„Unerhört heilig“ - eine Vortragsreihe in St. Arbogast, die Heilige neu entdecken lässt
Ein Martin über den anderen Martin

Propst Martin Werlen plädiert dafür, Heilige nicht zu überhöhen. Dann werden sie lebendig für das Heute.
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„Wenn wir in einer Sache richtig gut sind, dann darin, so zu tun, als ob“, wirft Propst Martin Werlen in den Raum in St. Arbogast. Warum das vielleicht stimmt, erklärt er am Beispiel des heiligen Martins. Martin über Martin, könnte man also sagen.

Veronika Fehle

„In der Propstei St. Gerold haben wir derzeit eine Baustelle. Feuerpolizeilich musste man vieles ändern, Fluchtwege einplanen, die Stockwerke besser voneinander abtrennen usw. Diese Umbauten brauchen Platz. Den hatten wir nicht. Also haben wir Platz gemacht und den Anbau an die Propstei abgerissen. Und jetzt schimpfen einige, wie wir das nur tun konnten, das schöne, alte Gebäude abreißen. Der Zubau war aber ja gar nicht alt, er war aus den 1970er-Jahren. Der Bau stand nicht unter Denkmalschutz. Er hat nur so getan, als ob“, ja, man fragt sich schon, worauf Martin Werlen mit dieser Baustellengeschichte aus dem Großen Walsertal hinaus will und warum er seinen „unerhört heiligen“ Arbogaster-Abend über den heiligen Martin gerade so eröffnet. Dieses Fragen klärt sich aber bald. Denn das „Tun, als ob“, das erlebe er, Martin Werlen, auch ganz oft mit den Heiligen. „Das aber hilft uns ja gar nicht, es versperrt uns eigentlich nur den Zugang zu ihnen.“ Als Mitstreiter für diesen Ansatz stellt sich Martin Werlen hinter den deutschen Theologen Fridolin Stier, der der Kirche einmal vorwarf, aus den Heiligen blasse, entfleischte Bübchen gemacht zu haben. „Da ist keine Kraft mehr in diesen Heiligenfiguren, die wir auf die Sockel gestellt haben. Damit haben wir sie ,entsorgt‘ und begreifen sie nicht mehr in ihrem ganzen Sein“, plädiert Werlen für den nötigen Schubser, der die Heiligen zwar fallen lässt, sie aber auch wieder auf den Boden und damit näher zum Leben der Menschen bringt. „Nehmen wir den Heiligen ihren Sockel. Dann werden wir sehen, dass sie uns plötzlich ganz anders etwas für unser heutiges Leben zu sagen haben.“ Das ist auch beim heiligen Martin so.

Getauft wird später

Der heilige Martin wurde 316 im ungarischen Szombathely geboren und starb 397 in Candes-Saint-Martin, Frankreich. Sein Biograph, Sulpicius Severus, hat Martin sogar noch persönlich getroffen und war sehr beeindruckt.
Aber was ist von diesem „alten Mönch“, dem Sulpicius Severus begegnete, heute noch geblieben? Von Martin kennen wir die Geschichte mit den Gänsen, die ihn in seinem Versteck verraten haben, als er nicht Bischof werden wollte. Und natürlich kennen fast alle noch aus Kindertagen die Geschichte mit dem Bettler, dem Winter und dem Mantel. „Wenn wir aber genauer hinschauen und Martin von seinem Podest holen, dann sehen wir plötzlich, dass Martin bei der Mantelteilung noch gar nicht getauft war. Er war erst auf dem Vorbereitungsweg zur Taufe“, erzählt Martin Werlen und stellt auch die Frage danach, was wir aus diesem Wissen für uns mitnehmen können. Die Antwort: Es kann eine unglaublich entkrampfende Wirkung haben zu wissen, dass selbst unsere Heiligen nicht alle getauft waren, als sie das taten, wofür man sie verehrt. Das aber soll nur ein Beispiel dafür sein, wie Heilige plötzlich wieder „mit Leben gefüllt“ werden, wenn man sie nur lässt.

Kaiserliche Privilegien

Natürlich erklärt es sich auch aus den Zeitumständen, dass der Soldat Martin nicht getauft war, als er im Winter auf den Bettler stieß. „Martin lebte im 4. Jahrhundert. Und man muss wissen, dass die Getauften bis ins Jahr 312/313 verfolgt wurden. Um diese Zeit aber bemerkte Kaiser Konstantin, dass sich immer mehr Menschen taufen ließen. Hätte er sie jetzt alle verfolgen sollen? Nein, er machte es genau umgekehrt und aus den früheren Verfolgten wurden nach und nach Privilegierte. Überhaupt hat Konstantin sehr viel dazu beigetragen, dass auch in der Kirche heute vieles so ist, wie es ist“, holt Martin Werlen zu einem weitaus größeren Themenbogen aus, als „nur“ das Leben der Heiligen.
Unter Kaiser Konstantin stieg das Christentum zur wichtigsten Religion im römischen Reich auf. Konstantin agierte klug, schuf sich im Christentum keine Konkurrenz, sondern glich Kaiserliches und Kirchenhierarchisches aneinander an. „Nehmen wir nur den Sonntag als Beispiel. Es ist ein hoher Wert, dass es in unserer Gesellschaft einen Tag in der Woche gibt, an dem viele Menschen nicht arbeiten müssen. Der Sonntag als freier Tag aber wurde so von Kaiser Konstantin eingeführt. Der Sonntag ist so gesehen ein staatlicher Feiertag. Oder schauen wir uns die großen Basiliken in Rom an. Das sind Kaisersäle. Oder fragen wir uns doch, warum der Papst rote Schuhe hat? Das ist ein Überbleibsel des roten Kaisergewands“, zählt Martin Werlen ein Beispiel nach dem anderen auf, sortiert dabei vertraute Bilder um und zeichnet den Rahmen jener Zeit, in der Martin Mönch und später Bischof wurde.
Zu Lebzeiten Martins gab es nämlich nicht nur die Annäherungsbewegung zwischen Kirche und Staat, sondern auch die Gegenbewegung dazu, weg von den Privilegien, die der Kirche durch den Staat zufielen. Die formierte sich vor allem in den Klöstern, unter den Mönchen. Und Martin war Mönch. „Hier kann Martin uns heute wieder ein Vorbild sein, wenn es darum geht, sich wegzubewegen von Privilegien. Martin hat sich schon damals geweigert, da mitzumachen. Er hat die prunkvollen Bischofsgewänder nicht angezogen. Er blieb bei seinem Mönchsgewand“, blättert Propst Martin Werlen weiter in der Heiligenvita. Was man daraus für das Heute lernen kann? Naja, vielleicht auch, dass es manchmal Not tut, eben nicht das zu tun, was alle tun, nur weil man es eben so tut. So erzählt Martin Werlen von vielem, was heute als „gut katholisch“ gilt und das seine Wurzeln ganz woanders hin ausstreckt. Der heilige Martin stehe hier für eine „Ent-Weltlichung“ der Kirche im besten Sinn. „Kein Loslösen von der Welt, sondern ein Loslassen von dem, was der Kirche durch weltliche Privilegien zugefallen ist.“

Von der „cappa“ zur Kapelle

Wahrscheinlich, so wird man das Gefühl nach dem Abend in Arbogast nicht los, war Martin einer, der seinen ganz eigenen Kopf hatte, der seine Meinung hatte und zu der auch stand, wenn sie nicht immer mehrheitsfähig war. Auf den Schein legte er wenig Wert, so ahnt man. Und mit jedem Gedanken wird der Sockel kleiner, von dem der Heilige am Schluss vielleicht nur noch einen Schritt machen muss, um wieder auf Augenhöhe im Leben der Menschen anzukommen.
Übrigens, der heilige Martin lebt auch jenseits der Martinigans noch weiter. Nach seinem Tod wurde sein Mantel, seine „cappa“, in einem eigenen kleinen Gebäude verwahrt. Eigens dafür abgestellte Geistliche bewachten die Reliquie. Die Kapelle und der Kaplan erinnern bis heute daran.

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 45 vom 11. November 2021)

Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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