Landeshauptmann Günther Platter und Bischof Hermann Glettler im Tiroler Sonntag-Interview
Was macht Tirol aus? Worauf gründet seine Zukunft?

Zum 75. Geburtstag der Kirchenzeitung stellten sich Landeshauptmann Günther Platter und Bischof Hermann Glettler den Fragen von Chefredakteur Gilbert Rosenkranz.
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  • Foto: Isabella Oberortner
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75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und zum 75. Geburtstag der Kirchenzeitung sprach Chefredakteur Gilbert Rosenkranz am Hohen Frauentag mit Landeshauptmann Günther Platter und Bischof Hermann Glettler. Ein Gespräch über Gedenkkultur, Tourismus und die Bewahrung der Schöpfung.

Für die Befreiung Österreichs haben viele Tirolerinnen und Tiroler ihr Leben geopfert. Nicht wenige von ihnen wie Karl Mayr oder Rosa Stallbaumer sind auch 75 Jahre danach weitgehend unbekannt. Was bedeutet Ihnen die Erinnerung an sie und wie erfahren Sie hierzulande die Gedenkkultur?
Landeshauptmann Günther Platter: Entscheidend ist, dass es eine demokratisch verfasste Rechtskultur gibt. Dazu gehört wesentlich die Pflege der Erinnerung und dass man jenen Menschen, die die Schrecken der Nazi-Tyrannei und des Zweiten Weltkriegs nicht erlebt haben, erzählt, was Menschen aus Hass, Neid, Unverstand und reinem Machtstreben anderen Menschen angetan haben. Das ist auch der tiefere Sinn von Gedenkveranstaltungen. Ein Land, das nicht aus der Vergangenheit und den Fehlern lernt, wer nicht auf die dunkle Geschichte unserer Vergangenheit zurückblickt, wird die Zukunft nicht ordentlich bewältigen können.

Bischof Hermann Glettler: Lebendige Gedenkkultur ist deshalb so wichtig, weil sie uns nicht nur den beschämenden Verlust von Menschlichkeit in Erinnerung ruft, sondern auch Personen vor Augen stellt, die mutig auf ihr Gewissen gehört haben. Sie haben sich selbst der Wahrheit verpflichtet – inmitten eines Systems der Lüge. Diese Mutigen machen Mut, es sind echte Lichtgestalten, an denen wir uns aufrichten können.
Wichtig ist, dass wir uns nicht als die scheinbar moralisch Überlegenen über jene erheben, die sich damals verführen ließen. Auf welcher Seite wären wir denn gestanden? Möglicherweise auch bei denen, die Andersdenkende oder Andersglaubende verachteten. Hätte uns der Glaube zu einer kritischen, damals lebensgefährlichen Haltung inspiriert?

Eines der Grundanliegen der kirchlichen Soziallehre ist das Gemeinwohl. Wie erleben sie das Zusammenwirken der verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Kräfte in Tirol, heute?
Glettler: Grundsätzlich positiv. Es gibt ein überwiegendes Bemühen um eine gute politische Kultur, die sich respektvoll und geduldig an einem gemeinsamen „Wir“ orientiert. Wir haben viele Vereine und sozial engagierte Menschen. Auch wir als Kirche versuchen einen Beitrag zu leisten, damit das Miteinander gelingt. Vor allem braucht es viel Geduld, denn wir haben es heute mit einer ausgeprägten „Empörungsgesellschaft“ zu tun. Viele können sich über alles und jedes aufregen, meist fordernd und in der Pose der Beleidigten oder Geschädigten.
Orientierung am Gemeinwohl bleibt für uns alle eine Herausforderung. Zu oft sind wir von unseren eigenen Interessen gesteuert. Die Akutphase von Corona hat uns zumindest gezeigt, dass wir zu einem echten Zusammenhalt fähig sind. Daran sollten wir anschließen.

Platter: Ich kann der Politik in Tirol insgesamt auch ein gutes Zeugnis ausstellen. Wir sind seit über sieben Jahren in einer Regierung mit den Grünen, es sind zwar zwei völlig unterschiedliche Parteien, aber wir haben einen Weg gefunden.
Ich bin ein Befürworter der Klarheit: da ist einerseits die Regierung, andererseits die Opposition, diese gehört zur Demokratie und ist genau so wichtig wie die freie Meinungsäußerung. Deshalb braucht es unbedingt die Akzeptanz anderer Meinungen und die Fähigkeit, Kritik zuzulassen. Wir müssen mit unseren Worten aber auch vorsichtig sein, wenn diese verletzend sind, wenden sich die Bürgerinnen und Bürger von der Politik ab.

Anliegen der Bewahrung der Schöpfung geraten immer wieder in Konflikt mit Anliegen der Tourismus-, Transport- oder Energiewirtschaft. Welche Schritte braucht es, um Tirol und „das gemeinsame Haus Erde“ (Amazonassynode) so zu hüten, dass hier auch nachkommende Generationen gerne leben wollen?
Platter: Tirol ist ein Tourismusland und durch den Tourismus haben wir ein hohes Maß an Beschäftigung. Tirol war nicht immer ein so verhältnismäßig reiches Land.
Ich möchte Tirol gerne mit einem Baum vergleichen. Die Äste des Baumes Tirol sind gesund. Jetzt geht es darum, das Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Ökologie so gut wie möglich aufzulösen. Uns muss klar sein: Wir sind nur Gast auf Erden. In diesem Bewusstsein gilt es auch klare Grenzen zu ziehen.

Glettler: Der positive Ertrag des Tourismus ist offensichtlich. Wir sind dafür dankbar. Dennoch hat die Corona-Krise deutlich gezeigt, was sich schon längst abgezeichnet hat: Jede Maßlosigkeit rächt sich. Wir dürfen uns selbst und die Umwelt mit einem Immer-mehr, Immer-besser und Immer-größer nicht in eine finale Erschöpfung treiben! Ja, der Baum Tirol hat eine Zukunft, wenn er verwurzelt bleibt. Verwurzelt in einer vielfältigen Volkskultur und in der Wertschätzung von Natur und Familie. Auch der Glaube ist ein wichtiger Wurzelgrund für unser Land.
Tirol ist ein Land mit starken und sehr lebendigen Bräuchen. Zugleich leben hier viele Menschen aus anderen Herkunftsländern und mit anderen religiösen Traditionen.

Wie ist es ihrer Meinung nach um Integration und Integrationsbereitschaft bestellt? Man hört etwa oft, wie schwer sich MigrantInnen auf dem Wohnungsmarkt tun.
Glettler: Tirol zeichnet sich durch Gastfreundschaft aus und durch aufgeschlossene Menschen. Aber zugleich gibt es auch eine fast angeborene Grundangst vor dem Fremden und den Fremden, die manchmal in Härte und Aggression umschlagen kann.
Der Schlüssel, um Ängste abzubauen, ist immer die Begegnung. Es geht darum, den konkreten Menschen kennenzulernen, dessen Lebensgeschichte, Sorgen und Tränen. Durch konkrete Begegnungen werden die Kräfte des Herzens freigelegt.
Übrigens: Würden wir uns nicht so sehr von der Angst, sondern von unserem Mitgefühl leiten lassen, könnten wir ein faires Kontingent von Flüchtlingen aus Griechenland aufnehmen. In den Flüchtlingsunterkünften wäre Platz.

Platter: Tirol hat eine lange Tradition, Flüchtlinge aufzunehmen. Wir müssen den Menschen, die den Asylstatus bekommen haben, verständlich machen, dass ein Leben
in Tirol mit Rechten und Pflichten einher geht. Und wir müssen sie darin unterstützen, dass sie hier tatsächlich den Fuß auf den Boden bekommen – zum Beispiel durch das Erlernen der Sprache. Dann erst wird ein Miteinander möglich.
Integration ist keine Einbahnstraße. Unsere Unterstützung hängt auch an der Bereitschaft, selbstverständlich die Gesetze einzuhalten sowie unser Leben und unsere Traditionen hier zu akzeptieren.

Glettler: In jedem Fall ist jede Mühe um Integration eine wertvolle Investition in die Zukunft unseres Landes. Wenn man jungen Leuten die Chance gibt, eine Ausbildung zu machen, sind sie begeistert und kooperativ. Wenn man sie auf die Verliererseite drängt, bauen sie eine gefährliche Systemwut auf.

Wesentlich für die Identität dieses Landes ist auch der Glaube. Welche Rolle spielt dabei der Religionsunterricht?

Glettler: Eine sehr große. Er macht Kinder und Jugendlich sprachfähig für das, was sie im Herzen tragen oder an Glauben von den Eltern übernommen haben. Da ist ohnehin schon vieles weggebrochen.
Es ist eine echte Herausforderung, den Glauben an Jesus und seine Botschaft inmitten einer voranschreitenden Säkularisierung zu vermitteln. Pädagogisches Geschick und Kreativität sind gefragt. Auch die Zusammenschau mit anderen Religionen und Weltanschauungen passiert im Religionsunterricht. Die Bedeutung des christlichen Glaubens für den Alltag und für viele Lebensfragen, mit denen junge Menschen konfrontiert sind, werden gemeinsam erarbeitet.
Ohne Religionsunterricht wären unsere öffentlichen Schulen um vieles ärmer. Ich bin allen dankbar, die Religion unterrichten.

Platter: Von mir kommt ein ganz klares Ja zum Religionsunterricht. Ich könnte mir ein Tirol ohne Religionsunterricht nicht vorstellen, ohne ein Kreuz in den Klassen. Ich habe aber natürlich auch Verständnis für jene, die keinen Religionsunterricht besuchen wollen. Für sie ist dann eben der Ethikunterricht verpflichtend notwendig. Der Glaube sollte nicht nur gelebt werden, wenn man sich in einer Krise befindet.
Ich habe schon einige Male erlebt, dass sich manche dem Glauben wieder nähern, wenn sie sich in einer schwierigen Lage befinden, aber das wäre zu einfach. Denn Glaube muss auch in sonnigen Zeiten gelebt werden.

Bei der Vielzahl von Terminen, die sie wahrnehmen, stellt sich die Frage: Wie sammeln Sie sich – etwa wenn wie in der Corona-Krise laufend sehr schnell Entscheidungen getroffen werden müssen?

Platter: Für mich ist Gelassenheit sehr wesentlich. Auch der Glaube spielt eine Rolle,
um zur Ruhe zu finden: den Rückhalt zu spüren und das große Glück zu haben, dass man in einem schönen, familiären Umfeld aufwachsen durfte und geerdet ist. Das alles hilft, dass es einen nicht sofort umhaut, wenn wieder einmal der Wind bläst.
So eine Zeit wie bis zum Sommer habe ich noch nie erlebt. Ich kann nur sagen: ohne ein derart hervorragendes Team, wie ich es um mich habe, schafft man das nicht.

Glettler: Auch mir sind sehr dichte Zeiten und Belastungen nicht unbekannt. Was mich persönlich trägt, ist ein guter Tagesrhythmus, in dem fix Zeiten des Gebetes eingeplant sind.
Die kleine Kapelle im Bischofshaus ist meine Kraftkammer. Ich tanke dort Gelassenheit und Freude.
Ich habe zudem das Glück, dass ich das meiste, was im Kalender steht, sehr gerne
tue. Außerdem bin ich beschenkt durch viele Begegnungen. Daraus gehe ich immer wieder erfrischt hervor.

Autor:

TIROLER Sonntag Redaktion aus Tirol | TIROLER Sonntag

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