EIN_BLICK
Entscheidend ist die Liebe

Aufgabe der Kirche: Menschen in ihrer Liebes- und Beziehungsfähigkeit unterstützen, sodass sie ihr Leben selbstverantwortlich gestalten können.  | Foto: secretgarden/photocase.de
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  • Aufgabe der Kirche: Menschen in ihrer Liebes- und Beziehungsfähigkeit unterstützen, sodass sie ihr Leben selbstverantwortlich gestalten können.
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Beziehungen werden auch in „Amoris laetitia“ (2015) noch in „regulär“ und „irregulär“ eingeteilt. Das sei schade, sagt der Moraltheologe Martin M. Lintner, denn nicht nur die äußere Form mache die moralische und menschliche Qualität einer Beziehung aus.

Der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz, Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort, klagte jüngst: „Man hört uns zu und fordert uns sogar auf, uns zu äußern. Aber man hat sich daran gewöhnt, dass die Kirche eben sagt, dass es verboten ist.“ Was kann die Kirche gegen diesen Vorwurf einer von ihr vertretenen Verbotsmoral tun?

Martin M. Lintner: Dieses Problem ist hausgemacht, denn die Kirche hat es ja wirklich bis herauf in die jüngste Zeit verabsäumt, die positiven und lebensbejahenden Gehalte ihrer Lehre auf eine einladende und zugängliche Weise zu verkünden. Und auch dann, wenn sie es getan hat, bei Johannes Paul II. beispielsweise durch die Theologie des Leibes, blieb unterm Strich auf der normativen Ebene alles beim Alten, also bei der althergebrachten Verbotsmoral. Ich denke, dass zwei Punkte notwendig wären: Erstens sollten wir die personale Wende des Zweiten Vatikanischen Konzils konsequent weiterdenken. Im Zentrum steht der einzelne Mensch, der zunächst ernst genommen wird mit seiner Identität, mit seinem Selbstverständnis, mit seiner sittlichen Selbstbestimmung. Zweitens geht es um die Entfaltung von Grundhaltungen und um die Befähigung zu einem selbstverantworteten Umgang mit der Sexualität.

„Die Kirche hat es verabsäumt, die positiven und lebensbejahenden Gehalte ihrer Lehre auf eine einladende und zugängliche Weise zu verkünden.“

Es gibt auch unter den Gläubigen eine gelebte Vielfalt sexueller Beziehungen jenseits der sakramentalen Ehe. Wäre es richtig, dass die Kirche diese Vielfalt unter dem „Primat der Liebe“ sieht?

Lintner: Ja, das sittlich entscheidende Kriterium für die Gestaltung einer Beziehung ist die Liebe. Die Liebe ist nicht nur eine Eigenschaft neben anderen, sondern das tragende Fundament, die Grundhaltung, mit der eine Beziehung gelebt und gestaltet wird. Sie umfasst die erotische, affektive Zuneigung ebenso wie die entschlossene Willensentscheidung, sich an einen Menschen zu binden und mit ihm durch dick und dünn zu gehen. Ich denke, dass das Lehramt bereits Schritte in diese Richtung geht, wenn zum Beispiel Papst Franziskus in „Amoris laetitia“, dem nachsynodalen Schreiben über die Freude der Liebe in der Familie (2015), ausdrücklich sagt, dass auch in nichtehelichen Beziehungen christliche Werte, die eine gute Beziehung ausmachen, gelebt werden können und dass dies zu würdigen ist.

P. Martin M. Lintner OSM ist Professor für Moraltheologie und Spirituelle Theologie an der Philo-sophisch-Theologischen Hochschule Brixen. 
 | Foto: privat
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Soll die kirchliche Verkündigung mehr auf das „Ideal“ schauen oder mehr auf die gelebte Realität?

Lintner: Beides, sie soll das Ideal verkünden und Menschen darin unterstützen, sich diesem Ideal anzunähern. Das Hauptproblem ist, wenn die gelebte Realität sittlich negativ beurteilt wird, wenn sie nicht zur Gänze dem Ideal entspricht. Das menschliche Leben ist zu komplex, als dass man ihm mit einer „Alles oder nichts“-, mit einer „Schwarz-Weiß“-Mentalität gerecht werden könnte. Franziskus bringt das meines Erachtens gut zum Ausdruck, wenn er in „Amoris laetitia“ schreibt, dass auch in nichtehelichen Beziehungen christliche Werte verwirklicht werden können und dass wir anerkennen müssen, dass Menschen inmitten ihrer oft komplexen und schwierigen Lebenssituationen versuchen, ihr Leben nach bestem Wissen und Gewissen zu meistern.

Warum sprach die Kirche früher so oft über Sexualität und so wenig von Liebe?

Lintner: Die Ehe war, so befremdlich das für uns heute klingt, in der Tradition jahrhundertelang eine Zweckgemeinschaft mit dem Ziel, Nachkommen zu zeugen und zu erziehen. Seit dem 4./5. Jahrhundert wurde die Sexualität zudem als etwas Sündhaftes angesehen. Sie wurde innerhalb der Ehe sozusagen als notwendiges Übel geduldet, weil sie für die Zeugung von Kindern notwendig war. Dass die Ehe jedoch in erster Linie eine Gemeinschaft der Liebe ist, musste die Kirche selbst erst lernen, und zwar von den Entwicklungen in der modernen Gesellschaft mit dem Ideal der Liebesheirat. Es ist fast unvorstellbar, aber in den Vorbereitungsdokumenten für das Zweite Vatikanische Konzil fand sich noch die Aussage, dass es ein Irrtum sei zu glauben, die Ehe habe mit Liebe zu tun. Man kann nur erahnen, welchen Schritt das Konzil gemacht hat, als es die Ehe genau als das definiert hat: als innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe.

„Die Sexualität wurde innerhalb der Ehe sozusagen als notwendiges Übel geduldet.“

Was meint „Amoris laetitia“ mit „irregulären“ Beziehungen? Was fällt darunter?

Lintner: Im Grunde genommen fällt jede nichteheliche Lebensgemeinschaft darunter. Speziell sind aber immer wieder die Paare gemeint, die nach einer Scheidung erneut geheiratet haben. Die Kirche geht weiterhin davon aus, auch „Amoris laetitia“, dass nur eine Ehe zwischen Mann und Frau eine legitime intime Lebenspartnerschaft darstellt und der Norm der Kirche entspricht. Wenn es Katholiken sind, dann müssen sie auch kirchlich, nicht nur standesamtlich verheiratet sein.

Warum sprach die Kirche so wenig von „gelungenen Beziehungen“, dafür aber lieber von: „Das ist erlaubt“ und „Das ist nicht erlaubt“?

Lintner: Sie sprechen damit die traditionelle Verbots- und Gebotsmoral an. Es ist tatsächlich so, dass die Kirche in den vergangenen Jahrhunderten sowohl im Bereich der Kanonistik, also des Kirchenrechts, als auch der Moraltheologie eine sehr differenzierte Lehre entwickelt hat, wer wann mit wem eine Ehe eingehen darf und welche sexuellen und ehelichen Akte sittlich und welche unsittlich sind. Dabei hat man aber kaum darauf geachtet, ob diese Akte Ausdruck von Liebe und gegenseitigem Respekt sind, sondern ob sie der ehelichen Pflichterfüllung dienen, das heißt der Zeugung von Kindern und der Abhilfe der sexuellen Begierde.

Was gehört dann zu einer „regulären“ Beziehung?

Lintner: Nach der kirchlichen Lehre ist eine heterosexuelle Ehe eine reguläre Beziehung, die unter Katholiken zudem sakramental, also kirchlich geschlossen werden muss. Es bezieht sich also nur auf den äußeren Rahmen, nicht jedoch darauf, wie diese Beziehung gelebt wird.

Bei aller Unvollkommenheit so mancher „irregulärer“ Beziehungen fällt der positive und oft würdigende Grundton in „Amoris laetitia“ auf. Ist das die neue Sprache der Kirche?

Lintner: Während der Bischofssynoden 2014 und 2015 zu den Themen Ehe und Familie hat Papst Franziskus einmal gesagt, dass er nicht gerne von „regulär“ oder „irregulär“ spricht, weil dies irgendwie ein sprachliches Urteil darüber ist, dass die äußere Form bzw. die Konformität einer Beziehung mit rechtlichen Normen bereits hinreichend wäre, etwas über die Qualität einer Beziehung auszusagen. Ich finde es schade, dass er dann in „Amoris laetitia“ diese Redeweise dennoch wieder aufgegriffen hat, auch wenn er über die sogenannten „irregulären“ Beziehungen nicht nur negativ spricht. Er sagt, dass auch in ihnen positive Werte, die der Kirche wichtig sind, verwirklicht werden können. Genau darauf kommt es an. Umgekehrt kann eine „reguläre“ Beziehung alles andere als eine gute Beziehung sein. Wir müssen eine Sprachform finden, die das zum Ausdruck bringt, was die moralische und menschliche Qualität einer Beziehung ausmacht, und das ist jedenfalls nicht nur die äußere Form.

Wie können Menschen in ihrem „moralischen Wachstum“ auch in „irregulären“ Beziehungen begleitet werden?

Lintner: Wir sollen Menschen in jeglicher Beziehung so begleiten, dass wir sie in ihrer Liebes- und Beziehungsfähigkeit unterstützen und ihnen zugestehen, dass sie ihr Leben selbstverantwortlich gestalten.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE STEFAN KRONTHALER.

Aufgabe der Kirche: Menschen in ihrer Liebes- und Beziehungsfähigkeit unterstützen, sodass sie ihr Leben selbstverantwortlich gestalten können.  | Foto: secretgarden/photocase.de
P. Martin M. Lintner OSM ist Professor für Moraltheologie und Spirituelle Theologie an der Philo-sophisch-Theologischen Hochschule Brixen. 
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Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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