EIN_BLICK
„Manche glaubten mehr an Viktor Orbán als an Jesus Christus“

Die ungarische Flagge am Parlamentsgebäude in Budapest. Die Mandate wurden durch die Parlamentswahl am Sonntag neu verteilt. | Foto: majorosl66/AdobeStock
  • Die ungarische Flagge am Parlamentsgebäude in Budapest. Die Mandate wurden durch die Parlamentswahl am Sonntag neu verteilt.
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War Orbáns illiberale Demokratie christlich? Und wie geht es nach den Wahlen in Ungarn weiter? Zwei Einschätzungen.

Trotz des großen Einflusses von Viktor Orbán auf die ungarische Medienlandschaft verlor seine Fidesz-Partei die Mandatsmehrheit im Parlament. Was waren die Gründe dafür?

János Wildmann: Es kamen mehrere Gründe zusammen. Wirtschaftliche, politische, moralische, ideologische. Wirtschaftlich herrscht in Ungarn große Korruption, es gibt wenig Entwicklung und hohe Inflation. Politisch wurden EU-Themen blockiert und die Freundschaft zu Wladimir Putin und Donald Trump gepflegt. Das war für immer weniger Menschen in Ungarn glaubwürdig, ebenso wie die fehlende Moral in der Politik. Der Hass gegen Flüchtlinge wurde etwa mithilfe von Fake-News geschürt. Mit der Ideologie der illiberalen Demokratie und ihrem christlichen Deckmantel waren die Menschen immer unzufriedener.

András Máté-Tóth: Ja, es gab viele Gründe. Zunächst würde ich sagen: Charisma hat über Institutionen gesiegt. Viktor Orbán hat mit seiner Partei ein System aufgebaut, das fest in der ungarischen Gesellschaft verankert war, obwohl es immer weniger Freiheit für die Bürger gab. Dennoch konnten sich viele keine Alternative dazu vorstellen. Bis Péter Magyar mit Mut und Fleiß immer mehr Menschen bewegte, die ihm glaubten, dass doch ein Wechsel gelingen könnte. Ohne die sozialen Medien wäre das kaum möglich geworden, da Orbán die Medienlandschaft großteils selbst bestimmt, teils sind es auch sympathisierende Großinvestoren.

Wie haben sich Kirchenvertreter und gläubige Menschen in dieser Situation verhalten?

Máté-Tóth: Ich habe einerseits eine Glaubensschwäche beobachtet: Ich meine damit, dass christlich Engagierte oder Amtsträger nicht genug Vertrauen in den eigenen Glauben hatten, sodass sie vieles glaubten, was die Politik ihnen sagte. Manche glaubten mehr an Viktor Orbán als an Jesus Christus. Andererseits habe ich großes Interesse an der Botschaft Jesu Christi erlebt. Meine Serie mit 12 Kurzvideos über Grundaussagen der katholischen Soziallehre als Waage für politische Aussagen ist sehr gut angekommen. Ich denke schon, dass auch christliche Menschen erkennen, dass es ein Leben außerhalb von Viktor Orbán gibt. Péter Magyar hat das strategisch gut gemacht. Er hat alle Bischöfe, Ordensobere und Vertreter der christlichen Zivilgesellschaft entweder selbst besucht oder Mitarbeiter hingeschickt. Vor den Parlamentswahlen war es üblich, dass die Bischöfe einen Hirtenbrief verfassten, der indirekt zur Wahl der Fidesz-Partei aufrief. Vor diesen Wahlen gab es keinen Hirtenbrief! Das Schweigen war bedeutsam.

Welche Änderungen erwarten Sie durch die aktuellen Wahlergebnisse in Ungarn?

Wildmann: Mithilfe der Zweidrittel-Mehrheit kann Péter Magyar mit der TISZA-Partei schon einiges erreichen. Er muss einen funktionierenden Parlamentarismus wiederherstellen. Die politischen Spitzen im Land müssen neu besetzt werden, möglicherweise muss auch der Präsident gehen. Alle wesentlichen Ämter wurden von der Fidesz-Partei besetzt. Wenn die Personen nicht ausgewechselt werden, gibt es keine Veränderung. Es braucht korrekte politische Prozesse, man muss loskommen von Hass und Lügen. Und es gilt, den Platz innerhalb der EU wiederzufinden und wegzukommen von Putin und Trump.

Máté-Tóth: Péter Magyar wird nationale und internationale Beziehungen auf eine korrekte Kommunikationsbasis aufbauen. Er wird eine neue Richtung mit der EU einschlagen und einen anderen Weg bezüglich der Ukraine gehen als Orbán. Das orbánsche Medienimperium muss er aufbrechen, sodass Qualitätsjournalismus wieder möglich wird.

Er wird Rechenschaft fordern über öffentliche Gelder, die in den letzten Jahren „privatisiert“ wurden, und sie zurückgewinnen. Dazu braucht es eine ehrliche Kommunikation in Gesellschaft, Wirtschaft und Diplomatie. Man wird sehen, ob sich Magyar auf dem harten Feld der Politik behaupten kann.

Ministerpräsident Viktor Orbán nannte sein Ideal „illiberale Demokratie“, aber auch „christliche Demokratie“. Wird Ungarn ohne Viktor Orbán weniger christlich sein?

Wildmann: Ungarn war auch bis jetzt nicht christlich. An Volkszählungen kann man erkennen, dass in Ungarn viele Menschen den Kirchen den Rücken kehren, ähnlich wie in Deutschland oder Österreich. Auch in Ungarn verlieren Kirchen an Glaubwürdigkeit, vor allem, weil rechtspopulistische Parolen in ländlich-traditionellen Gegenden auf fruchtbaren Boden fallen. Da ist Offenheit gegenüber Gegenwarts- oder Zukunftsfragen Mangelware. Daran wird sich nicht so schnell etwas ändern.

Máté-Tóth: Wie christlich eine Gesellschaft ist, hängt natürlich nicht vom Ministerpräsidenten ab. Aber es ist anzunehmen, dass das Christentum in Hinkunft weniger für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Wobei ich nicht ausschließe, dass Viktor Orbán und seine Partei an etwas geglaubt haben und versucht haben, aus einer nachkommunistischen Gesellschaft eine gesunde, freie Gesellschaft aufzubauen. Sie haben auch Menschen mit geringem Einkommen unterstützt, Familien, Pensionisten. Ich würde nicht sagen, dass alles falsch war. Aber sie sind in Korruption untergegangen. Nun wird es Magyar mit der TISZA-Partei versuchen. Mit der Machtkonzentration, dem destruktiven Populismus, der Gesellschaftspolarisation als Machtstil muss er ein Ende machen. Es ist nicht einfach, zu einer demokratischen, toleranten und solidarischen Gesellschaft zu kommen. Das Regieren wird schwieriger sein als der Wahlkampf.

„Das Regieren wird schwieriger sein als der Wahlkampf.“

ANDRÁS MÁTÉ-TÓTH

Die christlichen Kirchen hat Viktor Orbán finanziell sehr unterstützt. Dafür haben sie ihn auch unterstützt. Wie werden sich Vertreter der Kirchen nun verhalten?

Wildmann: Die Nähe der Kirchen zum Rechtspopulismus ist auch ohne Druck groß. Als Papst Franziskus vor zehn Jahren dazu aufforderte, Flüchtlinge in den Gemeinden aufzunehmen, bat der damalige Bischof Miklós Beer von Vác seine Pfarrer um Hilfe. Von 200 Pfarrern reagierte nur einer, und der gab nach wenigen Tagen auf, weil die Gläubigen seiner Gemeinde dagegen Sturm liefen. Es gab und gibt natürlich „Inseln“ in den Kirchen, die offener sind, aber es sind Ausnahmen. Wenn aber der bisherige Kurs weitergeht und die Kirchenvertreter an ihrer großteils illiberalen Denkweise festhalten, weiß ich auch nicht, wie Erneuerung möglich sein soll.

Máté-Tóth: Als Pastoraltheologe und Religionssoziologe hoffe ich auf eine Wende nach innen. Die Kirchen werden nicht mehr an der kurzen Leine gehalten und müssen sich auf ihren theologischen und spirituellen Aufbau besinnen. Es gibt viele gute Menschen in Ungarn, gute Christen, Theologen, Ordensleute, Bischöfe, Priester. Die Lage ist nicht super, aber auch nicht katastrophal. Es steht Arbeit an, die gilt es jetzt in die Hand zu nehmen.

DIE GESPRÄCHE FÜHRTE MONIKA SLOUK.

Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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