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Der heilige Martin und wir. Über die Martinstaten

Der hl. Martin von Tours teilt seinen Mantel mit einem Bettler. Martinskapelle in der Oberstadt von Bregenz, Fresko 14. oder Beginn 15. Jahrhundert. | Foto: kathbild.at / Franz Josef Rupprecht
  • Der hl. Martin von Tours teilt seinen Mantel mit einem Bettler. Martinskapelle in der Oberstadt von Bregenz, Fresko 14. oder Beginn 15. Jahrhundert.
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Seit über 100 Jahren ist der heilige Martin der Landespatron des Burgenlandes, seit über 60 Jahren der Patron der Diözese Eisenstadt. Nicht überall sind Diözesanpatron und Landespatron eins.

In der Steiermark konkurrieren die Heiligen Rupert, Virgil und Josef, in Niederösterreich Leopold und Hippolyt. Die Tiroler haben drei Heilige: Josef, Georg und Petrus Canisius. Ihr Andreas Hofer war kein Heiliger. Kärnten ist offener: Josef ist Landespatron, Johannes der Täufer Schutzpatron, Landesmutter ist aber die heilige Hemma, die von der Kirche nie heiliggesprochen, aber von den Kärntnern zur Heiligen ausgerufen wurde und hoch verehrt wird. Denn den Glauben und ihren Herrgott lassen sich die Kärntner nicht nehmen, auch sie sind gottgläubig.

Der wesentliche Unterschied: Die heilige Hemma stiftete Gurk und Admont, der heilige Martin fordert: Wir müssten „Martinstaten“ setzen, heißt es. Ob das die burgenländische Landesregierung gewollt hat, als sie in einem Schreiben im Jahr 1924 die Apostolische Administration des Burgenlandes bat, sich in Rom dafür einzusetzen, dass der heilige Martin, und nicht der ungarische König Stephan, der große Heilige, zum Landespatron des neuen, von Ungarn abgetrennten Bundeslandes werden sollte? Ein Schelm, wer dabei an eine versteckte politische Rache denkt. Denn die Demut des heiligen Martin war für die ehemaligen Westungarn erträglicher als die Demütigungen durch die Ungarn und den ungarischen Adel zur Unzeit. Die Verehrung des heiligen Martin und die Feier des Martinifestes setzten sich im Burgenland nur schleppend durch. Die katholische Vorgabe war für die Evangelischen zu steil, sie bauten auf ihren Martin, den zu Wittenberg. Die Nationalsozialisten setzten den Feiertag ab, sie veranstalteten ihr germanisiertes Brauchtum, den Fackelzug mit völkischer Mystik, Führerrufe statt Marienrufe und kein Martinslicht.

Heute ist St. Martin burgenländisches und pannonisches Allgemeingut, sein Fest ist ein Landesfeiertag. Dafür garantiert der Landeshauptmann. Ein Burgenland ohne Martiniloben, ohne Martinigänse, Martinskipferl, Martinsumzüge und Martinslaternen ist für ihn nicht denkbar. Ein Burgenland ohne Martin wäre ein Körper ohne Seele, das Burgenland ohne christliche Feste ein kulturelles Wrack, eine Entchristlichung, warnt er.

Was bleibt von diesem Heiligen, der vor über 1700 Jahren in der römischen Provinz Pannonia geboren wurde, bei uns seine missionarischen Spuren gezogen hat, vom Volk zum Bischof von Tours ausgerufen wurde, das abendländische Mönchtum begründet hat und als erster Nichtmärtyrer sogar heiliggesprochen wurde?

Was bleibt? Martinskirchen, Martinspfarren, Martinsbilder und Martinsskulpturen, Martin hoch zu Ross und knieend unten beim Bettler, Martinspilgerwege, Martinsfamilie und Martinsgemeinschaft – ein Lieblingsprojekt des Bischofs, das Haus St. Martin, der Martinussaal, die Martinskaserne, die Martinsfahnen, die Martinslegenden, der Martinsorden in Gold und Silber, die Statue des Heiligen direkt vor dem Sitz des Landeshauptmannes und seitlich abgerückt bei der Bischofskirche? „Martina“ und „Martin“ sind seltener geworden, diese Namen tönen veraltet, obwohl der Heilige unzählige Menschen getauft und zum Christentum bekehrt hat.

Nicht jede gute Tat ist eine Martinstat, schon gar nicht, wenn sie selbstverständlich, vernünftig, geschuldet, verdient und sozial gerechtfertigt ist. Das Aufgeblasene, Überzogene und Angeberische entspricht dem heiligen Martin nicht. Dass Spitäler gebaut, Kranke geheilt, Alte gepflegt, Kinder und Jugendliche gebildet, Lehrlinge ausgebildet, Arbeitsplätze geschaffen und Verstorbene begraben werden, ist noch keine Martinstat. Dass Banken nicht abräumen, Wirtschaft nicht ausräumt, dass wir nicht auf Kosten anderer leben und uns brüsten mit dem, was wir nicht sind und nicht verdient haben, ist noch keine Martinstat. Überreichte Schecks haben oft ein großes Format mit wenig Inhalt. Wenn die Kirche sich der Menschen annimmt und auf sie zugeht, auf die Armen und jene, die in der gesellschaftlichen Kälte erfrieren, wenn sie die Menschen für Gott interessiert und von Gott redet, die Menschen beten lehrt, den Sonntag hält, Sakramente spendet, den Kindern den Weg ins Leben, den Suchenden den Weg zu Gott und den Sterbenden den Weg in den Himmel nicht versperrt und auch den Mut zum Widerspruch aufbringt und nicht zwanghaft angepasst, modern und nur niederschwellig sein möchte, dann ist das ihr ureigenes kirchliches Geschäft, aber noch keine Martinstat.

Martinstaten bleiben unbezahlt, doch sie geschehen, sie sind unberechenbar und prahlen nicht, sie sind erfinderisch, fantasievoll und nie gewöhnlich. Sie halten das Erbe des heiligen Martin für Kirche und Gesellschaft und für die Menschen lebendig, auch wenn manche müde, verkümmert, ausgelaugt und Gott-arm geworden sind. Martinstaten lassen die Menschen über sich hinauswachsen, sie bereichern das Leben der Geber und der Beschenkten.

P. KARL SCHAUER OSB

Autor:

martinus Redaktion aus Burgenland | martinus

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