Interview mit Obdachlosenseelsorger Helmut Eder
Advent ohne Dach über dem Kopf

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Adventliche Vorfreude gibt es für Obdachlose wenig. Seit Oktober freuen sie sich aber auf das Weihnachtsessen mit dem Bischof, sagt Obdachlosenseelsorger Helmut Eder.

„Die Menschen gut stützen“
Obdachlos im Advent

Obdachlose sind zwar nicht gern gesehen, doch die wenigsten suchen sich ihr Schicksal freiwillig aus. Obdachlosen-Seelsorger Helmut Eder weiß, wie es den Betroffenen im Winter und im Lockdown geht.

Von den Coronamaßnahmen sind alle Bevölkerungsteile betroffen, so auch die Obdachlosen. Wie geht es ihnen im Lockdown? 

Helmut Eder: Für Menschen, die in einer Übergangswohnung sind, in einer Notschlafstelle oder draußen schlafen, hat sich wenig bis gar nichts geändert.

Die Einrichtungen sind offen und können unter Einhaltung der 2-G-Regelungen betreten werden. Die meisten, die das in Anspruch nehmen, sind geimpft, oft sogar schon zweimal. Die Impfmotivation ist höher als in der allgemeinen Bevölkerung, was wahrscheinlich daran liegt, dass Obdachlose weniger in einer Konsumwelt leben – sie machen keine Einkäufe und besuchen keine Lokale. Bei ihnen geht es darum, wo sie das nächste Essen herbekommen.

Es ist paradox, aber vom Lockdown merken sie eher wenig. Sie bedauern zwar, dass es keinen Weihnachtsmarkt gibt, aber die meisten hätten sowieso nicht so viel Geld, um sich dort etwas zu kaufen. Den Lockdown nehmen sie medial aber natürlich wahr, haben zur Impfpflicht unterschiedliche Meinungen. 

Die Hilfe und Unterstützung für Obdachlose ist also nicht heruntergefahren worden?

Eder: Die Notschlafstelle ist aufgrund des Lockdowns sogar wieder den ganzen Tag offen. Normalerweise müssen sie in der Früh raus und können erst abends wieder hinein. Während des Lockdowns können sie 24 Stunden lang bleiben, was vor allem dann gut ist, wenn es draußen nass ist oder sie kränklich sind.

Walter Kreische von der Obdachlosenhilfsaktion verteilt nach wie vor Nahrungsmittel, Hygieneartikel und anderes an Betroffene, das helpmobil der Caritas steht immer Montag und Freitag zur medizinischen Grundversorgung an mehreren Standorten, und auch die Streetworker sind unterwegs und schauen, wo Bedarf ist.

Gab es bisher viele positive Coronafälle unter den Obdachlosen?

Eder: In der Notschlafstelle Nowa gibt es zwei separierte Zimmer, wo einmal jemand betreut worden ist. Im September, Oktober gab es immer wieder Fälle, ich weiß auch von einem, der kurz im Krankenhaus war. Aber sonst ist mir nichts bekannt. Es hat zwar auch Todesfälle gegeben, jedoch hatten die andere Ursachen.

Wegen der Kälte? 

Eder: Oft sind es mehrere Faktoren, die zusammenkommen. Die Kälte spielt natürlich eine Rolle. Wenn zum Beispiel jemand zu wenige Decken gehabt hat, sich nicht rechtzeitig an eine geschützte Stelle hingelegt hat oder nicht spürt, dass er eigentlich schon unterkühlt ist. Oft hat es mit Alkohol- oder Drogenmissbrauch zu tun. 

Warum wird man obdachlos? Stimmt es, dass manche dieses Leben auch freiwillig wählen?

Eder: Gründe, warum jemand auf der Straße landet, gibt es viele. Leute, die bewusst so leben, wollen bei der Leistungsgesellschaft nicht mitmachen und uns zeigen, dass man auch mit weniger auskommt und zufrieden sein kann. Sie wollen uns damit einen Spiegel vorhalten, deshalb sind Obdachlose nicht gern gesehen.

Aber jede Lebensgeschichte ist anders. Ich kenne einen, der lebt seit zwölf Jahren auf der Straße, doch von außen würde man es ihm nicht ansehen. Er kommt immer gepflegt und rasiert daher.

Aber wie viel Prozent zu den freiwillig Obdachlosen gehören, kann ich nicht sagen. Die meisten wollen raus aus der Obdachlosigkeit. Die größten Erfolgschancen gibt es im ersten Jahr, wenn sie in der Krisenzeit – nach dem Verlust der Arbeit oder der Wohnung – gut gestützt werden. 

Was glauben Sie, werden durch Corona mehr Menschen in die Obdachlosigkeit schlittern?

Eder: Michaela Haunold von der Caritas-Sozialberatung sagt, dass in den nächsten zwei Monaten einige Delogierungen anstehen. Ich kann keine konkreten Zahlen nennen, aber wir sind in der Beratung intensiv dabei, die Leute gut zu stützen. Bei vielen liegen die Nerven blank, auch in der normalen Bevölkerung. Zunehmende Gewalt, prekäre familiäre Situationen, Kontrollverlust, Frust – unsere Telefone in der Seelsorge laufen heiß.

Für die meisten Menschen bedeutet Winter auch Advent, Vorfreude, Christbaumschmücken, Familientreffen. Und für Obdachlose?

Eder: Bei ihnen gibt es das eigentlich nicht.  Viele sind sehr depressiv in diesen Tagen, besonders wenn sie keinen Kontakt zu ihrer Ursprungsfamilie oder den Kindern haben. Da muss man sie gut begleiten.

Seit Oktober fragen sie mich, ob das traditionelle Weihnachtsessen mit dem Bischof stattfinden wird. Das wird es, aber vielleicht wieder in einer verkürzten Form wie letztes Jahr, wo wir das Essen mitgegeben haben.

Ob der Adventgottesdienst am Martin-Luther-Platz stattfinden wird, kann ich noch nicht sagen, aber ich bin trotz der strengen Auflagen zuversichtlich. 40 Leute können dabei sein, es soll Musik geben und auch ein kleines Geschenk. Solche Angebote sind wichtige Orientierungspunkte für die Betroffenen.

Halten Sie die Unterstützungsangebote für Obdachlose in Oberösterreich für ausreichend? 

Eder: Land und Stadt unterstützen die Einrichtungen, aber eine zweite Notschlafstelle mit einem zweiten Träger wäre gut. Es braucht außerdem mehr günstigen Wohnraum und Übergangswohnungen.

Der Wohnbau ist katastrophal: Die Arge Obdachlose, die auch Wohnungsvermittlungen macht, muss oft  sehr viel Kaution zahlen. Wohnungen in der Stadt mit kurzen Wegen wären sinnvoll. Einen Platz zum Wohnen zu haben, stabilisiert Menschen, das weiß man aus Studien.«

Helmut Eder ist Obdachlosenseelsorger in Linz und Pfarrassistent in Linz St. Severin.

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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