EIN_BLICK
Der neue Frauenhass im Netz
- Gegen einen „Shitstorm“ (Sturm der Entrüstung) hilft kein Regenschirm.
- Foto: EyeEm Mobile GmbH/iStock
- hochgeladen von martinus Redaktion
Dumpfer Groll und Frechheiten gegen Frauen nehmen im Internet zu. Das hat Auswirkungen auf die echte Welt.
„Im Laufe von 2026 werde ich von hier verschwinden“, postet eine Psychotherapeutin auf Facebook. Sie kündigt damit keinen Suizid an, sondern begründet ihre Entscheidung, Facebook zu verlassen: „Dass Menschen sich um jeden Preis auskotzen müssen, kann ich nicht verhindern. Ich werde ihnen dafür aber zukünftig keinen Raum mehr zur Verfügung stellen.“ Was ist passiert? Sie teilte eine außergewöhnliche Selbsterfahrung in ihrem Profil, um anderen Menschen Mut zu machen. Gemeinsam mit einer Gruppe (und begleitet von Expert:innen) hatte sie eine „Kältewanderung“ unternommen. Dazu setzt man den Körper für einen begrenzten Zeitraum mit leichter Bekleidung der Kälte aus, ähnlich wie man es beim Eisbaden oder bei Kneippkuren macht. Das soll das Immunsystem stimulieren und weitere positive Auswirkungen auf Körper und Geist haben. Niemand wird dazu gezwungen, alle ist freiwillig.
„Ich habe die Kotze weggeräumt – Kommentare verborgen oder gelöscht.“
VON SHITSTORM BETROFFENE FRAU
Was danach kam, kannte die erfahrene Psychologin vorher nur vom Hörensagen: „so behindert“, „igitt“, „die Leute werden immer blöder“ – hunderte persönlich abwertende Frechheiten reihten sich in den Kommentaren aneinander. Unbekannte Menschen verunglimpften und beschimpften sie, erzählt die Betroffene. „Ich habe die Kotze weggeräumt – Kommentare verborgen oder gelöscht“ – und dann möchte sie sich zurückziehen.
WEGGEMOBBT
Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Es ist genau diese Dynamik, die Frauen wieder stärker an den Rand drängt, beschreibt die Social-Media-Expertin Ingrid Brodnig in ihrem jüngsten Buch „Feindbild Frau“. Vor allem Politikerinnen, aber auch andere Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden immer häufiger zur Zielscheibe. Mit dem, was sie öffentlich äußern, haben die hasserfüllten Reaktionen kaum einen inhaltlichen Zusammenhang. Es geht nicht um Argumentation, um Ansichten, die man erörtert. „Speziell Frauen werden mit gehässigen, häufig geschlechtsspezifischen Äußerungen aus dem Raum, in dem öffentliche Auseinandersetzung stattfindet, weggemobbt“, beschreibt Ingrid Brodnig die Dynamik. Die Einschüchterungsmethoden zu kennen, sagt die Autorin, und „deren Ernst zu erkennen, ist ein wichtiger erster Schritt im Einsatz gegen digitale Gewalt“. Es „wäre schon viel erreicht, wenn das Problem der wiederkehrenden Beleidigung, der Diffamierung und Bedrohung seltener kleingeredet oder gar als zu große Feinfühligkeit oder Privatangelegenheit ... dargestellt würde.“ Genau das passiert häufig – selbst wenn es sich um die Androhung von Vergewaltigung oder Mord handelt, was keine Seltenheit ist. Zwar werden auch Männer im Netz beschimpft, doch zielen die Angriffe bei Frauen häufiger auf das Frausein oder die Sexualität.
MÄNNER SEHEN SICH ALS OPFER
Die Journalistin Susanne Kaiser beschreibt in ihrem Buch „Backlash“ (Rückschlag), dass es widersprüchliche Bewegungen gleichzeitig gibt: Während Frauen durchaus in politische Machtpositionen kommen können und sich Richtung Fairness bereits vieles verbessert hat, bestünden dennoch Unterschiede fort, wie unterschiedliche Bezahlung für gleiche Arbeit, unfaire Aufteilung der unbezahlten Sorge-Arbeit und damit verbundene weibliche Pensions-Armut. Doch trotz der nach wie vor bestehenden Ungleichheit wächst die antifeministische Gegenbewegung in den letzten Jahren an. Der Feminismus hätte es übertrieben, lautet das Paradigma, Frauen würden bevorzugt. Männer definieren sich hier selbst als Opfer, deren Ziel es ist, die Kontrolle wiederzugewinnen.
NÄHRBODEN DER GEWALT
„Manosphere“ ist der Überbegriff für den Bereich des Internets, in dem sich Männer gegenseitig in ihrem Frauenhass bestärken. Teilweise ist damit auch eine gehörige Portion Selbsthass verbunden, wie bei den sogenannten „Incels“. Das Wort steht für „involuntary celibats“, also unfreiwillig zölibatär Lebende. Ihre Unzufriedenheit mit dem Leben, mit ihrer Rolle als Single, projizieren sie auf Frauen, die an allem schuld seien. In ihren Foren üben sich Incels in menschenverachtender und selbstzerstörerischer Sprache. „Wenn ich euch nicht haben kann, Mädels, dann zerstöre ich euch“, ist ein Gedanke, von dem viele Incels besessen scheinen und der ein Nährboden für Gewalt bis hin zu Femiziden (Frauenmorden) im echten Leben sein kann.
DAS EXTREME WIRD NORMALER
Solche Szenen sind extrem, kommen aber aus der Gesellschaft selbst, ist Susanne Kaiser überzeugt – und drängen immer mehr Richtung Mainstream und Durchschnitt. Incels und ihre Tötungsfantasien etwa findet man nicht nur im Darknet, sondern auf Plattformen wie TikTok, wo sie auch viele junge Männer erreichen. Soziale Medien dienen nicht mehr als neutrale Orte der Meinungsfreiheit, erklärt die Journalistin, sondern als Radikalisierungsorte, deren Regeln von wenigen Tech-Milliardären bestimmt würden. Diese stehen der rechtsautoritären und antidemokratischen Politik nahe. Dagegen sei es schwer anzugehen. Die Heftigkeit des Backlashs würde aber auch darauf hinweisen, wie erfolgreich der Feminismus bisher schon war. Sonst würde die Gegenbewegung nicht so verbissen agieren.
GEGENIDEEN
Gegen die unregulierte Frauenfeindlichkeit auf großen digitalen Plattformen empfiehlt Susanne Kaiser für die Zukunft eine neue, nicht kommerzielle Form von Sozialen Medien, die ähnlich wie ein öffentlichrechtlicher Rundfunk funktioniert. Ingrid Brodnig rät vorerst, Entgleisungen anderer Kommentator:innen bei der Online-Plattform zu melden, auch wenn es kompliziert ist. Jeder und jede habe Macht im Internet, deshalb solle man im Fall eines Shitstorms schauen, ob man selbst etwas Positives dazu sagen könne. Man soll sich außerdem bewusst sein, dass ausgesprochene Frauenhasser zwar schrill, aber doch in der Minderheit wären. Neben der politischen und regulatorischen Ebene gibt es auch eine individuelle Verantwortung: Wohin man klickt, entscheidet man immer noch selbst. Und ganz entscheidend ist, mit echten Menschen in Kontakt zu bleiben, auch außerhalb des Internets.
MONIKA SLOUK
BÜCHER ZUM THEMA
Ingrid Brodnig: Feindbild Frau, Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können. Brandstätter Verlag 2026, 208 S. | € 25,00
Susanne Kaiser: Backlash, Die neue Gewalt gegen Frauen. Tropen Verlag 2023, 224 S. | € 22,70 (Hardcover), € 17,90 (eBook)
RADIOTIPP
Ö1: Sonntag, 8. März, 9.05 Uhr, Gedanken – Ingrid Brodnig: Feindbild Frau
Weltfrauentag
Die Geschichte des Internationalen Frauentags am 8. März ist bis heute wechselhaft.
Der Internationale Frauentag geht auf die Frauenbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Ziel der Bewegung war das Wahlrecht für Frauen sowie die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Ein Teil der Ziele konnte erreicht werden (wie das Wahlrecht), ein Teil nicht (wie die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen, denn der Großteil der Entscheidungspositionen weltweit ist bis heute mit Männern besetzt). Der Ursprung des Weltfrauentags liegt in der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung. 1975 griffen die Vereinten Nationen (UN) die Idee auf und richteten erstmals einen „Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ ein.
UMDEUTUNG IM KOMMUNISMUS
Zur Zeit des Kalten Kriegs (1945 bis 1989) entwickelte sich der Internationale Frauentag in den Ostblock-Staaten zu einem Tag der Staatsideologie. Einerseits wurde gefeiert, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern bereits umgesetzt war – was nicht den gesellschaftlichen Tatsachen entsprach, aber einen weiteren Kampf für Gleichberechtigung verhinderte. Arbeitskolleginnen wurden von Männern mit roten Nelken beschenkt und mit (tendenziell sexistischen) Trinksprüchen bedacht. Kindergärten und Schulen produzierten Muttertagsgeschenke. In der westlichen Welt wurde der Internationale Frauentag während dieser Zeit kaum erwähnt. Der Muttertag im Mai konnte im manchen Aspekten als Gegenstück betrachtet werden. Der Muttertag war auch in der Zeit des Nationalsozialismus anstelle des Weltfrauentags begangen worden.
UMDEUTUNG IM KAPITALISMUS
Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurde die Idee des Weltfrauentags von der Frauenbewegung wieder aufgegriffen, um auf nach wie vor bestehende Ungerechtigkeiten hinzuweisen und dagegen aufzutreten. Ab den 2000er-Jahren entdeckten immer mehr Konzerne und Geschäftsleute den Frauentag als Werbemöglichkeit (neben anderen Anlasstagen wie Weihnachten, Halloween, Valentinstag oder Muttertag). In diesem Zwiespalt steht der Frauentag auch 2026. Während er vom Ursprung her Frauen (und immer mehr auch Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann erleben) zu größerer Sichtbarkeit als Mitbürgerinnen verhelfen soll, werden gleichzeitig Frauen in erster Linie als Konsumentinnen betrachtet.
SLOUK
Autor:martinus Redaktion aus Burgenland | martinus |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.