Pfingstserie Teil 4 - Melanie Wolfers
Freude: schöner Götterfunke

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„Eigentlich wollten mein Mann und ich eine lang geplante Reise machen, aber darf ich in diesen Zeiten einen solchen Urlaub überhaupt genießen?“ Dies schrieb mir eine Podcast-Hörerin wenige Tage nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine im Februar 2022. Grundsätzlicher gefragt: Ist es nicht ein ungebührlicher Luxus, angesichts der vielen Krisen unserer Welt an die eigene Freude zu denken?!

Mit Gewinn habe ich das Lebenszeugnis von Desmond Tutu und des Dalai Lama gelesen. In ihrem gemeinsamen „Buch der Freude“ münden ihre Lebenserfahrung und die Weisheit ihrer Weltreligionen in die zentrale Erkenntnis: Nur tief empfundene Freude kann sowohl das Leben des Einzelnen als auch das globale Geschehen spürbar zum Positiven wandeln! Denn sobald Menschen der Freude erlauben, ihr Herz zu weiten, stärken sie ihre Fähigkeit, mit Krisen umzugehen und sich den Nöten dieser Welt zu stellen.

Dass dies mehr ist als ein bloßes Wunschdenken sei an zwei Auswirkungen von Freude verdeutlicht.

FREUDE TUT GUT UND MACHT KLUG
Freuen wir uns, dann richtet sich unser Körper auf. Wir gehen beschwingten Schrittes und nehmen drei Stufen auf einmal. Unsere Augen beginnen zu strahlen und unser Gesicht hellt sich auf. Bereits unser Körperausdruck zeigt, dass Freude ein Gegengewicht zu Dunkelheit und Erdenschwere bildet und Anspannung löst. Freude richtet auf. Für einen Augenblick stimmt einfach alles: innen und außen! Ich kann fraglos Ja sagen zum Augenblick. Ein Gefühl von Vitalität erfasst mich und stärkt das Vertrauen in mich und ins Leben.

Eine zweite Wirkung von Freude hängt damit zusammen, dass positive und negative Emotionen sich unterschiedlich auswirken auf unser Wahrnehmen, Denken und Handeln. Dies zeigen zahlreiche Studien, doch vermutlich auch Ihre eigene Lebenserfahrung. Dazu brauchen Sie sich nur zwei unterschiedliche Tage in Erinnerung zu rufen. Der erste beginnt vielleicht damit, dass Sie nach einer unruhigen Nacht mit dem berühmten linken Bein aufgestanden sind – und dies auch noch 15 Minuten zu spät. Ihre pubertierende Tochter besetzt gefühlt stundenlang das Bad, in der Eile kippt Ihnen die Kaffeetasse um und den Autoschlüssel können Sie auch nicht finden. Hektisch leeren Sie Ihre Handtasche aus, um den Schlüssel irgendwann im Mantel zu entdecken, in den Sie ihn gestern Abend vorsorglich gesteckt hatten. Mit einem leisen Fluch springen Sie ins Auto und … Hier überlasse ich die Schilderung des weiteren Tages Ihrer eigenen Fantasie.

Nun denken Sie an einen Tag, der auf einem positiven Gleis eingespurt gewesen ist: Nach einer unruhigen Nacht stehen Sie auf – und dies 15 Minuten zu spät. Sie denken: „Ach, immerhin habe ich eine Viertelstunde länger ausgeruht.“ Ihre Tochter braucht lange im Bad und Sie schmunzeln in sich hinein: Ob sie sich für den Jungen herausputzt, in den sie sich verliebt hat? Sie nutzen die Wartezeit, um in Ruhe Ihren Kaffee zu trinken und können Ihren Autoschlüssel nicht finden. Als Sie ihn im Mantel entdecken, in den Sie ihn vorausschauend gesteckt hatten, murmeln Sie anerkennend: „Manchmal bin ich schlauer als gedacht!“ Sie setzen sich ins Auto und … – Auch hier sei der weitere Tagesverlauf Ihrer Fantasie überlassen: Ihre Kreativität und Leistungskraft am Arbeitsplatz, Ihre Kontakte und Gespräche, der Familienchat und der Feierabend …

Grundsätzlich gilt: Negative Emotionen engen unsere Wahrnehmung ein. Packt einen etwa die Angst, dann kommt es einem so vor, als hätte man nur eine einzige Option, nämlich: „Nur weg hier!“ Im Unterschied dazu öffnen positive Emotionen unser Herz und unseren Geist, was uns empfänglicher und kreativer werden lässt. Empfinden wir beispielsweise Freude, dann sind wir in der Lage, mehr Signale aufzunehmen und zu verarbeiten. Und das unterstützt wiederum unsere geistige Flexibilität. Wir werden kreativer und unsere Fähigkeit, Probleme zu lösen, verbessert sich. Pointiert gesagt: Freude tut gut und macht klug!

WEM WILL ICH GLAUBEN SCHENKEN?
Zurück zur Eingangsfrage: Sollte bei den vielen drängenden Herausforderungen unserer Welt die Sorge um das persönliche Glück nicht in den Hintergrund treten?! – Ich halte es für keinen ungebührlichen Luxus, angesichts der Krisen unserer Welt an die eigene Freude zu denken. Und ebenso wenig erscheint es mir sinnvoll, die Fähigkeit zur Freude zu begraben, wenn man selbst in einer Krise steckt. Denn Freude stärkt die seelischen, geistigen und zwischenmenschlichen Ressourcen.

Um die Haltung der Freude zu kultivieren, lautet einer meiner persönlichen Leitsätze: Ich will meiner Freude mehr Glauben schenken als meinem Kleinmut. Das kann konkret bedeuten: Wenn Freude in mir aufsteigt, und wenn mir Ohnmachtsgefühle oder Verlustängste diese madig machen wollen, dann versuche ich, meinem Kleinmut keine Deutungshoheit über mein Leben zu geben. Und ich überlasse mich der Freude im Vertrauen darauf, dass diese einen guten Grund hat. Dass sich die ganze Welt einem schöpferischen göttlichen Geheimnis verdankt. Und dass es gut ist, ein Teil dieser Welt zu sein.

PRAXISTIPP: WEGWEISER ZUR FREUDE
Statt ständig darüber nachzudenken, was wir an uns und unserem Umfeld „reparieren“ wollen, können wir uns täglich einfach einen Moment Zeit gönnen, um das zu bewundern, was keiner Reparatur bedarf. Und so der Dankbarkeit und Freude Raum geben.

Aus: Melanie Wolfers, Nimm der Ohnmacht ihre Macht. Entdecke die Kraft, die in dir wohnt. bene! Verlag 2023, 124–133

Die Salvatorianerin Melanie Wolfers ist Seelsorgerin und Expertin für Lebensfragen und Spiritualität. In ihrer Pfingstserie zeigt die Bestseller-Autorin Hilfestellungen auf, sich von Ohnmachtsgefühlen in Krisenzeiten nicht lähmen zu lassen. Infos: www.melaniewolfers.at

MELANIE WOLFERS SALVATORIANERIN | Foto: Ulrik Hölzel
Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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