Referent des Bibelwerks
Der Pilgerweg als Symbol für den Weg des Lebens

Reinhard Stiksel mit seiner Frau Beatrix unterwegs auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela in Spanien.
  • Reinhard Stiksel mit seiner Frau Beatrix unterwegs auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela in Spanien.
  • Foto: © Beatrix Stiksel, www.bibelwerklinz.at
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Als Auftakt zur Sommerserie „Beten mit den Füßen“ gibt der Referent des Bibelwerks Linz Einblicke rund ums Pilgern, worauf man beim Rucksackpacken achten soll und welche Bereicherung das Pilgern in sich birgt.

Was schätzen Sie am Pilgern?
Reinhard Stiksel: Zeit zu haben – für wichtige Fragen, um aufs Leben zu schauen, um über Dinge nachzudenken. Die Zeit zu nutzen, konkret auch fürs Gebet. Gerade das Gehen bietet viel Freiraum im Kopf und offenbart auch reichlich Raum für Gespräche. Das schätze ich sehr. Und natürlich ist Pilgern auch ein Begegnen und sich Austauschen mit anderen Pilgern oder Menschen, die in den Gegenden entlang des Weges wohnen. Dazu gesellt sich die Möglichkeit, die Natur zu genießen, neue Kunst und Kultur kennenzulernen und auf alten Wegen unterwegs zu sein, die von Pilgern im Mittelalter schon genutzt wurden.

Wann hat Sie die Pilgerleidenschaft gepackt?
Stiksel: Die wurde 2006 nach der Matura entfacht. Wir sind damals mit unserem Klassenvorstand von der Schule weg im oberösterreichischen Kremsmünster gestartet und ins steirische Mariazell gepilgert – als Dank an die Schulzeit. Diese vier Tage waren für mich etwas ganz Besonderes. Als Fußpilger länger unterwegs zu sein, kam dann vor vier Jahren mit meiner Frau Beatrix auf. Unsere erste Route war der Franziskusweg in Italien, die Via Francigena, von Florenz über Assisi nach Rom. Eine wunderschöne Erfahrung war auch der Weg nach Santiago de Compostela. Dort findet ja heuer das Heilige Jahr statt (Anm.: siehe Kasten). Jeder Weg hat seinen eigenen Rhythmus, die unterschiedlichen Gegenden und Orte bieten immer wieder neue faszinierende Landschaften, die Leute, die man trifft, kommen aus den verschiedensten Ländern. Das finde ich vielfältig und spannend.

Worauf achten Sie beim Rucksackpacken?
Stiksel:
Mittlerweile weiß ich aus Erfahrung, dass mehr als 12 Kilo im Rucksack zu einer schweren Last werden, vor allem, wenn ich sie vier Wochen beim Unterwegssein am Rücken tragen muss. Sich gut vorzubereiten, ist deshalb wichtig. Entscheidend ist, mich zu fragen, was brauche ich wirklich, was ist notwendig und was kann ich ein Stück weit loslassen. Im Laufe der Zeit haben meine Frau und ich gemerkt, dass man auch mit wenig Gepäck gut auskommt, und wir haben das eine oder andere Kleidungsstück zu Hause gelassen. Entlang des Weges gibt es ja Gelegenheiten, Wäsche zu waschen. Auch die Lektüre hat sich bei uns auf einen guten Pilgerführer reduziert. Das erleichtert den Rucksack enorm. Durch die Gastfreundschaft und die Möglichkeit, Unterkünfte zu haben, kann man auch auf eine Isomatte als Schlafunterlage verzichten.

Was macht das Pilgern mit Ihnen?
Stiksel:
Auf dem Weg nach Santiago de Compostela 2019 versuchte ich, belastende Situationen meines Lebens einzuordnen und ein Stück weit zu überwinden. Ich nahm mir drei kleine Steine mit als Symbol für jedes dieser Themen, die mich beschäftigten, um sie in finis terrae, quasi am Ende der Welt, ins Meer zu hauen und mich von ihnen zu lösen.

Ist Ihnen das gelungen?
Stiksel:
Ein Jahr später auf dem Weg nach Rom waren sie immer noch da. Mir wurde bewusst, dass ich durch den Blick zurück auf diese Zeit die Themen, die ich zu bewältigen habe, nicht einfach auslöschen kann. Aber klar war mir auch, dass ich mich als Mensch verändert habe und mit diesen schwierigen Erfahrungen nun besser umgehen kann. Durch das Pilgern hat sich mein Horizont erweitert und es eröffneten sich dadurch neue Perspektiven. Der Pilgerweg steht hier sinnbildlich für den persönlichen Lebensweg, die eigenen gesammelten Erfahrungen von einer anderen Sichtweise zu betrachten.

Das Gehen stößt Prozesse an, um Themen zu verarbeiten. Das geht in Etappen und braucht Zeit ...
Stiksel:
Genau. Und diese Etappen ähneln jenen auf einem Pilgerweg. Manchmal geht es leichter, manchmal schwerer, manchmal geht es bergauf, dann wieder bergab, manchmal geht es gerade dahin und ab und zu kommt man drauf, dass man einen Umweg gegangen ist oder im Kreis unterwegs war. Diese Erlebnisse finde ich so toll am Pilgern, weil sie viel mit dem Leben zu tun haben. Deutlich wird das auch durch die Labyrinthe entlang von Pilgerwegen wie im italienischen Lucca in der Toskana. Fährt man das Finger-Labyrinth am Dom nach, lassen einem die vielen Windungen, die dieses Labyrinth nimmt, denken, man ist kurz vor dem Ziel. Doch dann geht es wieder weg, bis man plötzlich überraschend dort ankommt, wo man hinmöchte. Diese Erfahrungen teilen wir mit Menschen aus vielen Nationen und mit unterschiedlichen Sprachen. Und mit Menschen, die schon vor Jahrhunderten gepilgert sind.


Welche Situationen sind es, in denen Sie losgehen?
Stiksel:
Ein Anlass war unsere Hochzeit. Nachdem meine Frau und ich geheiratet hatten, machten wir uns auf den Weg nach Santiago de Compostela und nutzten die Zeit für uns als Startmoment ins gemeinsame Eheleben. Ein Jahr davor war der Vater meiner Frau gestorben. Wir versuchten, die Trauer darüber im wahrsten Sinne des Wortes anzugehen, und sind nach Rom gepilgert. Es sind Lebensthemen, Übergangs- und Umbruchsituationen im Leben, die nicht nur bei uns beiden, sondern bei ganz vielen Pilgerinnen und Pilgern Anstoß dafür sind, aufzubrechen. So fragen sich viele Studenten, wie es nach dem Studium weitergeht. Oder Menschen pilgern, weil sie sich in Trennungssituationen befinden, ein Kind verstorben ist oder sie trauern, weil ein geliebter Mensch einfach nicht mehr da ist. Geführte Pilgergruppen mit Pilgerbegleiterinnen und -begleitern sind da oft eine große Hilfe, um schwierige Lebensphasen zu thematisieren.


Was versteht man konkret unter Pilgern?
Stiksel:
Die Bedeutung des Pilgerns wird bereits im Alten Testament beschrieben. Damals wie heute sind die Menschen auf der Suche nach Sinn in ihrem Leben, nach Antworten, auf der Suche nach sich selbst und nach Gott. Pilgern zeichnet sich durch das Losgelöstsein von der gewohnten Umgebung aus, durch das Weggehen von daheim. Es ist verknüpft mit geschichtlich traditionellen Formen des Unterwegsseins und einem Sich-auf-den-Weg-Machen zu heiligen Orten oder Zentren. Pilgerwege sind religiös begleitet mit Klöstern und Kirchen entlang des Weges. Beim Pilgern setzt man sich neue Ziele. Und man merkt, dass diese Ziele trotz der Anstrengung des Tages, die viel abverlangt, machbar und schaffbar sind. Das gibt ein gutes Gefühl und kann sehr heilsam sein.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen Pilgern und Wandern?
Stiksel:
Wandern kann ich schnell einmal, indem ich auf einen Berg gehe oder mich mit meiner Frau auf einen der vielen Wanderwege mache und einen schönen Tag in der Natur verbringe. Beim Pilgern stelle ich diesen Weg wie gesagt ganz besonders unter das Motto der Sinnsuche. Das muss nicht nur ein konkret konfessioneller oder religiöser Hintergrund sein. Nach Santiago pilgert eine große Bandbreite von Menschen, die sich auf Sinnsuche begeben. Natürlich gibt es auf Pilgerwegen auch Leute, die nur wandern oder günstig Urlaub machen wollen. Das ist auch legitim.

Hatten Sie persönlich während des Pilgerns schon Gotteserfahrungen?
Stiksel:
Gott kann auf Pilgerwegen in vielen Arten und Weisen erfahrbar werden. Bei mir war es so, dass ich mich manchmal selbst plötzlich mehr spürte und stärker bei mir war, weil ich an meine Grenzen gegangen bin. Auch der Sonnenuntergang am Meer in Moxía im Nordwesten Spaniens hat starke Emotionen in mir ausgelöst. Tief gegangen sind auch die vielen Gespräche oder Begegnungen, die das eigene Leben reflektieren. Dafür braucht es nicht immer ein religiöses Ziel, aber die eine oder andere Erfahrung, die sich im Nachhinein vielleicht schon als eine Gotteserfahrung einordnen lässt. Wichtig ist, sich schrittweise einzulassen und offen zu werden dafür, was mit mir auf diesem Weg geschieht, welche Fragen da sind, und diese durchaus auch in den Horizont des Gebetes zu stellen. Für mich ist es ein großes Geschenk, dass ich mich mit meiner Frau in Ruhe in einer Kirche oder Kapelle hinsetzen kann, es möglich ist, an Gottesdiensten entlang von Pilgerwegen teilzunehmen und in der Natur einen Psalm oder das Vaterunser zu beten und Danke zu sagen für all das, was man erfährt. Denn der Alltag mit seinen Herausforderungen bietet dafür selten Möglichkeiten. «

- Buchtipp: Reinhard Stiksel: „Pilgern mit der Bibel.“, Tyrolia-Verlag 2021, Euro 14,95.

Das Heilige Jahr in Santiago de Compostela

Wenn der Tag des heiligen Jakobus auf einen Sonntag fällt, findet ein Heiliges Compostelanisches Jahr in Santiago de Compostela (Spanien) statt. Heuer am 25. Juli ist das der Fall. Die Stadt ist Wallfahrtsort und Ziel des Jakobsweges. Das Heilige Jahr beginnt am Abend des 31. Dezember des Vorjahres mit der Öffnung der Heiligen Pforte der Kathedrale in Santiago. Dabei klopft der Erzbischof von ­außen an die Mauer, die den Zugang verdeckt. In den folgenden zwölf Monaten bleibt die Tür für Pilger geöffnet.

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Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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