EIN_BLICK
Keiner kann alleine den Weltfrieden beeinflussen
- Hier wohnte Viktor Frankl von der KZ-Heimkehr bis zum Tod 1997 (Türschild links). Seine zweite Frau Elly ist erst voriges Jahr in ein Heim übersiedelt. Nebenan findet sich das Viktor Frankl Museum.
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Jeder und jede trägt einen Teil zum großen Ganzen in der Welt bei, und sei dieser auch noch so klein. Den eigenen Anteil zu leisten, die eigene Aufgabe zu finden und zu erfüllen, sah Viktor Frankl als Sinn des Lebens an.
Das Leben hat einen bedingungslosen Sinn. Das sagte einer, der die Sinnlosigkeit kennengelernt hatte: Viktor Frankl hatte vier nationalsozialistische Konzentrationslager überlebt. Der Großteil seiner engsten Angehörigen war dort ermordet worden. Viktor Frankl kehrte dennoch 1945 nach Wien zurück, in der Hoffnung, es könnte dort noch jemand auf ihn warten. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Doch der Psychiater und Neurologe nahm seine Arbeit wieder auf und entwickelte seine ganz eigene Schule der Psychotherapie weiter, die Logotherapie. „Sinn ist immer die verwirklichungswürdigste aller Möglichkeiten“, erklärt die Frankl-Expertin und Unternehmensberaterin Daniela Philipp. „Und zwar ist es die bestmögliche Variante sowohl für mich, als auch für die anderen, für das Umfeld.“ Sinn, so sagte der „Zu-Ende-Denker“ Viktor Frankl, könne man nur außerhalb von sich selbst finden. „Auch mit Spiegeln an der Wand und dem 17. Selbstoptimierungsbuch gelingt keine echte Sinnfindung und Selbstverwirklichung“, erläutert Daniela Philipp. Denn Sinn finde man in einer Aufgabe für die Außenwelt, in einem Puzzlestein, den es zum Wohl der Welt beizutragen gilt. Wie man diese Aufgabe findet? Zum Beispiel, indem man sich fragt, was einen am meisten aufregt. Denn die Aufregung zeigt auf einen dahinterstehenden Wert, für den es sich lohnt, sich einzusetzen.
- Daniela Philipp ist Unternehmensberaterin und Mitglied im Team des Viktor Frankl Zentrums Wien.
- Foto: Viktor Frankl Zentrum
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ANTWORTEN AUF DIE LEBENSUMSTÄNDE
Nikolaus Kopernikus hatte Mitte des 16. Jahrhunderts entdeckt, dass die Sonne nicht um die Erde kreist, sondern die Erde um die Sonne. Eine ähnliche „kopernikanische Wende“ im Denken machte Viktor Frankl, als er sagte: Nicht ich habe Fragen an das Leben zu stellen – warum etwas so und so passiert sei, warum gerade so viel Krieg herrsche, warum in der Politik nichts weitergehe ... Nein, meint Frankl, das Leben stelle die Fragen an uns. „Alles, was uns begegnet“, formuliert es Daniela Philipp auf dem Weg durch die vier Räume des Viktor Frankl Museums in Wien, „alles kann als Frage gesehen werden, die es zu beantworten gilt, indem wir Verantwortung übernehmen.“ Die Umstände könne man nicht immer beeinflussen, aber man könne sich immer selbst entscheiden, wie man sich zu den gegebenen Umständen stellt. „Viktor Frankl sagte im Geist zu seinen Widersachern: Ihr könnt mir alles antun, aber wie ich mich dazu stelle, ob ich mich als Opfer fühle oder nicht, über meine Würde entscheide ich selbst.“
MENSCHEN BRAUCHEN EINE AUFGABE
Frankls Blick auf die Krisen seiner Zeit war geprägt von der Frage: „Wozu fordert mich diese Situation auf? Welche sinnvolle Rolle kann ich darin einnehmen?“ Schon in der Wirtschaftsdepression vor dem Zweiten Weltkrieg hatte er diesen Ansatz vertreten und gelebt, weiß die Frankl-Expertin zu erzählen. „Viktor Frankl sagte sich: Ich bin kein Ökonom und kein Politiker.“ Aber als Arzt und Therapeut begann er gemeinsam mit anderen, Jugendberatungsstellen zu gründen. Arbeitslosen Jugendlichen verschaffte er ehrenamtliche Aufgaben, die ihren persönlichen Stärken entsprachen. Im Vorfeld der Zeugnisverteilung wiederum verfasste er Info-Flyer, die verzweifelte Schüler:innen vor dem Suizid bewahren sollten – und es wirkte. In jenem Jahr kam es in Wien im Zusammenhang mit der Zeugnisverteilung zu keinem Suizidversuch, sehr zum Unterschied zu anderen Jahren.
- Auf einen Kaffee mit Viktor Frankl kann man sich im Viktor Frankl Museum in Wien setzen (rechts), oder besser auf eine gute Lektüre.
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AUCH KLEINE PUZZLESTEINE FEHLEN
Was aber den Menschen fähig macht, Stellung zu beziehen zur Situation, in die er oder sie gestellt ist, das ist sein Geist. Und zwar nicht der Geist im Sinne des Verstandes. Der Geist ist für Frankl das dritte Wesensmerkmal der Menschen, neben dem Körper und der Psyche. Der Geist ist es, der Menschen befähigt, Stellung zu beziehen, sich zu entscheiden. Die Frage ist allerdings, ob es einen Einfluss auf die Welt hat, wenn man sich individuell so oder so zur Wirklichkeit stellt? Ändert sich die Lage in Bezug auf den Klimawandel, auf die Kriege, die wirtschaftliche Krise, nur, weil ich mich nicht als Opfer definiere? „Jeder Mensch kann seinen Puzzlestein beitragen“, ist die Frankl-Expertin Philipp überzeugt und zeigt in eine Schau-Lade mit Spiegel im Viktor Frankl Museum. „Wenn Sie Ihren Puzzlestein nicht beitragen, dann fehlt er!“ Keiner könne allein den Weltfrieden beeinflussen, meint Daniela Philipp: „Aber der Frieden mit unseren Nächsten und der Frieden mit uns selbst, das ist der Freiraum, den wir immer haben.“
SINNSTIFTEND: TUN, ERLEBEN, ERLEIDEN
Dabei geht es Frankl in der Sinnfindung nicht nur darum, etwas für jemanden zu leisten. So könnte das Wort „Aufgabe“ ja leicht missverstanden werden. Zum Sinn führen allerdings drei „Hauptstraßen“, die einander ergänzen. Die erste ist die Kreativität. Wer etwas Neues schafft, erlebt das Tun meist als sinnvoll. Doch gleichberechtigt daneben steht die Straße des Erlebens. Wer einen Sonnenuntergang erlebt, wer die Frühlingsblumen wachsen sieht, wem ein Musikstück unter die Haut geht – der oder die wird Sinn erfahren. Und die dritte Straße zum Sinn ist – wenig populär – das Erleiden. Nicht das Leiden an sich habe Sinn, bemüht sich Daniela Philipp anschaulich zu erklären, sondern „wie ich damit umgehe, wie ich mich dazu stelle. Im ‚Wie‘ des Leidens liegt der Sinn.“ Auch im Leid gelte es nicht zu fragen: „Warum trifft mich das?“, sondern „Wozu fordert mich das Leid heraus?“.
„Wozu fordert mich diese Situation auf? Welche sinnvolle Rolle kann ich darin einnehmen?“
DER MENSCH IST SEINEN LEBENSUMSTÄNDEN NICHT AUSGELIEFERT, SAGT FRANKL-EXPERTIN DANIELA PHILIPP.
Den eigenen Lebenssinn immer wieder zu entdecken, sei auch eine Trainingsfrage, sagt Daniela Philipp, und verbindet den Gedanken mit der Fastenzeit. „Wir brauchen es, gefordert zu sein. Wir spüren, dass uns eine gewisse Verzichtsleistung gut tut. Oder uns zu fragen: Wo ist denn jemand anderer, dem ich Gutes tun möchte?“ Und obwohl Viktor Frankl die Logotherapie unabhängig von religiösen Antworten entwickelt hat, damit sie auch nichtreligiösen Menschen zugänglich ist, gibt es im Viktor Frankl Museum Textdokumente, in denen er bekennt: „Wann immer wir in letzter Einsamkeit, in letzter Ehrlichkeit, in letzter Offenheit mit uns selbst sprechen, kann der Partner, an den wir uns dabei wenden, Gott genannt werden.“
MONIKA SLOUK
Tipp: Viktor Frankl Museum Wien. Mariannengasse 1, 1090 Wien, Öffnungszeiten Montag, Freitag und Samstag von 13 bis 18 Uhr und am Ostermontag, Pfingstmontag und Mariä Himmelfahrt. Eintritt 12 Euro (ermäßigt 9 Euro), www.franklzentrum.org
VIKTOR FRANKL
120. GEBURTSTAG
Er begründete nach Sigmund Freud und Alfred Adler die sogenannte „dritte Schule der Wiener Psychotherapie“, die Logotherapie. Sie beruht auf der Existenzanalyse und bezieht sich auf den bedingungslosen Sinn, den jeder Mensch im Leben hat. Viktor Frankl wurde am 26. März 1905 in Wien geboren. Er überlebte in mehreren Konzentrationslagern den Holocaust, anders als seine erste Frau, das ungeborene Kind, sein Bruder und seine Eltern. Frankl starb 1997 in Wien.
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
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