Gesellschaftspolitischer Stammtisch darüber, wie Corona unsere Zukunft verändert
Sind wir schlauer als Hefe?

Wer ist klüger? „Wir verhalten uns kollektiv als Spezies nicht klüger als Hefezellen“, kritisiert Historiker, Philosoph und Bestseller-Autor Philipp Blom.
  • Wer ist klüger? „Wir verhalten uns kollektiv als Spezies nicht klüger als Hefezellen“, kritisiert Historiker, Philosoph und Bestseller-Autor Philipp Blom.
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„Die Pandemie hätte uns nicht erreicht, wenn wir nicht die Umstände dazu geschaffen hätten“, ließ Dr. Philipp Blom beim Gesellschaftspolitischen Stammtisch Anfang dieser Woche aufhorchen. Und damit sind wir schon mitten im Thema und bei der Frage: Wie verändert Corona unsere Zukunft?

Simone Rinner

Er sei kein Prophet, sondern Historiker, hielt Blom gleich zu Beginn seines Vortrags fest. Wenn man es genau nimmt, ist der Wahlwiener zudem auch Philosoph und Bestseller-Autor. Die Frage, was nach Corona komme, könne er trotzdem nicht beantworten. Aber er könne gemeinsam mit den über 120 „Besucher/innen“ des Online-Stammtischs darüber nachdenken, „was diese Pandemie mit uns macht und wie wir sie einordnen“.

Aus Geschichte lernen?

Als die spanische Grippe damals - 1918 - rund 50 Millionen Opfer „forderte“ wurde sie nicht als Pandemie oder Katastrophe gesehen. Sie war Teil des Ersten Weltkriegs. In der heutigen westlichen Welt geschehe mit Corona aber zum ersten Mal etwas Schlimmes, das mit Einschränkungen verbunden sei und jeden betreffe. „Wir nehmen die Pandemie als katastrophaler wahr als sie ist“, betont Blom, dass sie Teil einer viel größeren Entwicklung sei - nämlich der Klimakatastrophe - und wir quasi selbst dran schuld seien.
Selbst schuld? „Die globalisierte Wirtschaft hat die Pandemie unvermeidbar gemacht“ und „je weiter wir in die Natur eingreifen, umso mehr wird sowas passieren“, zeichnet Blom ein düsteres Bild. Zur Veranschaulichung, dass wir uns unser eigenes Grab schaufeln, skizziert er eine Grafik der NASA, die zeigt, wie viel Co2 in den letzten 800 000 Jahren in der Atmosphäre war. Der Gebrauch fossiler Brennstoffe, der Anstieg der Weltpopulation, der Aufstieg großer Städte uvm. lässt die Kurve seit den 1950er Jahren steil nach oben klettern.

Von Plankton und Ameisen

Allein 2019 seien 30 Fußballfelder Regenwald verschwunden. Pro Minute. Doch was in Brasilien geschehe, habe auch Auswirkungen auf das Klima in Österreich. Spätestens seit der Bibel (Stichwort „Macht euch die Erde untertan“) sehe sich der Mensch als Krone der Schöpfung. Eine Selbstüberschätzung, die harmlos war, „bis wir technisch mächtig wurden“. Die Menschen müssen verstehen, dass sie nur eine Lebensform unter vielen sind und nicht so wichtig wie Plankton oder Ameisen“, plädiert Blom für mehr Bescheidenheit.

Es gibt Alternativen

Die Katastrophe habe die Bruchstellen der Gesellschaft brutal offen und den Finger auf Ungerechtigkeit und Unausgewogenheit gelegt, sieht Blom aber auch das Positive, denn: Während vor Covid die Prämisse galt, dass man die Wirtschaft nicht anhalten könne, geschah genau dies um verwundbare Menschen (wie kranke oder ältere Mitmenschen) zu schützen. Oder wie Blom es formuliert: „Wir haben gelernt es gibt Alternativen! Wir haben andere Wahlen.“

Zu klein

Wäre nicht jetzt die Chance, etwas zu ändern? „Der Virus wird nicht weggehen und ich glaube, dass es als Katastrophe zu klein ist, um ein so starkes Umdenken zu bewirken“, hat Blom Bedenken. „Menschen ändern ihre Meinung über die Welt nämlich nicht durch kluge Argumente, sondern durch Erfahrungen, die sich machen“, so der Historiker. Statt den Politikern vorzuhalten, dass sie nichts ändern müsste man sein eigenes Verhalten ändern, spricht Blom die auf Wachstum ausgelegte Wirtschaft an. Stattdessen verhalten wir uns kollektiv als Spezies nicht klüger als Hefezellen: Hefe wächst (dank Zucker) exponentiell so lange und frisst so viel sie kann, bis sie an ihren eigenen Ausscheidungen erstickt. So erklärt Blom zugespitzt das Dilemma von unendlichem Wachstum in endlichen Systemen. Aber: „Wenn genug Menschen die Geduld, die Ausdauer, den Mut, die Bereitschaft zum Verzicht haben, wenn sie sich weigern aufzugeben, kann aus diesem Anfang wieder eine Stimme werden, die laut und überzeugend genug ist, um ein neues Narrativ - ein sinnstiftendes Motiv - zu schaffen.“

Den Artikel in voller Länge sowie den aufgezeichneten Vortrag zum Nachsehen finden Sie online unter www.ethikcenter.at

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 9 vom 4. März 2021)

Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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