Gesellschaftspolitischer Stammtisch
Von allein ändert sich nichts

Gewalt gegen Frauen geht uns alle an.

Was die erschreckend hohe Rate an Femiziden in Österreich mit uns allen zu tun hat, diskutierte der Gesellschaftspolitische Stammtisch des EthikCenters via Zoom.

Charlotte Schrimpff

Im Prinzip ist Österreich ein sicheres Land: Im europaweiten Vergleich der Anzahl an Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohner gibt es nur wenige Staaten, in denen man noch seltener um Leib und Leben fürchten muss. Dummerweise sticht ein Wert heraus: Der Anteil an Frauen, die hierzulande Opfer solcher Verbrechen werden. Er liegt bei bis zu 60 Prozent.

Rollenmodelle

Ein so genannter Femizid liege dann vor, erklärt Dr. Adelheid Kastner beim Gesellschaftspolitischen Stammtisch des EthikCenters der Katholischen Kirche Vorarlberg, wenn eine Frau aufgrund ihrer Geschlechterrolle getötet werde. Salopp gesagt: Diese Frauen „müssen“ sterben, weil sie Frauen sind - sich aber nicht verhalten, wie man(n) es von ihnen erwartet.

Während ihrer Arbeit als Leiterin des Kepler Universitätsklinikums für Forensische Psychiatrie in Linz und Gerichtsgutachterin in Fällen wie Josef Fritzl oder der Causa Kremsmünster habe sie festgestellt, dass sich die Täter - in der überwältigen Mehrheit der Fälle Männer aus dem unmittelbaren Umfeld der Frauen - in eine von drei motivationale Gruppen einordnen lassen: Für Täter der ersten Gruppe sei die Welt dann in Ordnung, wenn tradierte Rollenverteilungen nicht angetastet würden: Er, der Mann, bringe das Geld nach Hause und sie, die Frau, habe Heim und Kinder zu versorgen und darüber hinaus keinen Ärger zu machen. Zuwiderhandlungen werden sanktioniert - psychisch und/oder physisch. Nach außen hin, erlärt Kastner, seien diese Familientyrannen kaum zu erkennen - ihrer Kernfamilie jedoch machten sie das Leben zur Hölle. Aus solchen Beziehungen zu fliehen sei für Frauen nicht nur unheimlich schwer, sondern oft auch brandgefährlich. Weil diese Tätergruppe therapeutischen Interventionen besonders schlecht zugänglich sei, plädiert sie dafür, dass hier vor allem das Strafrecht konsequent angewandt werden müsse. Das bedeute, jede Anzeige häuslicher Gewalt so ernst zu nehmen und auszuermitteln wie einen außerhäuslichen Übergriff, und das Strafmaß mit jedem neuen Vorkommnis anzuziehen.

Die Prognose für die zweite Tätergruppe ist minimal positiver: Hier geschehe Gewalt, sobald die kommunikativen und emotionalen Kompetenzen des Mannes endeten - was relativ bald der Fall sei: „Die kommen nach einem schlechten Tag heim und anstatt zu sagen: ‚Ich hatte einen Scheiß-Tag, könnt ihr bitte ein bisschen Rücksicht nehmen‘ rutscht ihnen die Hand aus, sobald sich Frau oder Kinder nicht verhalten wie erhofft“, so Kastner. Vielen dieser Männer tue das im Nachhinein Leid - und diese Phasen der Zerknirschtheit seien eine Chance, präventiv und therapeutisch einzuwirken. Allerdings sollten sich die Frauen keinerlei Illusionen hingeben: Von allein passiere und ändere sich nichts.

Fassungslos

Am kompliziertesten sei die Sache bei Männern, die vor einem Femizid keine offensichtlichen Auffälligkeiten zeigten. „Das sind die Fälle, die uns so fassungslos machen“, so Kastner. Im Nachhinein ließen sich zwar mitunter Warnsignale erkennen, etwa eine latente Selbstbezogenheit des Mannes, die Unfähigkeit, die Partnerin „emotional zu lesen“ und Probleme oder gar subtile Trennungsvorbereitungen zu erkennen. Aber dass es für manche dieser Männer dann auf den Grundsatz „besitzen oder zerstören“ hinauslaufe, lasse die Umgebung oft ratlos zurück.

Was wir tun können

Dabei haben solche Eskalationen etwas mit uns allen zu tun: „Die gesamtgesellschaftliche Einstellung Frauen gegenüber muss sich ändern“, fordert Kastner, denn in überkommenen Rollen- und Machtzuschreibungen ortet sie die Ursache vieler verbaler und physischer Grenzüberschreitungen. Solange nur Frauen gefragt würden, wie sie Karriere und Familie unter einen Hut brächten, solange Männer sich zu „unabkömmlich“ fühlten für eine Karenz, so lange blieben Femizide ein Thema. Und das sei, stellen Kastner und Anja Natter als Leiterin der ifs FrauennotWohnung Vorarlberg während der anschließenden Diskussion klar, definitiv kein zugewandertes Problem.

Rund 50, vorwiegend weibliche Teilnehmer/innen folgten diesem Stammtisch über die Plattform Zoom und ergänzten ihre Sicht auf die Dinge im Chat: Wie man Voraussetzungen dafür schaffen könne, dass Mann und Frau in Österreich wirklich gleichberechtigt leben können. Dass Frauen vor allem in Hinblick auf physische Gewalt in Beziehungen mitunter auch Täterinnen seien. Welche Rolle Religion bei alldem spiele.

Hinsehen und Hinstehen: Das fordert neben Kastner und Natter auch Christa Bauer vom femail-Fraueninformationszentrum Vorarlberg. Es gelte, Warnsignale wahrzunehmen und die Gewaltspirale möglichst früh zu durchbrechen. Das Zauberwort heiße für alle Toleranz: Leben und leben lassen - Buben in brombeerfarbenen Hosen und Mädchen mit Karrierewunsch.

Unter www.ethikcenter.at finden Sie nicht nur eine Aufzeichnung des Stammtischs, sondern auch Adressen und Telefonnummern für Opfer von Gewalt.

Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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