EIN_BLICK
„Abweichungen sind keine Mängel“
- Nicht bei allen Menschen ist klar, ob sie männlich oder weiblich sind.
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Offenheit in Kirche und Gesellschaft wünscht sich die Theologin Katharina Mairinger-Immisch für ihr Forschungsthema: mehrdeutige Körper.
Warum ist Intergeschlechtlichkeit so stark tabuisiert?
Mairinger-Immisch: Zum einen wegen der gesellschaftlichen Fixierung auf klare Geschlechterrollen, zum anderen wegen der Medizingeschichte. Ab den 1960er-Jahren wurde versucht, uneindeutige Genitalien chirurgisch zu „korrigieren“, oft ohne Wissen der Eltern oder Kinder. Das führte bei vielen Betroffenen zu psychischen Belastungen bis hin zu Suizid.
Was sagten die Religionen dazu?
Mairinger-Immisch: Intergeschlechtliche Personen galten oft als Monster oder dämonisch. Es gab wenige positive Deutungen in hinduistischen Traditionen, wo Mischwesen göttlich verehrt werden. In der christlichen Tradition dominiert eine ablehnende Haltung.
Welche Varianten gibt es?
Mairinger-Immisch: Es gibt viele, z. B. das adrenogenitale Syndrom, bei dem genetisch weibliche Föten männliche Hormonwirkungen erfahren. Auch chromosomale Besonderheiten zählen dazu. Manche Merkmale zeigen sich erst in der Pubertät. Intergeschlechtlichkeit ist vielfältig.
Wie viele Menschen sind betroffen?
Mairinger-Immisch: Die Schätzungen reichen von 0,2 % bis 1,7 % der Bevölkerung, je nach Definition. Genaue Zahlen sind schwer zu erheben. Aber selbst 0,2 % bedeuten, dass viele Menschen betroffen sind – plus deren Familien.
Warum sollte man mehr über dieses Thema wissen?
Mairinger-Immisch: Angesichts sozialer Normen und Schönheitsideale kann es helfen zu wissen, dass Abweichungen keine Mängel, sondern Teil der natürlichen Vielfalt sind.
Wie ist der theologische Blick auf Intergeschlechtlichkeit?
Mairinger-Immisch: Bisher ist das Thema in der Theologie stark unterbelichtet. Es gibt erst seit Kurzem theologische Stellungnahmen, etwa in einem Dokument der vatikanischen Bildungskongregation von 2019. Paradoxerweise wird bei Intergeschlechtlichkeit operatives Eingreifen empfohlen, was bei Transsexualität strikt abgelehnt wird. Das zeigt doppelte Standards, die theologisch überdacht werden müssen.
Welche Veränderungen wünschen Sie sich?
Mairinger-Immisch: Mehr Offenheit und Dialogbereitschaft – sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft. Die Kirche sollte eine Willkommenskultur entwickeln und sich aktiv mit intergeschlechtlichen Menschen und ihren Lebensrealitäten auseinandersetzen. Nur so wächst Vertrauen.
Buchtipp: Katharina Mairinger-Immisch, Mehrdeutige Körper – Über die Anerkennung intergeschlechtlicher Menschen in Theologie und Kirche. transcript Verlag 2023, 296 S., € 39.–
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
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