Leben, was man lehrt

Gerhart Hofer und sein Nachfolger Christoph Schindegger. Nicht nur als Direktor der Kathi Lampert-Schule setzte sich Gerhart Hofer in der Erinnerungsarbeit an die während des NS-Regimes ermordeten Menschen mit Behinderungen ein. Auch der heutige Name der Schule erinnert mit Katharina Lampert aus Götzis an dieses dunkle Kapitel der Geschichte.
  • Gerhart Hofer und sein Nachfolger Christoph Schindegger. Nicht nur als Direktor der Kathi Lampert-Schule setzte sich Gerhart Hofer in der Erinnerungsarbeit an die während des NS-Regimes ermordeten Menschen mit Behinderungen ein. Auch der heutige Name der Schule erinnert mit Katharina Lampert aus Götzis an dieses dunkle Kapitel der Geschichte.
  • Foto: Kathi Lampert Schule
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Es waren 30 Jahre, in denen Dr. Gerhart Hofer die heutige Kathi-Lampert-Schule leitete. Im Herbst diesen Jahres übernahm mit Mag. Christoph Schindegger ein langjähriger Mitarbeiter Hofers diese Aufgabe. Gerhart Hofers Wechsel in den viel zitierten (Un)Ruhestand war Anlass und Chance für einen durchaus kritischen und genauso wichtigen Rückblick.

Veronika Fehle

1990 kam – vom Werk der Frohbotschaft und dem Land – der Auftrag, ein neues Konzept für die damalige Lehranstalt für heilpädagogische Berufe aufzubauen. Das war, nehme ich an, das Finale von so mancher Vorarbeit. Welche Schritte waren dieser Beauftragung vorangegangen?

Gerhart Hofer: Gerne starte ich mit einem Blick zurück, wenn es auch kein einfacher ist. Die Geschichte der Menschen mit Behinderungen lässt uns mehr als nachdenklich werden. Ihr Leben spielte sich vermutlich von jeher ab zwischen zwei Haltungen: liebevolle Zuwendung und gesellschaftliche Ausgrenzung. Die sogenannt Behinderten wurden gerade vor etwa hundert Jahren als nicht leistungsfähig, als wertlos und letztlich als Bedrohung für eine gute Weiterentwicklung der Gesellschaft angesehen. Der Befehl der nationalsozialistischen Herrscher, sich dieser Menschen zu entledigen, ging als „NS-Euthanasie“ in die dunkle Geschichte des letzten Jahrhunderts ein. Über dreihundert psychisch kranke und mehrfach behinderte Vorarlberger*innen waren während der Kriegswirren heimlich ermordet worden. Nach dem Nazi-Wahn und bedingt durch den zweiten Weltkrieg gab es in Vorarlberg etwa 3500 „Kriegsinvalide“. Das waren verstümmelte, körperbehinderte und traumatisierte junge Männer. Kaum vorstellbar ist heute, wie viele Hoffnungen damit zerstört wurden und wie viel plötzlicher Pflegeaufwand im lebenshungrigen Land entstanden war. Nur so ist heute verstehbar, dass es nach dem Krieg zwanzig Jahre dauerte, bis die Caritas in Bludenz eine erste „Beschützende Werkstätte“ eröffnen konnte. Als Selbsthilfeverein von Eltern startete kurz darauf die Vorarlberger Lebenshilfe. Unvorstellbar ist aus heutiger Sicht der Widerstand im Land gegen die Finanzierung von Leistungen für die „Zivilinvaliden“, die also nicht durch die beiden blutigen Kriege behindert waren. Noch 1957 hieß es im Landtag, man könne sich für diese Kinder keine Geldmittel leisten.

Kann man in etwa festmachen, ab wann sich diese Haltung zu ändern begann?

Gerhart Hofer: Ab den Siebzigerjahren gelang eine rasante Entwicklung von Dienstleistungen in den Bereichen Beschäftigung, Wohnen, Freizeit und Kindergarten/Schule für diesen Personenkreis. Verwundern lässt, dass man noch in den Neunzigerjahren glaubte, diese Menschen beschützen zu müssen! Die zynisch-liebevolle Bezeichnung „Schützling“ ist erst seit gut zwanzig Jahren endgültig verschwunden. Das Personal für diese Werkstätten und bald auch entstehenden Wohnheime wurde rekrutiert aus engagierten Leuten ohne einschlägige Ausbildung. Heilpädagogisches Fachwissen kam erst nach und nach aus der Schweiz ins Land. Die gehobenen Pflegeberufe sahen sich zu der Zeit in vielen Europäischen Ländern zuständig und qualifiziert für die „Behindertenpflege“. Das konnte ich 1994 in Dänemark und Holland erleben. Aber in Österreich war das nicht so. Aus unergründlichen Motiven hatten unsere Pfleger*innen kaum Interesse an der Arbeit mit den Behinderten, weder in Theorie noch in Praxis. Waren diese Menschen einfach zu wenig wichtig?

Dann aber kam die Beauftragung.
Gerhart Hofer: Erst 1990 finanzierte das Land Vorarlberg ein Konzept zur pädagogischen Ausbildung des Betreuungspersonals und beauftragte das Werk der Frohbotschaft Batschuns mit der Umsetzung einer konfessionellen Privatschule. Ich wurde als 32-jähriger Lehrer aus dem Schulheim Mäder angefragt und beauftragt, diese Schule aufzubauen. Noch im Herbst 1990 starteten wir mit der „Lehranstalt für Heilpädagogische Berufe“ in Götzis.

Am Anfang stand da auch der Wunsch, dass „die Betreuung von Menschen mit Behinderungen auch in Österreich von pädagogisch wie pflegerisch qualifiziertem Personal übernommen werden sollte“. War das ein erstes Zeichen für dieses neue Bewusstsein, das sich hier langsam Bahn gebrochen hat?
Gerhart Hofer: Qualitätsorientierung kam erst nach und nach. Vom Handwerker in der Werkstatt bis zur Stützlehrerin in einer Integrationsklasse: wer mit Menschen unter erschwerten Lebensbedingungen arbeitet, braucht doch eine fundierte pädagogische Ausbildung. Interessant ist, dass zwar seit Beginn in unserer Ausbildung Pflegeunterricht enthalten war, doch pflegerisches Handeln unseren Dipl. Behindertenpädagog*innen gesetzlich untersagt wurde. Selbst die Träger der Dienste zeigten lange Zeit wenig Interesse an vergleichbaren Pflegestandards. Das hat sich erst in den letzten Jahren völlig geändert.

In den 30 Jahren als Direktor der späteren Kathi-Lampert-Schule, wie hat sich die Stellung von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft verändert?
Gerhart Hofer: Menschen mit Behinderungen wurden lange Zeit versteckt, weil man beseelt war vom Denken der Eugenik. Behinderte Familienmitglieder sah man als erbliche Bedrohung für den Fortgang guter Verwandtschaft. Und man verstand sie als lebenslange Kinder ohne Selbstverantwortung, ohne Sexualität, ohne Interesse an der Welt. Beschämung, Ängste, Misstrauen und Geringschätzung, das waren massive, einstellungsbedingte Barrieren. Heute sind diese Menschen selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Sie haben sich die Teilhabe am Leben durch selbstbewussten Auftritt erobert. Der menschenrechtliche Ansatz der UN-BRK hat da seit 2008 wesentlich mitgespielt.

Wo liegen hier - vielleicht auch „nur gut gemeinte“ - Fallen?
Gerhart Hofer: Das ist keine einfache Frage. Zwei Aspekte möchte ich versuchen zu beleuchten: Helfende Berufe haben im Regelfall eine Motivation als Grundlage, die es ständig zu bedenken gilt. Helfe ich anderen Menschen in therapeutischen, klinischen, begleitenden Berufen, weil ich letztlich mir und meinem Selbstkonzept Gutes tun will/muss? Schon vor Jahrzehnten schrieb Schmidbauer von den „hilflosen Helfern“. Klar für mich ist: Willst du guter Partner sein, dann schau erst in dich selbst hinein. Letztlich kann Helfen unmoralisch sein.
Das andere Beispiel ist die Versüßung des Heiligen Abends mit dem ORF Charity-Spektakel „Licht ins Dunkel“. Der Titel ist ein wichtiger, denn zum geschichtlichen Dunkel dieser ausgegrenzten Personengruppe braucht es noch viel versöhnendes Licht. Warum jedoch das Weihnachtsglück ausgerechnet mit einer gutgemeinten Spende für die einsamen, behinderten Kinder - „Ist da jemand?“ - gesichert werden soll, das ist mir nicht verständlich. Was erwarten sich die Spendenden für ihr Geld? Ich finde es erniedrigend für Menschen mit Behinderungen, dass sie öffentlich dankbar sein müssen. Der Gedanke der Solidarität meint doch, dass ein Nachteilsausgleich etwas Selbstverständliches sein müsste. Zudem ist die Einsamkeit im „Dunkel“ viel mehr ein Thema der betagten Menschen. Zu Weihnachten wollen die Menschen Gutes tun. Das ist unbenommen. Aber mir fehlt da eine Theologie und Ethik des Schenkens.

Was ist Ihnen in der Ausbildung von Menschen, die später mit Menschen mit Behinderungen arbeiten, besonders wichtig?
Gerhart Hofer: Wir haben in die Lehrpläne der Schulen für Sozialbetreuungsberufe einen Kompetenzbegriff aus England (Oxford Brookes University) übernommen. Kompetenz ist die Mischung aus Wissen, Können und Haltung. An der Kathi-Lampert-Schule für Sozialbetreuungsberufe, die ich dreißig Jahre leiten und entwickeln durfte, haben wir die Haltung, also die Persönlichkeitsbildung, in die Mitte gestellt. Werthaltungen zu bilden, ist eine Herausforderung an den Unterricht. Das erfordert ganz andere Formen der Bildungsarbeit in Kleingruppen, starker Praxisorientierung und an anderen Lernorten. So verbringen unsere erwachsenen Studierenden viele Tage auf Berghütten. Denn das Lernen guter Beziehungsarbeit geht wohl nur über Beziehung. Für die Lehrenden ist das eine große Herausforderung, denn es geht für beide Seiten manchmal an die Grenzen.

Sie haben immer auch vernetzt gearbeitet – auch international. Verstehen Sie sich auch als Lobbyist für die Sache bzw. als Lobbyist für Menschen, die lange Zeit keine Lobby hatten?
Gerhart Hofer: Ich durfte über zwanzig Jahre in einem europäischen Netzwerk von Ausbildungsstätten für Sozialberufe mitarbeiten. Das hat mich sehr geprägt. Viele Impulse konnten wir in Vorarlberg einbringen. Meine persönliche Haltung war immer, dass ich nicht nur lehren/reden, sondern gleichzeitig auch zu leben versuche, was ich unterrichte. So bin ich zum Lobbyisten geworden und habe regen Austausch mit Menschen mit Behinderungen. Von ihnen konnte ich viel lernen. In der Abschlussevaluation unserer Ausbildung lautet eine Frage: Wie sehr lebt die Schule auch jene Werte, die sie vermittelt? Auch für Werte gilt das Lernen am Modell.

Und dann kam Kathi Lampert… Will heißen, dass Sie sich besonders auch gegen das Vergessen der Vorarlberger Euthanasieopfer eingesetzt haben. Wie kamen Sie in Kontakt mit diesem sehr lange totgeschwiegenen Thema?
Gerhart Hofer: Mein Onkel Arthur lebte als schwerbehinderter Mann liebevoll gepflegt, aber versteckt bei meinen Großeltern im Götzner Berg. Er musste geschützt werden, um die Nazizeit zu überleben. Als Kind hatte ich mich vor ihm eher gefürchtet, es war kaum ein Kontakt. Warum ich mich beruflich so tief mit den Lebensthemen der Behinderten auseinandergesetzt habe und nun in der Erinnerungspädagogik tätig bin, ist wohl ein Lebensgeheimnis. Vielleicht war ich es meinem Onkel Arthur schuldig.

Was hat es für Sie bedeutet, als die Lehranstalt für Heilpädagogische Berufe schließlich in Kathi-Lampert-Schule umbenannt wurde?
Gerhart Hofer: Durch die Unterstützung des Landes konnte ich viel bundesweite Entwicklungsarbeit einbringen. 25 Jahre war ich Vorstandsmitglied im Direktorenverein für sozialberufliche Schulen DIVOS. Viele Lehrplanreformen wie auch das bundesweite Berufsbild "Sozialbetreuung" wurden von uns geprägt. Im Jahr 2001 war klar, dass unsere Schule mit neuer Schulform einen neuen Namen bekommen werde. Ich wollte nicht mehr den Namen des Lehrplans für die Schule. So kam mir dann die Idee, ganz im Sinne unserer Haltung, eine dieser vergessenen Personen sozusagen wieder auferstehen zu lassen, indem wir ihr den Schulnamen widmen. Das war die 1941 verstorbene Katharina Lampert aus Götzis. Ermordet, weil behindert, weil angeblich „unwertes Leben“.
Wir müssten uns hier noch länger mit der Frage des Werts dieser Menschen beschäftigen. Ich bin überzeugt, dass Menschen mit Behinderungen Katalysatoren der Lebensqualität für unsere eher manische Hochleistungsgesellschaft sind.


Was waren – im Rückblick – wichtige Wendepunkte in der Geschichte der Kathi-Lampert-Schule?

Gerhart Hofer: Im Jahr 1990 startete die Schule mit ihrer dreijährigen Diplomausbildung für Erwachsene unglaublich schnell nach vier Monaten Vorlaufzeit. Doch blieb es eine kleine Schule. Wachstum blieb lange Jahre begrenzt. Im Rückblick wundert es mich, weshalb schon nach kurzer Zeit der Wunsch von Praxisseite nach kürzeren Lehrgängen kam. Es hieß, weniger Ausbildung wäre ausreichend. In einem klassischen Lehrberuf käme wohl niemand auf die Idee, dass ein Drittel der Ausbildung für die gleiche Tätigkeit doch ausreichend wäre. Es gab auch unerklärlichen Widerstand gegen geregelte Berufsbilder wie auch gegen Ansätze der Integration von Menschen mit Behinderungen. Glücklicherweise war Österreich da schon EU-Mitglied und musste sich der Integration verpflichten. Durch die 15a-Vereinbarung Sozialbetreuungsberufe und den Einbau gesetzlich anerkannter Pflegemodule um das Jahr 2007 konnten wir endlich entsprechend wachsen. Heute hat die Kathi-Lampert-Schule 220 Studierende und 43 Lehrende in zehn unterschiedlichen Ausbildungsangeboten. Das ist schon ein komplexes Unternehmen. Ein großartiger Wendepunkt war der Umzug an den Garnmarkt im Zentrum von Götzis.
Letzter Wendepunkt war aus meiner Sicht die Erstellung des „BMB Bildungsstandard Sozialbetreuung“ für Österreich. Ich durfte diese Arbeitsgruppe des Ministeriums leiten und konnte unseren Kompetenzansatz in diesem Standard festlegen. Die Basis für eine Lernergebnisorientierung wäre nun gegeben.


Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger bzw. der Kathi-Lampert-Schule für die kommenden Jahre?

Gerhart Hofer: Mag. Christoph Schindegger war über 22 Jahre mein pädagogischer Mitarbeiter. Er leitet seit Oktober 2020 „meine“ Kathi-Lampert-Schule. Er hat gesehen, was mir gelungen ist und was er nun besser anders machen wird. Derzeit geht es ihm wie allen Schulleiter*innen: die Arbeit ist herausfordernd. Ich wünsche ihm Freiraum zum Gestalten.

Zur Person

Gerhart Hofer leistete an der Kathi-Lampert-Schule in Götzis 30 Jahre Aufbauarbeit im Bereich der Sozialbetreuungsberufsbildung. Im Jahr 2020 zählt die Kathi-Lampert-Schule 220 erwachsene Studierende in 10 unterschiedlichen Bildungsprogrammen und 43 Lehrende. Hofer engagierte sich über 25 Jahre lang in der Entwicklungsarbeit dieser Ausbildung und des Sozialbetreuungsberufs in Österreich sowie in der Lehrplanentwicklung.
Mehr als zwanzig Jahre europaweite Netzwerkarbeit liegen hinter ihm - u. a. 10 Jahre Vorsitz der Association of Care Educators in Europe (Verein mit Sitz in Götzis), Study Visits, Projekte wie European Care Certificate, Einladungen zu IASSIDD, an die Hochschule Sogndal/N und die Open University Milton Keynes/UK.

Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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