliche Rechtfertigung. Bis heute gilt sie als Gründungsdokument der Vereinigten Staaten und als einflussreicher Text für Freiheits- und Menschenrechtsbewegungen weltweit.

Thomas Jefferson (1743-1826), Benjamin Franklin (1706-90) und John Adams (17351826) beim Verfassen und Redigieren der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1776. | Foto: APA/Jean Leon Gerome Ferris, 1930
Andreas G. Weiß | Foto: Ingeborg Zeh
Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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