Ein Fachstab leistet in der Diözese Präventionsarbeit.
Ein Thema für alle

Gewaltprävention bedeutet seine eigenen und fremde Grenzen wahrzunehmen und zu reagieren, wenn grenzverletzendes Verhalten stattfindet - zum Schutz aller.
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  • Gewaltprävention bedeutet seine eigenen und fremde Grenzen wahrzunehmen und zu reagieren, wenn grenzverletzendes Verhalten stattfindet - zum Schutz aller.
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Mit 1. Dezember 2020 ist das Thema "Gewaltprävention" nicht einfach nur "ein" wichtiges Thema, sondern auch eine Aufgabe, die auf neun Schultern verteilt ist und mitgetragen wird. Stefan Schäfer (Diözese Feldkirch) und Cornelia Neuhauser (Caritas Vorarlberg) sind zwei davon und arbeiten im neuen "Fachstab für Prävention gegen Missbrauch und Gewalt" mit.

Simone Rinner


Vor vier Monaten wurde aus der Stabstelle ein Fachstab - warum? Was ändert sich dadurch?

Stefan Schäfer: Die Stabstelle gibt es seit 2010 und ist sukzessive entwickelt worden. Gewaltprävention ist ein Thema, das sich ständig verändert. Während bis vor 4-5 Jahren noch die Aufdeckung im Mittelpunkt stand, geht es jetzt um die Aufarbeitung. Die Präventionsarbeit hat deshalb zwei große Themen: Was können wir tun, damit verhindert wird, dass Gewalt stattfindet. Und wie begegnen wir den Betroffenen, ihren Verletzungen und was tun wir für den Vertauensverlust innerhalb und außerhalb der Kirche. Und da ist die Stabstelle als eine Säule der Prävention gegründet worden, neben der zweiten Säule der Ombudsstelle und der dritten Säule der Kommission, die jeweils spezifische Aufgaben für den Opferschutz haben. Ich beschäftige mich seit 1998 mit dem Thema Gewalt - und die Erfahrung zeigt, dass es in der Gewaltprävention ein Netzwerk braucht. Da müssen mehr Menschen, besonders mehr Leitungspersonen, mitdenken und Gefahrenanalysen machen. Da braucht es diejenigen, die das System kennen und mittendrin sind - das war das Anliegen eines breiten Fachstabes.

Cornelia Neuhauser: Ich bin letztes Jahr als neues Mitglied in den Fachstab dazugekommen. Als Teil der Diözese hat die Caritas mit rund 550 Mitarbeitenden und rund 1000 Ehrenamtlichen breitgefächerte Themen bei Gewaltschutz und grenzverletzendem Verhalten. Bei uns geht es um verbale Gewalt, um körperliche Gewalt. Wichtig ist uns aber auch unsere Kultur, im Sinne von "wie gehen wir miteinander um", was ist unsere Haltung. Und es geht meines Erachtens ganz viel um Bewusstseinsmachung. Ich muss kein Konzept erstellen, keine Präventivmaßnahmen konzipieren, keine Anlässe bearbeiten und nachbearbeiten, wenn ich es nicht geschafft habe, bei den Mitarbeiter/innen aber auch ganz spezifisch bei den Leitungskräften das Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen. Weil sie die Möglichkeit haben das Thema immer wieder auf die Agenda ihrer Teamsitzungen zu setzen, Schulungen für Mitarbeitende zu organisieren, Deeskalationstrainings einzufordern, oder Supervision und Mediationen anzubieten.

Womit wir schon bei den konkreten Maßnahmen der Gewaltprävention wären.
Neuhauser: Genau, in der Caritas werden wirklich alle geschult - alle unterstützenden Kräfte wie Praktikant/innen, Zivildiener, Ehrenamtliche, Freiwillige, Sozialpat/innen und alle Hauptamtlichen. Viermal im Jahr findet eine Mitarbeiter-Einführung statt, bei der ein Nachmittag dem Gewaltschutz gewidmet ist.

Schäfer: Bei uns in der Diözese finden ebenfalls Einführungsveranstaltungen statt, mit dem Ziel Grundwissen über Gewaltprävention und die Rahmenordnung der Bischofskonferenz "Die Wahrheit wird euch frei machen", zu vermitteln. Als ein Ergebnis dieser Schulungen kann man sagen: Gewaltprävention wirkt und sensibilisiert, weil wir im Anschluss meist eine oder zwei Meldungen haben über aktuelle Grenzverletzungen. Das sind keine großen Missbrauchsfälle, aber es wird klar: "Da ist etwas passiert, was nicht in Ordnung ist".

Gibt es Rückmeldungen zu den Schulungen?
Neuhauser: Die Mitarbeitenden reagieren sehr positiv. Sie sehen das als wertvolle Unterstützung für ihre tägliche operative Arbeit, aber wir stellen fest, dass es mit dieser Schulung nicht getan ist. Das Thema muss ständig wiederholt und damit wachgehalten werden.

Schäfer: Und wir haben festgestellt, dass es Folgetermine braucht, in denen wir Themen spezifischer reflektieren. Die Inhalte der Schulungen machen betroffen, wühlen auf und es entstehen Fragen, die vertieft besprochen gehören und für den jeweiligen Arbeitsbereich angepasst werden. Denn man kann nicht das Thema Gewalt anreißen und und stehen lassen. Wenn wir von Gewalt hören, haben wir immer zwei große Reaktionen: Auf der einen Seite sind wir total empört und sagen: das darf nicht sein, das gibt es nicht. Und auf der anderen Seite möchten wir eigentlich nichts damit zu tun haben. Wer setzt sich gerne mit sexualisierter Gewalt an Kindern auseinander? Wir sind zwischen Empörung einerseits und Abscheu und Ekel andererseits und möchten das Thema möglichst weit weg haben. Das ist die Schwierigkeit. Deshalb betont Cornelia, dass das Thema wachgehalten werden muss und deshalb gibt es den Fachstab. Damit noch mehr Leute sagen: Ja, das ist meine Verantwortung. Ich werde nicht nur eingeladen zu einer Schulung, sondern ich schaue: wo ist das Gefahrenpotential und handle.

Was ist eigentlich "Gewalt"?
Schäfer: Unser Hintergrund ist letztlich die Rahmenordnung, die in der Diözese als Recht gilt, weil es der Bischof erlassen hat. Und dort wird Gewalt einerseits als die physische und sexualisierte Gewalt definiert, aber auch als das, was man landläufig psychische Gewalt nennt, wo es um Entwürdigung und Herabwürdigung geht - und auch das Thema geistlicher Missbrauch hat einen Platz bekommen.

Neuhauser: Ich erlebe sehr oft, dass gerade im professionellen Kontext Mitarbeitende das Gefühl haben, vieles aushalten zu müssen und das mit Professionalität verwechseln. Es ist wichtig bewusst zu machen: Professionalität heißt genau das Gegenteil. Nämlich Grenzen wahrzunehmen. Meine eigenen Grenzen wahrzunehmen, zu wissen, dass das jetzt nicht in Ordnung war, dass es ein grenzverletzendes Verhalten meines Gegenübers war und dass ich darauf reagiere. Voraussetzung ist dafür immer ein Bewusstsein und eine Definition.

Ist es der Kirche mit dem Thema ernst, oder ist "Gewaltprävention" eher eine Art Alibi?
Schäfer: Ich glaube, dass die Rahmenordnung der Bischofskonferenz wirklich unabhängige Strukturen implementiert und Strukturen zur Verfügung gestellt hat, die hilfreich und wirksam sind. Insofern ist Prävention nicht Alibi. Für die Kirche ist wichtig, durch offensives Herangehen an die Thematik das verlorene Vertrauen wiederzubekommen. Jesus will, dass Menschen das Leben in Fülle haben (Joh 10, 10b) und jetzt gilt es achtsam zu sein, wo die systemischen Fallen sind.

Wie geht ihr persönlich damit um? Nehmt ihr "Arbeit mit nach Hause"?
Neuhauser: Ich merke aufgrund meiner 30-jährigen Tätigkeit im Sozialbereich, dass ich sehr gut damit umgehen kann. Und ich tausche mich in Supervisionen aus.

Schäfer: Genau. Wenn ich manchmal etwas mitnehme, dann die Frage was ist der sinnvolle nächste Schritt? Und mein Austausch in der Gruppe von Gewaltberatern hilft, immer wieder Klarheit zu bekommen.

Ein neuer Fachstab

Seit über zehn Jahren gibt es in der Diözese Feldkirch die "Stabstelle für Prävention gegen Missbrauch und Gewalt" unter der Leitung von Stefan Schäfer, die auf der Rahmenordnung für die katholische Kirche in Österreich "Die Wahrheit wird euch freimachen" basiert. Mit 1. Dezember 2020 wurde die Stabstelle in einen "Fachstab für Prävention gegen Missbrauch und Gewalt" erweitert. Die Verbreiterung will eine breitere Diskussion, Sensibilisierung und Verankerung von Gewaltprävention in der Seelsorge und allen anderen Arbeitsbereichen ermöglichen.
Die Aufgaben des Fachstabes sind: beobachten und reflektieren aller Bereiche und Berufsgruppen der Diözese in Bezug auf Gewaltschutzkonzepte, entwickeln und anregen von Gewaltpräventionsmaßnahmen, Beratung aller Einrichtungen der Diözese in Bezug auf die Problematik und Vernetzung mit anderen Diözesen.
u www.kath-kirche-vorarlberg.at/gewaltschutz

(aus dem Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 22 vom 3. Juni 2021)

Autor:

KirchenBlatt Redaktion aus Vorarlberg | KirchenBlatt

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