BLICK_WINKEL
Heilig! Aber dalli! Oder: Das erste Wunder

Unter den Applaus, die Tränen und das ehrfürchtig staunende Teilnehmen an der Messe auf dem Petersplatz zum Papstbegräbnis mischten sich Rufe von Gläubigen: „santo subito, santo subito!“

Das ist italienisch und heißt: schnell heilig! Gemeint war damit, dass man den eben Verstorbenen nun unmittelbar heiligsprechen möge.

Nun, ohne dass ihm das rechtlich zusteht und wohl auch sicher nicht so im engeren Sinn gemeint, hat der frühere Kardinal-Staatssekretär Pietro Parolin aber genau das getan, indem er sagte: „Euch, uns alle, die ganze Welt schließt Papst Franziskus vom Himmel aus in seine Arme.“ Er drückte damit seine Gewissheit aus, dass Jorge Mario Bergoglio / Papst Franziskus in die Seligkeit Gottes aufgenommen worden ist. Wenn die Kirche zu dieser Ansicht in einem ernsthaften und aufwändigen Verfahren kommt, dann erklärt sie einen Menschen für „selig“ und vielleicht in einem zusätzlichen Vorgang auch „heilig“. Die Person darf dann aus katholischer Sicht mit gutem Gewissen als Vorbild verehrt und um Fürbitte bei Gott gebeten werden.

In den Vorschriften zu einem solchen Verfahren oder Seligsprechungsprozess steht auch, dass es frühestens fünf Jahre nach dem Tod begonnen werden darf. Natürlich kann ein Papst diese Befristung für ein einzelnes Verfahren aussetzen. Für Mutter Teresa hob Johannes Paul II. die Frist auf bzw. verkürzte sie auf zwei Jahre. Für Johannes Paul II. ließ Papst Benedikt XVI. das Verfahren sogar drei Wochen nach dessen Tod beginnen.

Der Sinn der Fünfjahresfrist liegt darin, die Nachhaltigkeit der Verehrung einer verstorbenen Person durch das Volk Gottes festzustellen. Sie kann auch davor schützen, dass später der Vorwurf erhoben wird, eine Erhebung zur „Ehre der Altäre“ sei vom Überschwang der ersten überwältigenden Gefühle beim Tod eines Menschen beeinflusst. Diese „Abklingphase“ von fünf Jahren kann auch den nüchternen Blick schärfen für ein Abwägen von Lichtund Schattenseiten einer Persönlichkeit.

Wenn nicht ein Märtyrertod vorliegt, dann muss auch mit einem Wunder eine Art „Unterschrift des Himmels“ das Seligsprechungsverfahren bekräftigen. An dieser Stelle könnte sich allerdings – falls es zu einem Seligsprechungsverfahren für Papst Franziskus kommt – bereits ein Fingerzeig Gottes abzeichnen: Ich meine damit die von den beiden als „fruchtbar“ bezeichnete Unterhaltung zwischen dem Präsidenten der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, und dem US-Staatsoberhaupt Donald Trump. Auf dem Weg zum Requiem trafen sie im Petersdom aufeinander, schnell wurden zwei Sessel herbeigeschafft, und die beiden Staatsmänner vertieften sich in einen echten Meinungsaustausch – so ganz anders als der groteske Auftritt der beiden im Weißen Haus vor kurzer Zeit. Wenn nun dieses Treffen zu einem Verstummen der Waffen führt, dann hat dies Franziskus mit seiner über den Tod hinausreichenden Sehnsucht nach Frieden gestiftet.

Wer wird Papst? Ich denke, dass Pietro Parolin große Chancen hat. Als langjährig engster Mitarbeiter von Franziskus und ehemaliger Kardinal-Staatssekretär ist der Diplomat in bester Ausgangsposition, um durch die Türen, die Franziskus geöffnet hat, auch durchzugehen und noch in der Luft Liegendes auf den Boden zu holen.

Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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