Pater Anselm Grün im Interview
Lehren für den Lockdown

Pater Anselm Grün lebt und arbeitet in der deutschen Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Wenn Pater Anselm Grün schreibt, hat er „immer Menschen vor Augen, denen er etwas Gutes sagen möchte“.    | Foto: Daniel Biskup / Verlag Herder
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  • Pater Anselm Grün lebt und arbeitet in der deutschen Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Wenn Pater Anselm Grün schreibt, hat er „immer Menschen vor Augen, denen er etwas Gutes sagen möchte“.
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Pater Anselm Grün hat gemeinsam im Gespräch mit dem Cheflektor des Verlags Herder, Simon Biallowons, für die Bewältigung des Lockdowns das Buch „Quarantäne! Eine Gebrauchsanweisung“ geschrieben. Im KirchenBlatt-Interview erklärt er die wesentlichen Tipps und Strategien, wie friedliches Zusammenleben zu Hause gelingen kann. Dabei ist bedeutsam, sich und andere auszuhalten.

Das Gespräch führte Wolfgang Ölz

Ihre zahlreichen Vorträge sind derzeit wegen Corona abgesagt oder verschoben. Was macht Anselm Grün selbst in der Quarantäne?
Anselm Grün: Ich kann die Zeit gut nutzen. Ich kann mehr lesen, mehr schreiben und führe natürlich trotzdem Gespräche und begleite Menschen. Schreiben ist für mich keine Routine, sondern generell der Schlüssel um Worte zu finden, die mich selber berühren und dann auch andere berühren. Wenn ich schreibe, habe ich immer Menschen vor Augen, denen ich etwas Gutes sagen möchte.

Für die hohe Kunst des Sich-gegenseitig-Aushaltens haben die Mönche in 1500 Jahren viele Schätze entdeckt. Welche?
Grün: Zwei Dinge: Erstmal sich selber aushalten. Das kann ich nur, wenn ich weiß: Alles, was in mir auftaucht, darf sein. Viele können sich nicht aushalten, weil sie fürchten, da taucht etwas auf, das nicht mit dem Selbstbild übereinstimmt. Deswegen wollen sie es lieber verdrängen. Diese Erlaubnis „Alles darf sein“ ist das erste, um sich selber auszuhalten: Dass ich mit Neugierde in mein Inneres blicke, ohne dass ich etwas, das hochkommt, bewerte. So kann ich mich auch selber besser kennenlernen. Das Zweite ist: Den anderen aushalten. Da ist wichtig, auf die eigenen Gefühle zu achten. Man kann die Nähe des anderen nicht immer ertragen. Wenn ich deswegen aggressiv werde, dann ist es nichts Schlechtes. Das ist einfach die Einladung, dass ich für mich sorgen soll, dass ich Zeit für mich selber brauche.

Sie bemerken in Ihrem Buch, dass das Mönchtum im Mittelalter den Satz „Cella est coelum“ prägte. Das heißt übersetzt: Die Zelle ist der Himmel, in dem der Mönch mit Gott allein ist. Was hat eine Mönchszelle mit einem Familiendomizil, einer Singlewohnung oder einer WG gemeinsam?
Grün: Viele Familien, Singles und WGs sind ja auf ihre Wohnung oder ihr Haus zurückgeworfen. Das können sie entweder als Gefängnis erleben, weil alles so eng ist. Man geht sich dann gegenseitig, wenn man zu mehreren ist, auf die Nerven. Man kann aber auch einfach bewusst wahrnehmen: Wir bleiben einmal zuhause. Es gibt das große Wort „Daheim sein kann man nur, wo das Geheimnis wohnt“. Das Daheim-Sein hat, wenn wir so wollen, auch mit dem Glauben zu tun. Wir sind nicht allein, sondern Gottes Segen wohnt auch in unserem Haus.

Was würden die Wüstenväter, die Kirchenväter in den ersten christlichen Jahrhunderten, uns heutigen Menschen im Lockdown für unsere vier Wände empfehlen?
Grün: Die Wüstenväter sagen: Immer, wenn du die Tendenz auszusteigen und hinauszugehen hast, bleib in deiner Zelle. Die Zelle wird dich alles lehren. Ich empfehle, einfach dieses Experiment zu wagen, sich selber kennen zu lernen. Wenn ich bei mir bleibe, dann muss ich auch nicht vor mir selbst davonlaufen. Es gibt ja viele Fluchtmöglichkeiten in Aktivitäten und Zerstreuungen. Diese Chance sich selber auszuhalten ist wie gesagt ein großer Schritt zur eigenen Selbsterkenntnis.

Vom antiken Philosophen Demokrit ist folgendes Zitat überliefert: „Der Geist, der sich gewöhnt, seine Freuden aus sich selbst zu schöpfen, ist glücklich.“ Machen Sie einen Unterschied zwischen einer weltlichen und geistlichen Erfahrung des Alleinseins?
Grün: Diese weltliche Sicht entspricht ja auch dem Christentum. Wenn ich in mir den Schatz entdecke, den inneren Reichtum der Seele, den Einklang, das Glück, dann brauche ich vieles Äußere nicht. Wir glauben, unser Glück ist abhängig von einem schönen Urlaub, von abwechslungsreichem Ausgehen und so weiter. Das ist uns jetzt aber genommen. Ich kann darüber jammern und mich als Opfer fühlen. Eine bessere Möglichkeit ist bewusst zu sagen: Das ist so, das habe ich mir nicht ausgesucht, aber wie gehe ich selber aktiv damit um? Wenn ich in mir Frieden finde, dann kann ich auch in einem engen Haus Frieden finden und innerhalb meiner Familie den Frieden stiften.

Wie lernt man in der Zeit der Quarantäne, auf die eigenen Gefühle zu achten? Was ist da der Königsweg?
Grün: Die Mönche sagen: Wir sind nicht verantwortlich für die Gefühle, die auftauchen, sondern dafür, wie wir mit den Gefühlen umgehen. Es geht darum, dass ich nicht dagegen kämpfe, sondern dass ich mich frage: Was will mir dieses Gefühl sagen? Die Aggression kann mir sagen, dass ich mich besser abgrenzen soll. Die Traurigkeit will mir vielleicht sagen: Was ist eigentlich der Sinn meines Lebens?

Warum sind religiöse und andere Rituale in der Situation der Quarantäne so hilfreich?
Grün: Rituale sind sehr wichtig. Rituale schaffen eine heilige Zeit. Eine heilige Zeit ist eine Zeit, die der Welt entzogen ist. Rituale geben mir das Gefühl selber zu leben, statt gelebt zu werden. Die Griechen sagen, wir feiern Rituale, weil unser Leben ein Fest ist. Rituale geben auch Heimat. Rituale strukturieren den Tag. Rituale geben Anteil an den Wurzeln der Lebenskraft unserer Vorfahren, weil wir ähnliche Rituale feiern, wie diese sie schon begangen haben.

Warum ist die Benediktregel, die sie im Buch auch zitieren, heute noch aktuell?
Grün: Benedikt beschreibt, wie wir gut miteinander leben. Und gerade in der Coronazeit geht es um ein neues Miteinander - auch auf engem Raum. Die Regel von Benedikt hat dafür große Weisheit und Weite. Sie ist kein Gesetzbuch, sondern eine Anleitung zum gelingenden Leben. Auch Karl Rahner sagt, der Glaube ist nichts Fremdes, sondern entspricht der Weisheit unserer Seele.

Woher haben Sie Ihre Weisheit? Aus dem Leben, aus dem Selbst, von Menschen, aus Büchern oder von Gott?
Grün: Alles zusammen. Sicher habe ich viel gelesen. Aber dann auch durch die vielen Begegnungen und Gespräche. Je älter ich werde, desto gelassener werde ich, dass ich mich nicht unter Druck setze, etwas besonders Intelligentes oder Weises sagen zu müssen.

Was geben Sie den Menschen für die Zeit der Quarantäne mit auf den Weg?
Grün: Ich sage: Ich verstehe gut, wenn Sie sich über diese Quarantäne ärgern. Man kann auch über viele Regeln streiten, aber machen Sie einfach das Beste daraus! Wie kann ich Kreatives gestalten? Wie kann ich tiefer zum Grund meiner Seele kommen, wo ich Gott in mir selber finde? Und wie kann ich meinen Glauben so ausdrücken - mitunter auch ohne konkrete kirchliche Traditionen - dass es mein ganz persönlicher Glaube wird?

Zur Person

Pater Anselm Grün OSB (geb. 1945) ist seit seinem 19. Lebensjahr Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Seine Spiritualität ist u.a. geprägt von Karl Rahner und C.G. Jung. Mit über 14 Millionen verkauften Büchern in über 30 Sprachen gilt er als der erfolgreichste Autor spiritueller Bücher im deutschsprachigen Raum. Auch für die österreichischen Kirchenzeitungen hat Anselm Grün bereits mehrmals Serien, etwa zur Fastenzeit, verfasst.

Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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