Corona hat auch unerwartet gute Seiten
Beziehungen stehen kopf

Eigene Hühner waren die Attraktion für Elsa, Paul und Ferdinand während des Frühlings-Lockdowns. Die Geschwister spielten in dieser Zeit mehr als sonst miteinander und lernten auch ihre Eltern von neuen Seiten kennen.
  • Eigene Hühner waren die Attraktion für Elsa, Paul und Ferdinand während des Frühlings-Lockdowns. Die Geschwister spielten in dieser Zeit mehr als sonst miteinander und lernten auch ihre Eltern von neuen Seiten kennen.
  • Foto: Ehrenfellner
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Seit März lief die Schule nur zehn Wochen lang normal. Geschäfte mussten für viele Wochen schließen, Sportstätten, Kulturbetriebe und Gasthäuser auch. Die Coronazeit, die für die meisten zum großen Stresstest wurde, zeigte unerwartete Nebenwirkungen: Familien verbrachten Zeit miteinander und lernten sich dadurch besser kennen.

Sie hat keine Erfolgsstory zu erzählen, meint Franziska Ehrenfellner, Sängerin, Juristin, Mutter von drei Kindern und Managerin des Kultursalons Ehrenfellner. Wenn sie auf das coronageprägte Jahr 2020 zurückblickt, fühlt sie sich nicht wie eine Gewinnerin. „Es ist unmöglich auszublenden, was alles passiert ist.“ Und dennoch: Mitten im Chaos der fünfköpfigen Familie und der beruflichen Aufgaben findet sie schöne Momente, die sie dem außergewöhnlichen Jahr 2020 verdankt. „Ich mag den sozialen Stress, die vielen Kontakte, Termine und Begegnungen. Deshalb war ich sehr überrascht, wie wohltuend es war, ihn nicht zu haben.“ Im Frühling verwirklichte sie mit ihrem Mann und den kleinen Kindern Projekte im Garten wie einen Miniteich und ein Hühnerhaus. „Dafür hätten wir sonst keine Zeit gefunden.“ Der üblichen Tagesstruktur von Volksschule und Kindergarten zu entkommen, ohne auf Urlaubsreise oder zumindest Tagesausflüge gehen zu können, bewirkte eine neue Erfahrung. „Dadurch, dass wir 24 Stunden täglich beisammen waren und uns nicht ablenken konnten, waren wir gezwungen, uns mehr miteinander zu beschäftigen, als wir das sonst auch versuchen. Das war etwas Schönes und Wertvolles für uns.“

Alles neu
Sämtliche Beziehungen waren durch die Lockdowns der Coronazeit herausgefordert, sagt auch Martina Höber, Bereichsleiterin für Alleinerziehende und gigagampfa im Ehe- und Familienzentrum der Diözese Feldkirch. Sie mussten und konnten sich neu definieren: die Eltern-Kind-Beziehungen, die Beziehungen der Kinder untereinander und die Beziehung zwischen den Eltern. „Die Beziehungen sind teilweise auf den Kopf gestellt worden“, erzählt Höber aus der Beratungspraxis. „Geschwister sind aufeinander zugegangen, weil sie sich nicht mit Freundinnen oder Freunden treffen konnten, Eltern-Kind-Beziehungen wurden neu aufgerollt, und Partner waren gefordert.“ In der Beratung begegnet sie speziellen Herausforderungen, da sie Trennungen, Scheidungen und Alleinerziehende oder getrennt lebende Familien begleitet. Für Paare im Trennungsprozess bedeutete der Corona-Lockdown eine Verzögerung. „Wenn etwa Scheidungsgerichtsverfahren ausgehebelt werden, weil Termine nicht haltbar sind, ist das psychisch belastend.“ Dazu kam die Unsicherheit der Unterhaltszahlungen bei Kurzarbeit und der Eltern-Besuchsregeln für Kinder im Lockdown.

Streitkultur
Martina Höber erlebte zwischen all diesen Schwierigkeiten unerwartetes Potenzial. Ein Paar war dabei, sich zu trennen, weil es Alltäglichkeiten als Konfliktpotenzial erlebte und sich im Kreis der Kränkungen und verbalen Gewalt drehte. Während des Lockdowns im Frühling konnten die Partner einander nicht begegnen. In dieser Zeit entdeckten sie ihre Bindung und Verbindung wieder neu, die Konfliktthemen waren nicht mehr überdimensional. Nach einer dramatischen Trennung gab es einen sensiblen Neustart. Das sei nicht der Normalfall, sagt Beraterin Martina Höber, aber „bedrohliche Themen von außen ändern die Familiensituation“. Auch Paare, für die ein Neustart kein Thema war, fanden teilweise zu einer neuen Streitkultur. „Wo man sich vorher auswich und manche Themen daher umschiffen konnte, statt sie zu klären, musste und konnte man nun hinschauen. Routinen, Wiederholungen und Muster in Konflikten konnten dadurch aufbrechen.“

Jugendliche
Ähnliche Wendungen erlebte Martina Höber in Eltern-Kind-Beziehungen. Sie erzählt von einer 14-Jährigen, deren Eltern immer wieder das Gespräch mit ihr suchten, aber nicht fanden. „Da kann es heilsam sein, dass man als Familie beisammen ist.“ Während des Lockdowns im Frühling erhielten die Eltern plötzlich einen liebevollen Brief von ihrer Tochter im gemeinsamen Haushalt, überraschend und umso erfreulicher. Die Gesprächsbrücken zwischen den Generationen finden sich leichter, wenn man mehr Zeit miteinander verbringt, ist die Begleiterin und Beraterin überzeugt.

Nähe
Das bestätigt auch Franziska Ehrenfellner, deren Erstgeborene manchmal gar nicht leicht aus der Reserve zu locken war. Die Umstellung vom Schulbetrieb nachhause war für die Erstklässlerin eine Herausforderung, aber danach fanden sich exklusive Momente der Zweisamkeit zwischen Mutter und Tochter, die sonst im Trubel nicht stattgefunden hätten. „Ich habe ein Scrabble-Spiel gekauft, da können die kleinen Brüder noch nicht mitspielen, das haben nur wir gemeinsam gespielt. Elsa ist richtig aufgeblüht dabei.“ Die neue Verbindung zwischen Mutter und Tochter wirkte sich auch nach dem Lockdown positiv auf ihre Beziehung aus. Franziska Ehrenfellner weiß das zu schätzen. „Ich fühle mich privilegiert, dass es so ausgehen kann. Wir haben schon auch Sorgen, das Virus und die Ansteckungsgefahr erscheinen mir manchmal sehr bedrohlich, aber unsere Sorgen sind nicht so existenziell wie bei vielen anderen.“

Lösungen
Mit existenziellen Sorgen hatte Martina Höber in ihrer Beratungspraxis zu tun. Und gleichzeitig mit ganz neuen Lösungen, die Menschen gefunden haben. Bei Wohnungsnot zum Beispiel, die in Trennungen immer eine Rolle spielt, sprangen Gemeinden und Gemeindeverbände mit teils unkonventioneller, unbürokratischer Unterstützung ein. Ein Bürgermeister nahm eine verzweifelte Mutter in eine WhatsApp-Gruppe zum Thema Wohnen auf, wodurch sie immer aus erster Hand informiert war und leichter eine Lösung fand. Auch in der Schule waren kreative Lösungen möglich, beobachtete Höber. „Viele Schulen haben den ‚Schalter umgelegt’. Eltern wurden als Team-Partner gesehen.“ Seit dem Lockdown würden Kinder außerdem individueller betrachtet. „Ich hoffe, dass aus den positiven Erfahrungen, die wir auch gemacht haben, etwas überbleibt für die Zukunft.“

Computerfreaks
Das Distance Learning über elektronische Geräte bot außerdem Andock-Möglichkeiten für Kinder aus bildungsfernen Familien. „Sonst verhaltensauffällige Kinder ließen sich durch die Technik gut einbinden.“ Schon vor Corona spielten manche Schüler/innen gerne täglich stundenlang am Computer. „Jetzt sind sie mit ihren technischen Kenntnissen eingebunden“, so Höber. Während sie die Kenntnisse im ersten Lockdown häufig auch zum Stören nutzten (Online-Sitzungen unterbrechen oder Lehrerinnen und Mitschüler aus der Sitzung werfen fanden sie besonders cool), hätte sie erlebt, dass im zweiten Lockdown das Wissen um die Technik besser als Ressource in das Schulsystem eingebunden wurde. Die Familienberaterin hofft, dass die Fördermöglichkeiten, die sich durch virtuellen Unterricht ergeben, auch über die Coronazeit hinaus beibehalten werden.

Erinnerungen
Franziska Ehrenfellner ist überzeugt, dass aus dem schwierigen Jahr 2020 auch Positives hängenbleibt. Für Kinder, die nicht unter verstärkter Gewalt oder Überforderung der Eltern gelitten hätten, bliebe die Zeit wahrscheinlich sogar in guter Erinnerung als eine „schöne, gemeinsame, verhältnismäßig glückliche Zeit“. Sie selbst erinnert sich an einen ganz besonderen Abend ihrer Kindheit. Es gab mehrere Stunden kompletten Stromausfall. Ihre Mutter zündete Kerzen an und holte eine Gitarre aus irgendeinem Schrank. „Ich hatte vorher keine Ahnung, dass meine Mutter Gitarre spielte.“ Sie würde sich heute sicher nicht mehr an den Stromausfall erinnern, ist sich Ehrenfellner sicher, wenn sie nicht an jenem Abend mit ihrer Mutter gemeinsam gesungen hätte. Ähnlich wie der Stromausfall könnte auch die herausfordernde Coronazeit im Gedächtnis der Kinder nicht nur als Belastung hängenbleiben.

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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