Blinden- und Sehbehindertenverband lädt zu Perspektivenwechsel und Horizonterweiterung
Im Dunkeln ist gut brunchen

Einzigartige Dunkel-Erlebnisse: Wie es sich anfühlt, in völliger Dunkelheit zu dinieren oder zu frühstücken, lässt sich im „Haus Ingrüne“ ausprobieren.
  • Einzigartige Dunkel-Erlebnisse: Wie es sich anfühlt, in völliger Dunkelheit zu dinieren oder zu frühstücken, lässt sich im „Haus Ingrüne“ ausprobieren.
  • Foto: pexels.com / Rachel Claire
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Sich sein Frühstücksbrötchen schmieren, ohne einen Schimmer zu sehen? Ein ganz besonderes kulinarisches Angebot im „Haus Ingrüne“ in Schwarzach versetzt uns für kurze Zeit in die Lebenssituation sehbehinderter Menschen. Und lässt uns das Schmecken, Riechen und Tasten neu erleben. Ein Erfahrungsbericht.

Simone Fünschuss-Hofer

Stockfinster ist es. Ich sehe die eigene Hand nicht mehr. Im ersten Moment macht sich ein Gefühl des Ausgeliefertseins breit. Eine Art Hilflosigkeit, aus der ich mich im wahrsten Sinne des Wortes vorsichtig heraustasten muss. Mit diesem Ausflug ins Erholungszentrum „Haus Ingrüne“ habe ich mich auf ein Erlebnis der besonderen Art eingelassen: Einen Sonntagsbrunch in völliger Finsternis. Man weiß weder, wie der Raum aussieht, in dem man frühstückt, noch durfte man zuvor einen Blick auf den gedeckten Tisch erhaschen. Da ist keine Ritze, durch die sich noch ein Lichtstrahl kämpft. Stattdessen Dunkelheit, so weit das Auge reicht.
Von Elias Milz (28) dem Leiter des Hauses, sicher auf dem Stuhl platziert, beginnt das Frühstücksabenteuer. Meine Finger ertasten den Teller, die Kaffeetasse, zwei unterschiedliche Gläser, wandern weiter rechts und landen auf etwas Kühlem, Kugeligen. Trauben? Der Geschmacksinn bestätigt es. Eine Handlänge weiter vorgeschnittenes Obst. Oder Gemüse. Ich stecke eine Scheibe in den Mund. Eine Kiwi? Oder nein, eine Erdbeere? Komisch, dass ich das nicht sofort weiß. Dann: Gurke, Paprika, ein Camembert. Das Experiment fängt an Spaß zu machen. Ich werde wagemutiger, schnappe mir ein Gebäck und habe keine Ahnung, ob die Butter, die ich erst an den Fingern und dann hoffentlich auf dem Messer habe, auch dort landet, wo sie hingehört.

Neue Perspektive

Ich kürze ab: Je länger ich im Dunkeln tappe, umso besser funktioniert diese finstere Frühstückerei. Umso neugieriger erforsche ich jeden neuen Bissen, der sich erst über den Tastsinn ankündigt und dann über die Zunge „erschmeckt“ wird. Elias Milz ist mit diesem kulinarischen Angebot, das es auch jeden Freitagabend als Dinner-Version gibt, wirklich etwas Spannendes gelungen: Die Dunkel-Erfahrung macht sichtbar, wie automatisiert, unbewusst und federführend der Sehsinn bei uns Sehenden normalerweise Aufgaben übernimmt. Sich für ein, zwei Stunden in die Lebenssituation von blinden oder sehbehinderten Menschen zu begeben, kann zwar nicht mehr als einen Hauch von Ahnung vermitteln, aber jede praktische Erfahrung hinterlässt Erkenntnis. Wie immer, wenn man in den Schuhen von anderen gehen darf, macht das was mit dem eigenen Blickwinkel. Elias Milz: „Auf sehr genussvolle Art wollen wir dafür sensibilisieren, wie es ist, sich nicht oder kaum auf den eigenen Sehsinn verlassen zu können. Wir bekommen sehr viele positive Rückmeldungen. Meist erschrecken die Menschen zuerst ein wenig, wenn sie merken, dass der Raum wirklich komplett dunkel ist. Und dann beginnt es ihnen Spaß zu machen.“

Ende mit Sicht

Zurück zum praktischen Teil: So gut wie alle Manöver sind geglückt. Nichts ist umgekippt, der Bauch angenehm gefüllt. Bevor uns Elias Milz aus der Dunkelheit entlässt, hat er noch eine letzte Aufgabe für uns. Wir sollen ein paar Zeilen an uns selber schreiben. Die Postkarte würde dann zu uns nach Hause geschickt. Im Vergleich zum Postkarten-Schreiben war das Broteschmieren zuvor ein Kinderspiel. Ein paar Tage später werde ich sehen, dass ich mich tapfer geschlagen habe. Krakelig zwar, aber entzifferbar, meine Zeilen. Und ich werde mich gerne an das gute Gefühl erinnern, das mich durchströmte, als die Rollos wieder hochgingen und der Raum mit Tageslicht geflutet wurde. Wie seltsam, dann erst zu sehen, wo man zwei Stunden lang gefrühstückt hat. Spannend, die Differenz von Vorstellung und Wirklichkeit. Und der Blick auf all das Tischgelage, die Raumgestaltung und die plötzlich frei gewordene Fensterfront mit Bodensee-Panorama bei strahlendem Sonnenschein. Zur Nachahmung wärmstens empfohlen: www.bsvv.at/haus-in-gruene/

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 21 vom 27. Mai 2021)

Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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