Klima
"Dann hast man sich nichts vorzuwerfen"

Helga Kromp-Kolb gilt als eine der renommierteste Klimaforscherinnen. Ein Gespräch über Werbeverbote, die Kraft der päpstlichen Umweltenzyklika und den Umgang mit schlechten Klimanachrichten.

Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem Klimawandel. Aber hätten Sie vor zwanzig Jahren damit gerechnet, dass wir den Klimawandel auch in Österreich heute schon so deutlich spüren und sehen können?

Helga Kromp-Kolb: Doch das war vorhersehbar und das kann man auch nachlesen in meinen Publikationen. Was ich nicht erwartet hätte ist, dass wir es bis jetzt noch nicht geschafft haben eine wirkliche Klimapolitik zustande zu bringen, weil wir unsere Emissionen nach wie vor nicht reduziert haben.

Wie gut können Sie sich als Klimaforscherin Gehör verschaffen bei den Politikerinnen und Politikern? 

Kromp-Kolb: Das Problem ist, das mir im Zwiegespräch die meisten Politiker ohnehin recht geben. In der politischen Praxis wird es dann aber nicht umgesetzt. Das hat sehr viel damit zu tun, dass es starke Interessensvertretungen gibt, die sich gegen Klimaschutz wehren. Das sind Wirtschaftsvertreter und zum Teil Gewerkschaften, die glauben, dass es für ihre Mitglieder nachteilig sein wird, was ich glaube eine Fehleinschätzung ist. Das erkennt man am Fall der deutschen Autoindustrie, die ist jahrzehntelang von Bundeskanzlerin Merkel geschützt worden vor allen Versuchen der EU sie klimafreundlicher zu machen. Da wurden Abgasnormen und vieles mehr immer wieder verhindert. Jetzt sind sie in der Bredouille, weil sie sozusagen am Markt vorbeiproduzieren. Sie müssen das in aller Schnell aufholen, was andere Firmen in Japan und China schon lange vorher vorbereitet haben. So ähnlich kann es unserer Wirtschaft gehen. Manche Wirtschaftsvertreter versuchen den Status Quo zu schützen aber der ist auf Dauer nicht haltbar.

Wenn Sie eine machtvolle Politikerin wären, welche drei Klimaschutzmaßnahmen würden Sie sofort umsetzen

Kromp-Kolb: Ich glaube nicht, dass man mit drei Maßnahmen das Problem lösen kann, aber es gibt ein paar Sachen die wesentlich sind. Es mag überraschen, aber ich würde z.B. die Subventionen für Werbung streichen. Werbung dient heute nur noch als Anreiz mehr zu kaufen. Das sollten wir nicht mehr fördern durch Steuerabsetzbarkeit der Werbung für Firmen. Ich würde selbstverständlich sofort alle Subventionen, die alle fossilen Brennstoffe fördern streichen. Das hat sich zwar bereits die letzte österreichische Regierung vorgenommen aber de facto geht es keinen Schritt weiter aber. Auch im Verkehrsbereich ist es offenkundig, was zu tun wäre: Verkehrsbeschränkungen, Parkraumbewirtschaftung das gehört alles zusammen, das ist ein Paket von Maßnahmen das muss ineinandergreifen mit sozialen Maßnahmen, weil es immer Menschen gibt die unter einen bestimmten Beschränkung leiden. Für die muss man Vorsorge treffen. Klimapolitik und Sozialpolitik müssen Hand in Hand gehen.

Wo finden Sie Verbündete in der Zivilgesellschaft für den Klimaschutz, auch in Religion und Kirche?

Kromp-Kolb: Ich seh in der Kirche großes Potenzial, wenn die Kirche die Umweltenzyklika des Papstes ernst nehmen würde, wären schon großen Schritt weiter da steht vieles klarer drinnen als in manch politischen Manifest. In meiner Wahrnehmung wird die Umweltenzyklika außerhalb der Kirche fast mehr beachtet als innerhalb.

Sie sprechen im Konjunktiv, das heißt sie sehen in der Praxis noch Luft nach oben?

Kromp-Kolb: Ja, da sehe ich noch Luft nach oben. Wobei wie in allen Bereichen gibt es ein breites Spektrum. Es gibt Pfarren, die sind vorbildlich und andere sehen noch nicht, dass das Thema Klimaschutz sie betrifft.
Aus heutiger Sicht: Schaffen wir das Ziel den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen?
Kromp-Kolb: Aus naturwissenschaftlicher Sicht ja, ob es aus politischer und Gesellschaftlicher Sicht auch noch machbar ist, weiß ich nicht, wenn wir uns weiter ablenken mit Kriegen und ähnlichen was nicht förderlich ist für Umweltschutz. Wenn Krieg herrscht, können sich Menschen nicht um Nachhaltigkeit kümmern. Aber es ist einfach wichtig, dass jede alles tut was in ihrer Macht steht. Wenn es dann nicht gelingt dann hat man sich zumindest nichts vorzuwerfen. Dann hat man alles getan was man konnte. In dem Sinn gibt es gute Chance dass wir die Klimaziele schaffen sind. Wenn aber jeder nur schaut, ob die anderen auch etwas tun, verlieren wir Zeit weiterhin wie wir sie bisher verloren haben.

Die schlechten Nachrichten häufen sich beim Klima. Wie gehen Sie persönlich damit, wie können Sie sich Mut und Zuversicht bewahren??

Kromp-Kolb: Das ist ein Wechselbad. Wenn man sich anschaut wie zögerlich Österreich die Chancen wahrnimmt in Richtung Nachhaltigkeit kann man in Depressionen verfallen Aber da gibt es andererseits immer wieder Menschen die zeigen, dass sie persönlich aktiv werden und dann doch was weitergeht. «

Interviewlangfassung: www.kirchenzeitung.at

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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