Ein anderer Blick auf Spiritualität
Im Kräutergarten Gottes

„Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen... Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt 6,28f.)   | Foto: Kaltenhauser
2Bilder
  • „Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen... Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt 6,28f.)
  • Foto: Kaltenhauser
  • hochgeladen von Lydia Kaltenhauser

„Spiritualität“ ist ein weites Feld, nicht selten gibt‘s auch unter Gleichgesinnten Grabenkämpfe. Was kann da helfen? Vielleicht ein Blick in den Kräutergarten Gottes.

Einmal fragte ich eine „kirchenferne“ Person nach ihrem Zugang zu Spiritualität. Sie sah mich mit großen Augen an und fragte erstaunt: „Dass Sie von der Kirche mich das fragen? Sicher glaube ich an die Kraft der Heilsteine und lege Tarot-Karten, aber...“. Dass Kirche etwas mit Spiritualität zu tun haben könnte, kam ihr nicht in den Sinn. 
In Buchhandlungen gibt es oft keine Abteilungen für Religion mehr, nur noch
„Bewusstes Leben & Spiritualität“. Manchmal, aber nicht immer, findet sich darunter noch ein kleiner Abschnitt „Christentum“.
Beschäftigt man sich innerhalb der Kirche mit Spiritualität, öffnen sich bald Gräben. Da gibt es Meinungsverschiedenheiten ohne Ende, von der Basis bis nach ganz oben. Meist ist man sehr überzeugt vom eigenen Weg und sieht die anderen in die Irre gehen. Obwohl man doch eigentlich vom Gleichen überzeugt ist. Und alle miteinander weniger werden. Mich macht die Situation oft ratlos.

Lernt von den Kräutern
Nach einem langen Arbeitstag mit einer schwermütig machenden weltlichen und kirchlichen Nachrichtenwetterlage mache ich mich auf zu einem Waldspaziergang. Ich sehe den giftigen Seidelbast und üppig wachsenden Sauerklee, gehe vorüber an wildem Salbei und reifenden Brombeeren. Ein Text von Ignatius von Loyola kommt mir in den Sinn: Gott strenge sich mit der Schönheit und allen Kräften der Natur so sehr an, unsere Aufmerksamkeit und Liebe zu erlangen. Wenn die Kamille ihren Duft nach frisch gemähtem Heu verströmt, wenn die Regentropfen am Frauenmantel abperlen wie rund geschliffene Edelsteine, wenn dunkelrot leuchtende Erdbeeren uns das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen – dann will Gott uns damit zur Lebensfreude und Dankbarkeit einladen. Der eine liebt Kamillentee, die andere rümpft beim Geruch die Nase. Erdbeeren sind für manche der Inbegriff von Gaumenfreude, andere reagieren allergisch darauf. Für alles ist ein Kraut gewachsen, sagt man. Aber nicht jede:r braucht das gleiche. Je nach Gesundheitszustand, Verfassung und Geschmack gibt es für jede:n etwas in der Kräuterapotheke Gottes.

Eine Kraft in vielen Kräutern
Kann es nicht auch mit der christlichen Spiritualität so sein? Der eine Gott lässt alles wachsen, manchmal sogar üppig wuchern. Für jeden religiösen Geschmack ist im Christentum ein Kraut gewachsen. Was man selbst nicht mag, lässt man den anderen stehen. Da gibt‘s auch einen, der aus den Brennesseln Tee oder sogar süßen Sirup machen kann. Vielleicht schmeckt mir das, was mich davor nur ärgerte, dann ja doch auf einmal ganz vorzüglich?
Manches sät sich von selbst aus und bringt hundertfache Frucht, ohne dass ein Mensch auch nur einen Handgriff getan hätte. Anderes verdorrt. Manches wird gesammelt und verwertet, anderes verblüht. Neue Pflanzen tauchen auf, andere kommen aus der Mode. Und auch Giftiges ist zu finden. Gut, dass es Giftstellenbeauftragte und den „Chef-Apotheker“ in Rom gibt, die vor Giftigem warnen können.
Mich tröstet die Analogie vom Kräutergarten Gottes. Da blüht und grünt es in Fülle. Gut ist es, auch einmal etwas Neues zu kosten. Und nicht über das Lieblingskraut der Nachbarin zu urteilen. Sorgsam zu pflegen, was ich brauche. Und mit anderen zu teilen, was mich stärkt. Aufs Danken nicht vergessen, dem Einen, der in allen Kräutern wirkt.

„Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen... Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt 6,28f.)   | Foto: Kaltenhauser
Wenn die Regentropfen am Frauenmantel abperlen wie rund geschliffene Edelsteine, wenn dunkelrot leuchtende Erdbeeren uns das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen – dann will Gott uns damit zur Lebensfreude und Dankbarkeit einladen. 
 | Foto: Kaltenhauser
Autor:

Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag

Kommentare sind deaktiviert.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ