Bregenzer Festspiele zeigen "Nero" von Arrigo Boito
Tiefe des Christentums

Läuterung im Tod: Im Sterben beichtet Rubria (Alessandra Volpe) dem christlichen Propheten Fanuel (Brett Polegato), dass sie ein Doppelleben als Christin und heidnische Priesterin geführt hat.
  • Läuterung im Tod: Im Sterben beichtet Rubria (Alessandra Volpe) dem christlichen Propheten Fanuel (Brett Polegato), dass sie ein Doppelleben als Christin und heidnische Priesterin geführt hat.
  • Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster
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Die Bregenzer Festspiele zeigen mit „Nero“ von Arrigo Boito ungeahnte Tiefgründigkeit. Mit „Michael Kohlhaas“ des Deutschen Theaters Berlin ist diesen Sommer ein zweites Glanzlicht zu sehen.

Wolfgang Ölz

Manche Kritiker/innen bemängelten, die Inszenierung von Olivier Tambosi würde vor allem das Bedürfnis nach religiösem Kitsch befriedigen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Kontrastierung des sadistischen Monsterkaisers Nero mit dem Heiligen des Christentums führt in eine gedankliche Tiefe, die etwas Mystisches hat. Sicher könnte moniert werden, dass dieser Fanuel (Brett Polegato) mit seiner Dornenkrone, dem Prophetenstab und schließlich einem riesigen Herz-Jesu-Emblem auf dem Büßergewand reichlich eindimensional gezeichnet ist. Überhaupt könnte der Chor der Christ/innen als ein Konvent im Nonnenhabit einem komplex denkenden Menschen zuwiderlaufen (Kostüme: Gesine Völlm). Und doch ist es diese „einfache“ Symbolik, verknüpft mit den weltliterarischen Texten von Arrigo Boito, die das lebenslange Ringen Boitos um den tödlichen Gegensatz zwischen römischem Vielgötterglauben und dem aufkeimenden Urchristentum überzeugend in Szene setzt. Nicht ohne Grund war Boito auch der Librettist von Giuseppe Verdis „Otello“ und „Falstaff“. Es ist schon überraschend, dass eine Oper des späten 19. Jahrhunderts, die eigentlich aus der Rebellion gegen Kirche und Tradition entstanden ist, heute als ein an die Seele gehendes Mysterienspiel über die Rampe kommt.

Gesamtkunstwerk

Rafael Rojas war bereits als „Calaf“ in Turandot und „Rodolfo“ in La Bohème in Bregenz zu hören. Sein Nero zeigt die helle und klare Stimmfarbe eines Heldentenors. Lucio Gallos als heidnischer Magier und Christenfresser liefert als mächtiger Bariton die beste gesangliche Leistung der Aufführung. Auch Brett Polegatos Fanuel gefällt. Jedoch ist es die Christin und heidnische Priesterin Rubria, die dank Mezzosopranistin Alessandra Volpe in die ganze spirituelle Tiefe von Vertrauen und Erlösung aus Schuld führt. Svetlana Aksenova als eine in unglücklicher Liebe zu Gott-Kaiser Nero zerrissenen Frau gibt dem Musikdrama existentielle Bedeutungsschwere.
Dirigent Dirk Kaftan führt die Wiener Symphoniker und den Prager Philharmonischen Chor zu melodischen und präzisen Höhenflügen, die das Herz jeder Hörerin und jedes Hörers drei Stunden lang hoch schlagen lässt.

Menschlich

Die Drehbühne mit ihren saalhohen Lichtstreifen wandelt Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann in ein Lebensrad, das das unerbittliche Schicksal der Menschen zeigt. Nero ist in der Bregenzer Fassung ein vollgültiges Gesamtkunstwerk, das die ewig-menschlichen Themen Liebe, Glaube, der Hochmut wie Gott sein zu wollen, Gier, Hass und Machtbesessenheit, ästhetisch vollkommen vor das innere und äußere Auge des Betrachters führt.

Auch wie Max Simonischek und das Team des Deutschen Theaters Berlin den Racheengel Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist am Kornmarkttheater vorführen, hat man am Bodensee selten in dieser Qualität gesehen.

Nero: Arrigo Boito, Mo 2. August, 19.30 Uhr, Festpielhaus Bregenz. Karten: T 05574 407 6, www.bregenzerfestspiele.com

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 30/31 vom 29. Juli / 5. August 2021)

Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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