Mein Weg nach Rom 4/10
Höhen und Tiefen im Kopf: die Poebene

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Zwischen Feldern, Kanälen und Orten mit Flair

„Basta! – Genug!“ sagten sich im Jahr 1882 rund 60.000 Bewohner der Polesine – jenes Landstrichs zwischen Po und Etsch. Nach häufigen Überschwemmungen und permanenter Malariagefahr wanderten sie kurzentschlossen nach Südamerika aus. Die Römer nannten den 650 Kilometer langen Fluss einst „Padus“. Heute gilt der Po dank beidseitiger Dämme mit integrierten Überschwemmungsflächen als gezähmt.

NACH BOLOGNA

Der Antoniuspilgerweg, von den Minoriten in Padua ins Leben gerufen, führt uns im ersten Abschnitt durch die Weite der Poebene. Ehrlich gesagt – wer käme auf die Idee, dort zu wandern? Die Abwechslung scheint gering, das Gelände ist flach. Höhen und Tiefen erlebt man höchstens im Kopf.

Ein Spinnennetz von Kanälen durchzieht diese Landschaft. Wer vermeintliche Abkürzungen wagt, steht bald vor einem Wasserlauf – mit der Wahl zwischen Schwimmen oder reumütigem Umkehren. Nicht alle Wege führen nach Rom!

Doch nach einigen Tagen durch endlose Obst-, Weizen- und Reisfelder merken wir: Oha – so habe ich das nicht erwartet! Von Bäumen gesäumte Wege führen vorbei an Gehöften und prächtigen Villen, durch Orte wie Monselice und Rovigo, jedes mit eigenem Flair. Viele freundliche Menschen begleiten uns auf dem Weg bis zum „Risaia di Bentivoglio“ – einem Naturpark mit Reisfeldern, Maulbeerbäumen, stillen Weihern voller Wasservögel und einem kleinen Naturparkhaus mit Gehegen für verletzte Störche.

Apropos Reis: Die Arbeit auf den Feldern verrichteten früher Frauen – im Wasser stehend, in der heißen Sonne, schlecht entlohnt – oft singend. Das bekannte Partisanenlied „Bella ciao“ hat seinen Ursprung in diesen Feldern. Doch die Frauen organisierten sich, kämpften und setzten schließlich einen Achtstundentag durch. Der italienische Regisseur Giuseppe De Santis setzte ihnen 1949 mit dem Schwarz-Weiß-Film „Bitterer Reis“ ein Denkmal. Heute sind die Gesänge verstummt – das Brummen der Erntemaschinen hat ihren Platz eingenommen.

Die Villa Duodo und die Kirche San Giorgio in Monselice.
  • Die Villa Duodo und die Kirche San Giorgio in Monselice.
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Madonna di San Luca.

STÄDTEBAUKUNST

Bald erreichen wir Ferrara – eine befestigte Stadt, deren mächtige Mauern ein UNESCO-Weltkulturerbe umschließen. In ihrer Blütezeit vom 13. bis 16. Jahrhundert wurde sie vom Adelsgeschlecht der Este regiert. Im Zentrum erhebt sich noch immer das imposante Castello Estense. Nur einen Steinwurf entfernt betreten wir die romanisch-gotische Kathedrale San Giorgio mit ihrer prachtvollen Marmorfassade. Am rechten Seitenportal ist der mächtige Alberto d’Este als Pilger dargestellt – in Stein gemeißelt, demütig. Die Verkehrsprobleme halten sich in Grenzen: Ferrara gilt als Fahrradhochburg – wohl nicht zuletzt wegen der 15.000 Studierenden, die das Stadtbild prägen.

Nur drei Etappen weiter ragt die Wallfahrtskirche Madonna di San Luca über Bologna auf. Ein Arkadengang mit 666 Bögen führt hinauf. Überhaupt prägen kilometerlange Arkaden das Stadtbild – Bologna trägt nicht umsonst die Beinamen „La Dotta“ (die Gelehrte), „La Grassa“ (die Fette, wegen der reichen Küche) und „La Rossa“ (die Rote, wegen der Ziegelbauten).

DREI HEILIGE

Ein vierter Beiname wäre verdient: „La Santa“ – die Heilige. Denn gleich drei große Heilige hinterließen hier ihre Spuren.

Erstens war da der heilige Antonius: Franziskus erlaubte ihm 1224 in einem Brief, „die heilige Theologie vorzutragen“ – er unterrichtete an der Universität, die seit 1088 besteht und als älteste Europas gilt.

Zweitens hielt der heilige Dominikus, Gründer der Dominikaner, 1220 ein Generalkapitel in Bologna ab. Er starb hier überraschend 1221 im Rahmen einer Missionsreise. Sein Grab mit kunstvoller Silberbüste befindet sich in der Basilika San Domenico.

Drittens predigte in Bologna der heilige Franziskus 1222 zu Mariä Himmelfahrt auf dem Platz vor dem Rathaus. Thomas von Split, ein Chronist des 13. Jahrhunderts, berichtet als Augenzeuge: „Fast die ganze Stadt strömte zusammen und die Verehrung stieg derart, dass Männer und Frauen scharenweise darum kämpften, wenigstens den Saum seiner Kutte berühren zu können.“

FERDINAND TREML
WAR LEHRER, SCHULDIREKTOR UND BEZIRKSSCHULINSPEKTOR. ER IST AUTOR DES PILGERFÜHRERS „DER PILGERWEG NACH ROM (TYROLIA VERLAG).

Die Villa Duodo und die Kirche San Giorgio in Monselice.
Madonna di San Luca.
Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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