Krankenhausseelsorge in Coronazeiten
Der Mensch lebt nicht vom Medikament allein

Abstand halten, Zugangsbeschränkungen, Schutzkleidung und FFP2-Masken machen persönlichen Kontakt, vor allem auch im Krankenhaus, schwierig(er).
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Ein persönliches Gespräch kann einen schon mal ins Schwitzen bringen. Vor allem, wenn es in Schutzkleidung und mit FFP2-Maske stattfindet. Mag. Gerhard Häfele erzählt aus dem „Alltag“ als Krankenhausseelsorger, welche Unterschiede es zwischen den Lockdowns gab und warum er und seine Mitarbeiter Brückenbauer/innen sind.

Simone Rinner


Seit rund einem Jahr „begleitet“ uns nun Corona mal mehr, mal weniger restriktiv durch den „Alltag“. Wie hat sich das Leben für Sie als Krankenhausseelsorger in dieser Zeit geändert?

Gerhard Häfele: Corona hat alles viel mühsamer gemacht, vieles braucht mehr Zeit, kann nur mit entsprechenden Schutzmaßnahmen gemacht werden. Das Tragen der FFP2-Maske macht die Kommunikation beschwerlicher, weil man nicht immer alles so gut verstehen kann und manches an Gesichtsmimik - ein wichtiger Teil der „non-verbalen“ Kommunikation - schwerer abgelesen werden kann. Wenn man dann noch die Schutzkleidung trägt, kann man darüber hinaus ganz ordentlich ins Schwitzen kommen. Absprachen mit Angehörigen sind aufgrund der begrenzten Anzahl der Besucher/innen schwieriger und bei Verabschiedungen muss man manches Mal mehrere Durchgänge machen. Die Corona-Krise hat aber auch dazu geführt, dass wir von der Seelsorge noch einmal stärker mit vielen Stationen verbunden worden sind. Das bedeutet, in der Krise zusammenzustehen, nachzufragen wie es geht und für Personal, Patient/innen und deren Angehörige da zu sein.

Können Sie Unterschiede zwischen den verschiedenen Corona-Lockdowns ausmachen?

Häfele: In der Krankheitsverarbeitung der Patienten selbst kann ich im Moment keine großen Unterschiede wahrnehmen. Die Schreckensbilder aus Italien haben im ersten Lockdown (schon zurecht) sehr für Dramatik gesorgt. Es fehlten zum Teil Schutzmittel, vieles war neu, unbekannt und man musste von heute auf morgen neue Konzepte entwickeln. Beim zweiten Lockdown war vor allem beim Personal und den Entscheidungsträger/innenn ein Mehr an Gelassenheit zu spüren. Die Konzepte und Stufenpläne waren jetzt alle da, das nötige Schutzmaterial ist vorhanden und man kann auf den Erfahrungen vom ersten Lockdown aufbauen. Im Vergleich zum ersten Lockdown stelle ich fest, dass er nun ein menschlicheres Gesicht hat: Die psychosozialen und spirituellen Aspekte der Betreuung werden wesentlich mehr berücksichtigt. Vielen ist bewusst geworden: Der Mensch lebt nicht vom Medikament allein. Besuche Angehöriger in schwierigen Situationen sind - auch wenn nach wie vor begrenzt - leichter möglich als zuvor. Viele Fragen werden differenzierter angegangen, was Entscheidungsprozesse natürlich schwieriger macht, da immer mehr Fragen zu berücksichtigen sind.

Während des harten Lockdowns wurden die Zugangsbeschränkungen im Krankenhaus ja verschärft.
Häfele: Genau. Für viele Patient/innen war es schwer, nicht mit ihren Vertrauten über das was sie jetzt belastet und was ihnen Sorgen bereitet, reden zu können. Gerade hier konnte sich die Seelsorge oft ein Stück weit als Gesprächspartner und Brückenbauer zu den Angehörigen anbieten. Ich erinnere mich z.B. daran, einmal auf dem Parkplatz - natürlich unter Einhaltung der Hygieneregeln - von Angehörigen ein Geburtstagsgeschenk für einen Patienten abgeholt zu haben, um dann dafür zu sorgen, dass es zu ihm auf die Station kommen konnte.

Ihr seid nicht nur für Patient/innen, sondern auch für das Personal und die Angehörigen da. Haben sich die Gesprächsinhalte in den Corona-Zeiten geändert?
Häfele: Die Grundthemen haben sich nicht verändert - es geht oft um Ängste und Sorgen wie es mit einem selbst oder mit Angehörigen weitergehen wird. Zurzeit ist eben Corona ein Auslöser für diese Emotionen. Beim Personal sind darüber hinaus aber auch die Themen Erschöpfung, Zermürbtheit und ethische Fragen präsent gewesen.

„Social distancing“, also soziale Distanz, ist ein großes Schlagwort der Corona-Zeit. Wie geht man mit dieser körperlichen Distanz um - kann die fehlende Nähe ersetzt werden? Wodurch?
Häfele: Ich persönlich verwende hier gerne das Wort „physical distancing“ (also körperliche Distanz) - denn die Krise erfordert meines Erachtens nicht mehr „social distancing“ sondern eine vermehrte Anstrengung an - ich würde es „social closeness“ - „social networking“ nennen. Wir brauchen also körperliche Distanz und mehr soziale Nähe. Wie man mit größerer „physischer Distanz“ ein Mehr an sozialer Nähe schafft, zeigen all die kreativen Versuche, die wir in vielen gesellschaftlichen Initiativen und auch von kirchlicher Seite erleben konnten.

Und wie sieht es in Situationen rund um das Lebensende aus?
Häfele: Auch hier hat sich vieles getan. Zu Beginn im ersten Lockdown wurde alles geschlossen und abgeriegelt. Ja sogar Abschied von Sterbenden sollte nur noch digital oder telefonisch möglich sein. Doch sehr schnell wurde vielen klar, dass es so nicht geht. Gerade in solchen Situationen brauchen Menschen ihre Angehörigen. Eine Initiative aus dem Tel Aviv Sourasky Medical Center in Israel hat mich damals sehr berührt. Der ärztliche Leiter Prof. Gamzu sagte in einem Interview (frei übersetzt): „Die Geschichten von Patienten, die alleine sterben, hinterfragen mich als Mensch und Direktor… es ist unserem medizinischen System verboten, solche Situationen zu erlauben.“ Auch bei uns gab und gibt es solch tolle Personen im Gesundheitssystem, die diesen ganzheitlichen Blick haben und es wurde sehr schnell ermöglicht, dass die engsten Angehörigen sich vor Ort verabschieden konnten. Dies war beim zweiten Lockdown keine große Frage mehr und wurde bzw. wird seit der Verankerung in der Verordnung der Bundesregierung zum zweiten Lockdown auch so gehandhabt.

Können Sie der Corona-Situation auch Positives abgewinnen?

Häfele: Natürlich. Für manche war die Tatsache, dass es weniger Besuche gibt, wirklich eine Zeit von mehr Ruhe und Erholung … hier hängt es, glaube ich, auf der einen Seite auch stark davon ab, wie affin jemand mit den digitalen Medien und Netzwerken ist und wie sehr ihm die Schwere der Erkrankung die Kommunikation über diese Medien auch gestattet. Je schwerer die Erkrankung und je mehr die Möglichkeit zur digitalen Kommunikation eingeschränkt ist, desto schwieriger wurde die Situation empfunden. Die Möglichkeit des Austausches wichtiger Informationen und Befindlichkeiten war dann oft nur sehr schwer möglich - und wer möchte nicht wissen, wie es einem Angehörigen geht, der sich im Moment nicht selber melden kann. Die Krise hat auch dazu geführt, dass die Aufgabe der Krankenhausseelsorge fokussierter wahrgenommen wurde. „Schön, dass wenigstens ihr da seid und kommen könnt“, haben Kolleg/innen auf Stationen immer wieder hören können.

Gebet zum Welttag der Kranken

Gott segne deinen Körper. Möge er Kraft und Wege finden, wieder zu ordnen, was aus dem Lot geraten ist. Mögen die Kräfte der Heilung sich sammeln und Besserung bewirken.

Gott segne deine Seele. Möge sie dir ein Schutzraum sein, der in dir stark und sicher ist. Möge sie Gutes zu dir sprechen und mögest du es deutlich vernehmen.

Gott segne deinen Geist. Möge er dir Zuversicht zusprechen und dich auf gute Gedanken bringen. Möge er in dir wach und lebendig sein und dich durch diese Krise leiten.

Gott segne deinen Weg. Möge alles, was du erlebst, dich zum Guten führen, zu Geborgenheit und Vertrauen. Möge dich die Gewissheit begleiten, dass dich nichts von Gottes Liebe trennen kann.
(Gernot Candolini)

Der Welttag der Kranken wurde 1993 von Papst Johannes Paul II. ins Leben gerufen, um die kranken und bedürftigen Menschen weltweit in den Mittelpunkt zu stellen. Er wird jährlich am 11. Februar begangen.

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 6 vom 11. Februar 2021)

Abstand halten, Zugangsbeschränkungen, Schutzkleidung und FFP2-Masken machen persönlichen Kontakt, vor allem auch im Krankenhaus, schwierig(er).
Gerhard Häfele leitet die Krankenhausseelsorge der Diözese Feldkirch.
Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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