BLICK_WINKEL
So wie vor dem Ersten Weltkrieg?
- hochgeladen von martinus Redaktion
Von einem „Weltkrieg auf Raten“ oder „in Stücken“ hat Papst Franziskus spätestens seit 2022, dem Einmarsch der Russen in der Ukraine, gesprochen. Ich habe beim Hören dieser Floskel anfangs etwas gähnen müssen, zu sehr verwöhnt war ich von dem strahlenden Friedenstag, der seit dem Ende des Nazi-Regimes oder dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen über unserer Heimat geglänzt hat. Der Traum ist aus. Und schlaftrunken noch reiben sich die Europäer die Augen, staunend und es noch nicht fassen könnend, was für ein Unwetter vom Osten her aufzieht. 19 Kampfdrohnen haben die Russen vor zwei Wochen auf Ziele in Polen gesteuert – Polen und die ganze NATO waren übrigens nicht imstande, sie alle zu neutralisieren. Was wäre erst mit dem Westen, wenn er bis zu 500 Drohnen täglich (so wie in der Ukraine) auf sich einprasseln sähe? Und vor ein paar Tagen in Estland, als russische Kampfflugzeuge 20 Minuten lang den Luftraum verletzten? Ähnliche Vorfälle gab es übrigens im Jahr 2015. Damals versuchte Moskau, sich als Weltmacht in Syrien zu engagieren. Nachdem die benachbarte Türkei bereits einige Luftraumverletzungen beklagt hatte, wurden zwei russische Flugzeuge von den Türken abgeschossen. Mit der Türkei, der zweitgrößten Militärmacht in der NATO, ließ es sich nicht spaßen.
Die Angst der Staaten nahe an Moskaus aggressiver Sphäre sickert jetzt auch weiter westlich durch. Derzeit noch still und leise. Aber ich habe gehört, dass aus Osteuropa bereits in Wien angefragt wurde: „Wenn die Russen bei uns einmarschieren, und wir die Spitäler für unsere verwundeten Soldaten benötigen – wieviele unserer „Normalpatienten“ können wir dann nach Österreich bringen, um freie Betten zu schaffen?“ – Die Völker, die lange unter Moskaus Rute standen, wissen besser um den Ernst der Lage. Inzwischen sieht der Vatikan die Welt am Rand des Abgrunds. Es gibt derzeit eine Eskalation, die Angst macht.“ Mit diesen Worten hat der Chefdiplomat des Papstes, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, die Weltlage kommentiert. Eine Zeitung zitiert den Außenpolitiker des Papstes weiter mit den Worten: „Wir befinden uns wirklich in einem Augenblick großer Gefahr. Wenn wir jetzt nicht eine Weile auf dem eingeschlagenen Weg innehalten, laufen wir Gefahr, in eine endlose Eskalation hineinzugeraten, und riskieren den Ausbruch eines Krieges größerer Tragweite.“ Weiter erklärte die Nummer zwei im Vatikan, er teile die Analyse von Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella. Dieser hatte die Situation in Europa nach dem Eindringen russischer Drohnen auf polnisches Territorium mit der Lage vor dem Ersten Weltkrieg 1914 verglichen. Parolin betonte, der Heilige Stuhl tue in dieser Lage alles in seiner Macht Stehende für den Frieden und suche Kontakt mit allen Akteuren.
Und zur Eskalation der innenpolitischen Auseinandersetzung in den USA durch die Ermordung des konservativen Influencers Charlie Kirk sagte Parolin: „Wir müssen sehr tolerant und respektvoll mit allen umgehen, auch wenn wir nicht dieselben Meinungen und Gedanken teilen. Wenn wir stattdessen zu Gewalt greifen, haben wir ein großes Problem.“ Das gelte auf der internationalen Ebene wie auf der nationalen.
Der US-amerikanische Kardinal Timothy Dolan hat indes den ermordeten rechtskonservativen Aktivisten Charlie Kirk gar mit dem Apostel Paulus verglichen. Bei allem Respekt, aber das geht mir zu weit. Ich möchte mich hüten, einem Erzbischof Ratschläge zu erteilen. Und Amerika „tickt“ nun eben ganz anders als wir. Aber ein Apostel Paulus, der das gesamte Christentum geprägt hat wie kein anderer, kann nicht mit einer tragischen Figur auf eine Ebene gestellt werden, die zu sehr mit Aufhetzung und dem Phänomen der Spaltung der Gesellschaft in Verbindung gebracht wird.
Franz Josef Rupprecht
Chefredakteur
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.