BLICK_WINKEL
Gut gebrüllt, Löwe!
- hochgeladen von martinus Redaktion
160 mal kommt der Löwe in der Bibel vor – zumindest in der Einheitsübersetzung – Hand aufs Herz, ich habe es gezählt!
Leo, das ist das lateinische Wort für Löwe, wollte er sich genannt wissen, unser neuer Papst. Er ist der 14. Träger dieses Namens auf dem Thron des Bischofs von Rom. Zuletzt ließ sich Vincenzo Gioacchino Pecci so nennen, er hatte den Heiligen Stuhl von 1878 bis 1903 inne. Bei seiner Krönung (ja, das war noch so) war er 68 Jahre alt, um ein Jahr jünger als Robert Francis Prevost OSA, der nun den Sitz des Petrus einnimmt.
Seine einnehmende Persönlichkeit durfte ich vor Kurzem kennenlernen – die Leser der Kronenzeitung und der meisten anderen tagesaktuellen Medien wissen es schon. Deshalb liebe ich meinen Beruf (auch), weil er mit dem Privileg einhergeht, so viele interessante Menschen zu treffen. Kardinal Prevost besuchte also letzten November Wien, er stand der Messe in der Augustinerkirche vor, der Anlass war das Weihejubiläum vor 675 Jahren. Er tat es, um seine Mitbrüder aus dem Augustinerorden wiederzusehen. Vielleicht hat er sich bei dieser Gelegenheit auch ein Bild gemacht von der Lage, in der die Erzdiözese Wien am Übergang zu einem Nachfolger von Kardinal Christoph Schönborn als Erzbischof ist. Prevost war ja bis zu seiner Wahl Präfekt des „Dikasteriums für die Bischöfe“. Eine Behörde der Kirchenleitung, die dem Papst Namen für die Ernennung von Bischöfen vorschlägt und außerdem für Kontakte zwischen Bischöfen und Weltkirche zuständig ist.
Sein Namensvorgänger Leo XIII. hat sich im Gedächtnis der Kirche und der Welt verankert, weil er in der Soziallehre der katholischen Kirche einen Schwenk vollzog. Bis zu diesem Augenblick standen die Prälaten stark an der Seite der Regierenden (Könige …) und der wirtschaftlichen Elite (Großgrundbesitzer und Fabrikanten). Leo XIII. forderte energisch den sozialen Ausgleich. Zu diesem Thema veröffentlichte er die Enzyklika „Rerum novarum“ („Der Geist der Neuerung“), sie ragt unter seinen 86 (!) Rundschreiben hervor. Andere seiner Texte wirken über ein Jahrhundert später freilich befremdlich. So ist jeder Papst auch ein Kind seiner Zeit!
Nun wird Leo XIV. seine Handschrift in den Geschichtsbüchern hinterlassen. Sein Namensvorgänger (der dreizehnte Leo) wurde übrigens der älteste Papst der Geschichte. Bisher. Der neue Papst hat gute Chancen, ihn darin zu übertreffen! Bis dahin werden Welt und Kirche ein neues Antlitz haben – soviel kann man sagen. Leo XVI. wird dann womöglich der letzte Papst sein, den ich erleben darf. Für die Würde des Menschen wird er brüllen wie ein Löwe, da bin ich mir sicher.
Uns Katholiken eröffnet sich nun die Möglichkeit, seinen Leitungsdienst zu akzeptieren. Ihm zuzugestehen, dass er seine Entscheidungen nach reiflichen Beratungen, Überlegungen und besten Wissens und Gewissens treffen wird und dass er dabei das Wohl aller Katholiken, ja aller Menschen in den Blick nehmen will. Es kann uns (Mittel-)Europäern noch schmerzhafte Erkenntnisse abverlangen, dass wir mit unseren Wünschen und Vorstellungen nicht das Maß des Ganzen sein werden.
Franz Josef Rupprecht
Chefredakteur
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
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