BLICK_WINKEL
Die sanfte Kraft
- hochgeladen von martinus Redaktion
Vor einiger Zeit habe ich versucht, mit einem hochrangigen Israeli über die Sicherheitskrise im Heiligen Land zu reden. „Lasst uns nur machen, wir wissen, was wir tun“, bekam ich schnell als Antwort. Vielleicht musste mein Gesprächspartner schon allzu oft schwierige Auskünfte über die verworrene Situation geben. Egal um welche Krise es sich handelt: eine Auseinandersetzung in der Familie, ein Konflikt mit dem Hausnachbarn, ein Handelsstreit zwischen internationalen Partnern oder ein handfester Krieg, wie er in der Ukraine oder im Heiligen Land tobt. All das ist (leider) durchaus im Rahmen des menschlich Möglichen und darf trotzdem nicht als gewöhnlich hingenommen werden. Die besten Lösungen und langfristig befriedigende Zustände können nur erreicht werden, wenn die Gegner offen über ihre Bedürfnisse und Ansichten sprechen. Und sich dann mühsam an den oft sehr weit entfernten Standpunkt des Gegners annähern. Eine bittere Tatsache sehen wir zum Beispiel gerade im Krieg Russlands gegen die Ukraine: Ein Gegner kommt erst dann an den Verhandlungstisch, wenn er glasklar erkennt, dass der Preis für das Erreichen des Kriegsziels höher ist als er zu zahlen bereit oder sogar imstande ist.
Diese Verhandlungen zwischen Konfliktparteien vorzubereiten, durchzuführen oder anzubahnen, das ist eine der wichtigsten Aufgaben von Diplomaten. Und hier kommen auch der Papst, die katholische Kirche und ihr über die ganze Welt verzweigtes Netzwerk der Diplomatie (Apostolische Nuntiaturen) zum Einsatz. Kirchliche Diplomatie wirkt oft im Hintergrund und wenig spektakulär. Es sind aber auch immer wieder große Lösungen in Konflikten bekannt geworden, an deren Verwirklichung die Diplomaten des Papstes führend mitgearbeitet haben.
Die Rolle des Papsttums allgemein und von Papst Leo XIV. im Besonderen wurde jetzt von dem in Wien erscheinenden Magazin „Diplomatic SOCIETY“ gewürdigt. Diplomatic SOCIETY wird von der Wiener Unternehmerin und Honorarkonsulin Gertrud Tauchhammer herausgegeben. Die Leitung als Chefredakteurin hat Tanja Tauchhammer inne. Die unseren Leser:innen bekannte Journalistin Hermine Schreiberhuber gehört zum Team der regelmäßigen Autoren. Ja, und ich selber komme auch in diesem Magazin vor, weil ich die Fotos meiner Begegnung mit Papst Leo vergangenen November (damals noch Kardinal Robert Prevost) zur Verfügung stellen konnte. Es fügt sich ganz gut, dass Papst Leo auf dem Cover des Magazins erscheint, der große inhaltliche Schwerpunkt aber dem südostasiatischen Königreich Malaysien gewidmet ist. Das überwiegend muslimische Land hat bedeutende christliche, buddhistische und hinduistische Minderheiten. Ein Bürger dieses Landes hat mir übrigens einmal erzählt, dass er sich irgendwie in all diesen Religionen zuhause fühlt. Das ist jetzt nicht das, wie ich meine christliche Praxis leben möchte. Aber es wirft ein Schlaglicht darauf, dass viele Menschen in Malaysien einen entspannten Zugang zu kulturellen und konfessionellen Unterschieden pflegen. Und das ist ja eine Wohltat in einer Welt der tiefen Gräben zwischen menschlichen Gruppierungen, die sich oft nur durch Geringes voneinander unterscheiden.
Im Vorwort der aktuellen Ausgabe von Diplomatic SOCIETY wird die Diplomatie als eine „sanfte Kraft“ bezeichnet. Ich musste da sofort an Papst Franziskus denken. Sanftheit, ja Zärtlichkeit, war eine seiner Denkkategorien. Wünschen wir also dieser Kraft mehr Raum im Feld der menschlichen Spannungen.
Franz Josef Rupprecht
Chefredakteur
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.