Ökumenisches Bibelprojekt begeistert hunderte Menschen
Verbindendes Projekt Corona-Bibel

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Ein ökumenisches Team aus der Schweiz stellte kurz vor dem ersten Corona-Lockdown im März ein tolles Bibel-Projekt auf die Beine. Mitgemacht haben rund 1000 Menschen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und anderen Ländern, die per Hand Kapitel aus der Bibel abgeschrieben und an das Team gesandt haben. Herausgekommen ist die St. Galler Corona-Bibel, die aktuell online abrufbar ist.

Blättert man in der Online-Ausgabe der Corona-Bibel, so kommt man ins Staunen. Die per Hand geschriebenen und oft künstlerisch gestalteten Seiten machen neugierig und laden ein, weiterzublättern. In den Kopf kommen einem dabei unweigerlich alte Handschriften in Bibliotheken oder Archiven. Vor allem im frühen Mittelalter wurden in den Schreibstuben, den so genannten Skriptorien, die es meistens in Klöstern gab, Texte per Hand verfasst und mit wunderschönen Initialbuchstaben oder Bordüren künstlerisch geschmückt und verziert. Mit dieser alten Tradition haben sich die Beteiligten des Corona-Bibel-Projekts durch ihre händisch abgeschriebenen Passagen aus der Bibel nun also verbunden.

Hohe Beteiligung
Initiator des zunächst für die Schweiz angedachten ökumenischen Konzepts der Corona-Bibel ist Uwe Habenicht. Der reformierte Pfarrer und Theologe hat es gemeinsam mit dem Team der katholischen Cityseelsorge St. Gallen kurz vor dem ersten Lockdown im März begonnen umzusetzen. Insgesamt wurden 1189 Kapitel der Bibel vergeben und handschriftlich abgeschrieben. Entstanden sind rund 4000 Seiten in 7 Bänden, die aktuell online durchgeblättert und bestaunt werden können. Wie viele Menschen tatsächlich an diesem Projekt teilgenommen haben, weiß man nicht genau. „Einige Leute haben mehrere Kapitel geschrieben. Andere Familien oder Gruppen haben sich ein Kapitel untereinander aufgeteilt. Da nicht alle mit ihrem Namen unterzeichnet haben, konnte wir auch nicht durchzählen. Wir gehen davon aus, dass zwischen 900 und 1000 Menschen mitgemacht haben“, sagt Uwe Habenicht. Wenige Tage nach dem Projektstart war klar, dass auch Menschen aus Österreich, Deutschland, Frankreich und sogar aus den USA großes Interesse daran bekundeten und ebenfalls mitwirkten.

Zeitgemäße Spiritualität
Pfarrer Habenichts Beweggründe, die Corona-Bibel ins Leben zu rufen, sind ganz klar: Er wollte sich dieser Krisensituation nicht tatenlos hingeben und ausliefern. Also mussten Möglichkeiten auf die Beine gestellt werden, „um gerade in dieser Zeit der Isolierung die Menschen nicht völlig alleine zu lassen, sondern ihnen das Gefühl zu geben, etwas tun zu können und gemeinsam Verbindendes zu schaffen.“ Das Projekt war laut dem Theologen nicht nur ein Geistesblitz, sondern auch das Ergebnis einer sehr langen intensiven theologischen Arbeit im Hinblick darauf, „wie Spiritualität heute sein muss, damit Menschen sie auch aufnehmen und in ihr Leben integrieren.“ Es gehe dabei auch um Formen zeitgemäßer Spiritualität, die Habenicht in seinem Buch „Freestyle religion“ zum Thema machte. „Wichtig ist, den Menschen viel Freiraum zu lassen, eine eigene Form der Spiritualität zu entwickeln. Das Corona-Bibel-Projekt gehört auch mit in diesen Rahmen.“

Deutungshoheit abgegeben
Roman Rieger, Leiter der katholischen Cityseelsorge St. Gallen, sieht es ähnlich. „Für mich war dieses Projekt ein Lernfeld im Bereich Kirche und Theologie. Wir haben dabei die Deutungshoheit abgegeben. Ich glaube, das ist etwas, was wir als Kirche noch viel stärker lernen müssen.“ Es wurde, so Rieger, nicht vorgeschrieben, welche Übersetzung gewählt werden muss und in welcher Sprache man schreiben soll. „Die Menschen konnten frei kommentieren und illustrieren. Ich glaube, dieses Loslassen, nicht zu kontrollieren und den Menschen etwas zuzutrauen ist ein Schlüssel auch für die Zukunft der Kirche. Das hat mich sehr begeistert.“ Es sei ein tolles Gemeinschaftswerk entstanden, das sich zusammensetzt aus Menschen verschiedenster Bereiche, Altersstufen und Glaubensrichtungen. „Es gab auch Atheisten, die mitmachten und das auch hingeschrieben haben“, erzählt Roman Rieger.

Seelsorge

Dass dieses Projekt auf so viel Anklang stößt und „Menschen mit Hingabe geschrieben, gestaltet, gemalt und gezeichnet haben, das ist einmalig“, sagt Pfarrer Uwe Habenicht. Dass die Corona-Bibel „so etwas Großes“ werden würde, damit hat auch Roman Rieger von der Cityseelsorge nicht gerechnet. Der katholische Theologe, der ursprünglich aus dem technischen Bereich kommt, zog innerhalb von einer Woche eine Website hoch. Mit jenen Teilnehmern, die am Computer nicht so fit waren, gab es auch viele Gespräche per Telefon. „Dabei haben wir viel erfahren über die Situation der Menschen zu Hause. Da gab es auch tragische Geschichten von Leuten, in deren Umfeld Menschen an Corona gestorben sind“, sagt der Seelsorger.

„LichtZeichen“

Die „wunderbare Bibelausgabe“ soll nun auch in der durch Corona schwierigen Advent- und Weihnachtszeit den Menschen zu Hilfe kommen. „LichtZeichen“ – so heißt die neue Idee des ökumenischen Teams. „Alle, die Lust haben, laden wir ein, jeden Tag ein Kapitel aus der Corona-Bibel zu lesen und daraus einen Satz herauszuschreiben. Der kann dann entweder zu Hause an eine Wand gepinnt und auch Freunden oder Verwandten zugeschickt werden“, sagt Uwe Habenicht. Mit solchen ,LichtZeichen‘ wolle man, so der Theologe, mit den Leuten durch diese dunkle Zeit gehen.

Würdiger Platz

Mittlerweile wurden die sieben Bände der Original St. Galler Corona-Bibel gebunden. Die Einbände werden derzeit noch künstlerisch gestaltet. Am 14. März 2021, dem Jahrestag des Lockdown, soll sie an die Stiftsbibliothek des St. Galler Benediktinerklosters übergeben werden. So erhält die Corona-Bibel einen würdigen Platz an einem Ort, der schon eine Vielzahl an Handschriften beherbergt.

- Online-Corona-Bibel: www.coronabibel.ch
- Adventprojekt „LichtZeichen“:
www.coronabibel.ch/#/de/advent-2020

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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