Wir müssen zusammenhalten

Als Generalsekretärin ist Ines Stilling die Schnittstelle zwischen Rudi Anschober und dem Gesundheitsministerium. Als Übergangsministerin war sie für Frauen, Familie und Jugend zuständig. Eine Frau, die Herausforderungen annimmt und Chancen nützt.

Ines Stilling, Sie sind seit drei Monaten Generalsekretärin des Gesundheitsministeriums. Diese Stelle ist normalerweise nicht im Rampenlicht. Was macht eine Ministerialgeneralsekretärin?
Ines Stilling:
Es ist die Schnittstelle zwischen der Politik, also dem Minister mit seinem Kabinett, und der Verwaltung. Ich vertrete den Minister bei Terminen, ich koordiniere, was im Ministerium mehr als eine Sektion angeht. In dieser Regierung gibt es, wie schon unter Türkis-Blau, in jedem Ministerium eine Generalsekretärin oder einen -sekretär. Wir koordinieren auch die Projekte, die mehr als ein Ressort betreffen.

Davor waren Sie viele Jahre in der Frauenpolitik. Als Frauen-, Familien- und Jugendministerin, aber auch schon als Sektionschefin im Bundeskanzleramt. Geht Ihnen die Frauenpolitik ab?
Stilling:
Die Themen sind mir weiterhin wichtig. Ich kann sie jetzt auf einer anderen Ebene weiter bearbeiten. Das Thema Gesundheit ist für Frauen zentral, egal, ob es die klassischen Frauengesundheitsthemen sind oder ob es zum Beispiel um Frauen in der Pflege geht, als Pflegende und als die zu Pflegenden (die mehrheitlich Frauen sind). Frauenpolitik lässt mich nicht los.

Ihr Vorgänger im Amt, Stefan Wallner, war Generalsekretär der Katholischen Hochschuljugend und der Caritas. Sie haben in Ihrem beruflichen Lebenslauf keine kirchlichen Spuren. Und privat?
Stilling:
Ich bin in der Steiermark katholisch aufgewachsen, getauft, gefirmt, getraut – das ganze Paket. Aus der Perspektive, wie jede Religion mit Frauen und Gleichstellungsfragen umgeht, habe ich natürlich immer wieder meine Haderpunkte, weil das sehr stark patriarchal gewachsene Strukturen sind. Da hinterfragt man sich selber immer wieder, wie passt man da eigentlich dazu? Ich glaube aber, dass ein Bezug zu einer Religion wichtig ist, weil es Fragen im Leben gibt, die man für sich allein nicht wirklich lösen kann. Daher ist es wichtig, dass man sich mit einer Religion auseinandersetzt. Es war mir auch wichtig, dass meine Kinder getauft sind. Wie sie sich dann selber einmal entscheiden, steht ihnen frei. Aber es war mir wichtig, ihnen einen Rahmen mitzugeben. Wenn man es von den Werten her betrachtet, für die die katholische Kirche steht: Nächstenliebe, Toleranz, aufeinander Rücksicht nehmen und einander als Menschen wertschätzen, wie man ist: Das sind Werte, die man weltweit gut brauchen kann. Und ich denke, wenn man in Österreich aufwächst und die Feiertage begeht, sollte man sich einmal die Frage gestellt haben, was sie bedeuten.

Schade, dass bei hochrangigen interreligiösen Treffen, so hoffnungsvoll und wertvoll sie auch sind, nur Männer zusammenkommen ...
Stilling:
Ja, die Religionen spießen sich fast alle mit der Gleichstellung der Frauen. Es gibt aber überall sehr starke Frauenorganisationen. Gerade die Katholische Frauenbewegung ist beeindruckend engagiert, wie sie Themen aufgreift und zum Thema macht, und mit welcher Hartnäckigkeit. Das ist bewundernswert. Wie überall, in der Wirtschaft und sonstwo, gibt es Widerstände. Aber diesen positiven Zugang und diese Motivation findet man selten.

Wie sieht eine gerechte Gesellschaft aus und wie kommen wir dahin?
Stilling:
Meine Vision ist, dass jeder Mensch das tun kann, wo die eigenen Stärken und Interessen liegen. Wie wir dahin kommen, das ist noch ein spannender Weg, weil das ja auch bedeutet, dass jeder Mensch weiß, was er oder sie möchte. Das braucht Reife. Und dass wir von der Vorstellung wegkommen, dass jemand einen wichtigeren oder weniger wichtigen Job macht. Wir brauchen alle Beiträge, damit die Gesellschaft funktioniert. Die Covid-Pandemie hat einen Fortschritt gebracht, dass wir das erkennen. Jeder von uns leistet auf die eigene Art und Weise einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Wenn wir das gegenseitig anerkennen würden, wären wir schon ziemlich weit. Wenn wir verinnerlichen, dass wir alle unseren Beitrag leisten, kommen wir auch dazu, dass der Einkommensunterschied zwischen einer Managementposition und einer Stelle im Sozialbereich gar nicht so groß sein muss.

Der Einkommensunterschied ist ja von jeder Relation losgelöst.
Stilling:
Ja, wir können ihn aber national nicht lösen. Wenn wir gute Leute im Management haben wollen, werden wir sie etwa in internationalen Konzernen nicht bekommen, wenn sie nicht ähnlich wie in anderen Staaten bezahlt werden. Man kann im europäischen Bereich darüber diskutieren, ob es solche Spannen geben muss. Wir müssen uns auch überlegen, was uns wie viel wert ist. Brauchen wir T-Shirts, die zwei Euro kosten? Die wir nach dreimal waschen wegschmeißen? Wenn ich das will, darf ich mich nicht wundern, dass es irgendwo auf der Welt Menschen gibt, die für einen Hungerlohn im Akkord T-Shirts nähen müssen. Das Thema kann man nur global angehen.

Die Anforderungen an das Gesundheitsministerium sind durch Corona enorm. Was sind die größten Stolpersteine?
Stilling:
Die größte Herausforderung ist, dass man eine Pandemie nicht planen kann. Wir haben zwar sechs Monate damit gelebt und haben Erfahrungswerte. Aber ob wir für alles wirklich gut vorbereitet sind – und da meine ich nicht nur das Gesundheitsministerium, sondern auch andere Ressorts – das werden wir ehrlicherweise erst später sehen. Es haben sich ganz viele Menschen ganz viel überlegt. Wie können wir die Menschen in diesem Land schützen, unterstützen und trotzdem Freiheiten schaffen? Das ist ja immer ein Spagat. Da haben wir ganz viel gelernt in den letzten sechs Monaten. Aber ob wir wirklich alles bedacht haben, ist nicht berechenbar. Wir hoffen alle, dass die Impfungen schützen werden und dass es Medikamente zur Behandlung geben wird. Aber wie die Impfungen wirklich wirken, für wen sie etwas Gutes bringen werden, das weiß noch niemand. Das Nichtwissen ist die größte Herausforderung für alle.

Wie lange wird die Lage noch unsicher sein?
Stilling:
Ich schätze, dass wir frühestens Anfang nächsten Jahres oder auch ein paar Monate später die Lage im Griff haben. Wir müssen aber lernen: Das wird nicht das Letzte gewesen sein. Es kann jederzeit wieder eine Erkrankung über die Welt hereinbrechen. Wie wir damit umgehen wollen, da müssen wir noch viel Hirnschmalz investieren. Kontakte zu reduzieren, Abstand zu halten, das schafft der Mensch eine Zeit lang. Aber der Kontakt ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Und wie wir damit umgehen, was das weltweit für Auswirkungen hat, das ist die Frage, wenn wir mit der ersten Pandemie fertig sind. Wie kann man als Weltgesellschaft international zusammenstehen, um Ausgleich zu schaffen. Wir sind in Österreich in einer privilegierten Situation. Ökonomisch gibt es negative Auswirkungen, aber wir werden sie bewältigen, wir haben ein Gesundheitssystem, das sehr stabil geblieben ist, sodass man sich keine Sorgen um die medizinische Versorgung machen muss. Wir haben genug Trinkwasser, brauchen nur den Wasserhahn aufzudrehen. Viele Menschen am afrikanischen Kontinent müssen sich fragen, ob sie sich Covid aussetzen, wenn sie Trinkwasser holen gehen. Wir müssen uns überlegen, wie wir als Welt zusammenhalten. Wir haben alle nichts davon, wenn es uns hier gut geht und dem Rest der Welt nicht. Die Pandemie wird uns noch lange beschäftigen.«

herbstfrisch
mit Ines Stilling

Ines Stilling (44) kommt aus Graz. Nach dem Jus-Studium und dem Gerichtsjahr begann sie als Abteilungsleiterin eines Handelsunternehmens zu arbeiten, wechselte nach zwei Jahren zur Arbeiterkammer als Referentin für Mutterschutz und Kinderbetreuungsgeld. Danach kam sie als Expertin für Arbeitsmarkt und Vereinbarkeit zur Frauenministerin ins Bundeskanzleramt, wurde nach wenigen Jahren Büroleiterin und dann Sektionschefin für Frauenangelegenheiten und Gleichstellung. In der Übergangsregierung von Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein war sie 2019 Ministerin für Frauen, Familie und Jugend. An die Stelle als Sektionschefin kehrte sie nur kurz zurück, weil sie im Juni 2020 als Generalsekretärin ins Ministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz übersiedelte.
Persönlichkeiten im Gespräch

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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