Hilfe für Flüchtlinge aus der Ukraine
„Einen friedlichen Himmel über dem Kopf der Kinder“

Oberösterreichs Generaldechant Slawomir Dadas hat bislang zwei Hilfstransporte in seine polnische Heimatstadt Garwolin gebracht, damit dort Pfarre und Gemeinde ukrainische Flüchtlinge unterstützen können. Nun hat er gemeinsam mit der Caritas- Regionalkoordinatorin Ulrike Hois Garwolin besucht. Die KirchenZeitung hat sie begleitet.

Sascha hat Angst

Der 32-jährige Ukrainer ist groß gewachsen und hat muskulöse Arme. Vom Aussehen her könnte man sich eher vor ihm fürchten. Doch die Monate seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben ihm psychisch zugesetzt. Er arbeitet als Kraftfahrer, der von der polnischen Grenzpfarre Wola Uhruska regelmäßig Hilfsgüter holt.

Er transportiert die wertvolle Fracht 65 Kilometer weit in die Ukraine in ein großes Flüchtlingslager, das in einem ehemaligen Campinggelände untergebracht ist. Viele der Flüchtlinge schlafen auf Matratzen, die mit dem ersten Transport aus Wels, wo Slawomir Dadas Pfarrer ist, in die Ukraine gekommen sind, erzählt Sascha. Und auch Lebensmittel aus Wels bringt er regelmäßig ins Lager.

Angst als Begleiter

Der Krieg zehrt an den Nerven, aber noch mehr setzt Sascha das mangelnde Vertrauen unter den Flüchtlingen zu. Durch die hohe Zahl an Flüchtlingen aus unterschiedlichen Regionen des Landes herrscht im Lager eine große Unübersichtlichkeit.

Der Verdacht, dass Russland Spione eingeschleust hat, hält sich hartnäckig. Vor ihnen hat Sascha Angst. Denn seine Aufgabe würde ihn zu einem bevorzugten Ziel machen. Darum bittet er, dass er, seine Frau und seine beiden Kinder nur von hinten fotografiert werden. Er hat seine Familie in den Pfarrhof von Wola Uhruska mitgebracht, wo er mit dem örtlichen Kaplan Slawomir Ochnik, der kleinen Delegation aus Oberösterreich und der Bürgermeisterin und dem Pfarrer von Garwolin, Marzena Swieczak und Stanisław Szymus, zusammentrifft. Die beiden sorgen sich nicht nur um die Flüchtlinge in ihrer eigenen Stadt, sie blicken über den Tellerrand.

Sie bringen auch einen Teil ihrer Hilfsgüter, die oftmals aus Wels stammen, in die zweieinhalb Stunden Fahrt entfernte Pfarre Wola Uhruska. Die Pfarre liegt in einem entlegenen, armen Landstrich. Das Dorf kann selbst keine nennenswerte Menge an Hilfsgütern stellen, durch seine Lage unmittelbar an der Grenze ist es aber ein Brückenkopf in die Ukraine.

Die Familie glücklich sehen

Sascha freut sich, dass er dank seines Einsatzes als Chauffeur regelmäßig Frau und Kinder sehen kann. Sie leben in Polen als Flüchtlinge. Wegen seines Jobs darf er – obwohl im wehrfähigen Alter – die Ukraine regelmäßig kurzzeitig verlassen. Er führt seinen Dienst mit großer Akribie durch. Für jede Ladung gibt es genaue Listen, jede Übergabe wird penibel bestätigt. Angst machen ihm nicht nur mögliche russische Agenten, sondern auch, dass der Krieg nicht enden will.

Mit jedem Kriegstag nimmt die Möglichket zu, dass er zur ukrainischen Armee eingezogen wird. „Ich könnte auf keinen Menschen schießen. Ich glaube, ich kann das nicht“, sagt Sascha, der vor dem Krieg als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter bei polnischen Bauern sein Auskommen verdient hat.

Er hat keine vermessenen Wünsche an das Leben. Er möchte mit seiner Hände Arbeit seiner Familie ein Leben in Würde ermöglichen. Und in Frieden: „Ich wünsche mir einen friedlichen Himmel über dem Kopf der Kinder. Ich möchte, dass sie Kinder sein können.“ Wann sein Wunsch in Erfüllung geht, darüber wagt niemand eine Prognose.

Der Krieg wird dauern

Zwei große Firmen in Garwolin finanzieren bereits Polnischkurse für ukrainische Flüchtlinge, berichtet die Bürgermeisterin Swieczak. Die Unternehmen gehen davon aus, dass der Krieg noch lange dauert. Und dass keineswegs gewiss ist, dass Europa nicht stärker involviert wird. So beurteilt zumindest die NATO die Lage.

Die Bürgermeisterin, die trotz der zusätzlichen Arbeitsbelastung durch den Krieg den Humor nicht verloren hat, erklärt, woher sie das weiß. Im Büro eines NATO-Offiziers, zu dem sie Kontakt hat, schaut sie jedesmal, wie weit sein Einsatzrucksack von der Tür entfernt steht. Je näher, desto ernster die Lage. „Er lehnt zurzeit unmittelbar bei der Tür“, meint sie und wird umgehend sehr ernst: „Die Ukrainer haben als erstes stopp zu Putin gesagt. Uns Polen ist bewusst, dass die Ukrainer für Europa kämpfen. Darum können sie auf unsere Solidarität zählen.“

Gegen den Neid ankämpfen

Je länger der Krieg dauert, desto weniger darf sie auch die eigenen, die polnischen Bedürftigen aus den Augen verlieren. „Wir versuchen, alles parallel zu machen, und ich habe die Beamten angewiesen, die eigenen Armen noch unbürokratischer als bisher zu behandeln.“

Die Bürgermeisterin will von Anfang an keine Stimmung gegen die 500 Flüchtlinge in der 17.550 Einwohner zählenden Stadt aufkommen lassen.

Zugehen auf orthodoxe Christen

Zwar nicht politisch, aber pastoral ist auch Garwolins Pfarrer gefordet. Er bemüht sich, für die ukrainischen Christen Ansprechpartner zu ein. Zu Ostern hat die Pfarre für die Ukrainer Osterkörbe zur Speisenweihe vorbereitet. „Da in der Ukraine ohne Speisenweihe nicht richtig Ostern wird, waren die Leute sehr berührt“, erzählt Pfarrer Stanisław Szymus. «

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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