Klassik am Dom mit Elina Garanca
Die Schönheit des Lebens sehen

Foto: Gregor Hohenberg/Deutsche Grammophon

London, Japan, Linz: Elina Garanca ist wieder viel unterwegs. Für Linz hat der Opernstar ein Programm mit „viel Zärtlichkeit und Finesse“ geplant. Nach einer Zeit, die viele bis ins Mark erschüttert habe, brauche es jetzt eine Zeit, in der die Seele innehalten und sich in ihrer Schönheit ausruhen könne, meint Elina Garanca.

Das Kulturleben hat wieder begonnen, die Festivals starten: Was haben Sie am meisten vermisst und worauf freuen Sie sich jetzt?

Elina Garanca: Ich habe die Freiheit, uneingeschränkt zu reisen und zu arbeiten, wie ich es früher gewohnt war, herzlichst vermisst. Aber jetzt scheint das Kulturleben wieder in vollem Schwung zu sein, und um ehrlich zu sein, war mein Kalender seit Jahren nicht mehr so voll, denn all die verschobenen Konzerte, Projekte und Festivals müssen natürlich so schnell wie möglich stattfinden. So ist das Jahr 2022 für mich fast ein „doppeltes“ Jahr. In der Tat freue ich mich sehr auf meinen einwöchigen Urlaub Anfang August, den ich mit meinen Töchtern und meiner Familie in Lettland verbringen möchte. Keine E-Mails, keine Telefonate, nur meine Familie und frische Luft! Aber bis dahin habe ich noch einiges zu tun. Während ich diese Fragen beantworte, bereite ich mich auf die Premiere der „Samson et Dalila“-Produktion am Royal Opera House in London vor, danach breche ich zu einer Konzerttournee durch Japan auf und dann sehen wir uns bei den Open-Air-Konzerten in Österreich, gefolgt von den Salzburger Festspielen.

Linz ist Barockstadt und Industriestadt. Heuer feiern wir „10 Jahre Klassik am Dom“: Sie haben damals die Konzertreihe eröffnet. Was hat Sie an Linz überrascht? Wie erleben Sie Linz heute? Und: Wussten Sie, dass die größte Kirche Österreichs – der Mariendom – in Linz steht?

Garanca: Es ist immer ein Kompliment für einen Künstler, zum selben Veranstaltungsort zurückkehren zu dürfen und ich bin sehr stolz, dass ich die Gelegenheit habe, zum dritten Mal bei Klassik am Dom aufzutreten. Heute ist es mir schon bewusst, dass der Mariendom die größte Kirche Österreich ist, jedoch ist es etwas anderes, das mir jedes Mal den Atem raubt. Was mich in Linz immer wieder überrascht, ist die unbeschreibliche magische Energie dieses Ortes. Wir Künstler spüren es und diese gewisse Atmosphäre hilft uns, unvergessliche Momente durch die Musik zu kreieren.

Klassik am Dom feiert sein zehntes Jubiläum. In der heutigen schnelllebigen Gesellschaft braucht man Flexibilität, Widerstand und immer wieder neue Ideen, um ein zehnjähriges Jubiläum zu feiern. Ich bin der festen Überzeugung, dass es bei „Klassik am Dom“ die Menschen hinter, vor und auf der Bühne sind, die dieses Festival unvergesslich machen.

Welches Programm erwartet das Publikum in Linz? Und worauf legen Sie bei der Auswahl und Interpretation der Werke besonderen Wert?

Garanca: Für mich gehören die Sommerfestivals in der Regel zu den Höhepunkten des Jahres, vielleicht weil sie das Ende einer Saison markieren, und in Verbindung mit dem warmen Sommerwetter fühlen sich diese Konzerte wie kleine Feiern für das Erreichte, die Vorfreude auf eine wohlverdiente Pause und die größten Hoffnungen für die kommende Saison an. Die Zusammenstellung eines Programms für ein bestimmtes Konzert ist ein komplexer Prozess, bei dem viele praktische, logistische und auch künstlerische Aspekte berücksichtigt werden, und gemeinsam mit meinem Mann, dem Dirigenten Karel Mark Chichon, versuchen wir immer herauszufinden, wie die allgemeine Stimmung ist und was das Publikum in diesem Jahr gerne hören möchte.

Wir befinden uns mitten im dritten, für uns alle sehr seltsamen Jahr der Pandemie. Viele von uns haben brutale und unerwartete Veränderungen in ihrem Leben, in ihrem Alltag, in ihren Träumen und Hoffnungen, aber auch in ihrer grundlegenden Stabilität im Alltag erlebt. Das Leben hat uns bis ins Mark erschüttert, und der Ausdruck „müde zu sein“ hat eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Wir dachten uns, dass es diesen Sommer schön wäre, ein Programm voller Zärtlichkeit und Finesse zu bringen, in dem die Seele endlich innehalten und sich in ihrer Schönheit ausruhen kann, ohne an morgen denken zu müssen und gleichzeitig die Schönheit des Lebens nicht aus den Augen zu verlieren. Und dann gibt es immer einen Funken, den wir gerne ins Programm bringen, einen freudigen Moment der Überraschung und der reinen Sorglosigkeit, den wir vor allem jetzt so sehr brauchen.

Wenn Sie an Europa denken: Kaum haben wir uns von der Pandemie ein wenig erholt, hat der Krieg in der Ukraine begonnen. Was hat sich für Sie als Künstlerin und als Mensch dadurch verändert, zumal Sie ja lettische Wurzeln haben?

Garanca: Die jüngsten Entwicklungen haben weder meine künstlerischen Ansichten noch meine persönlichen Überzeugungen verändert, aber ich glaube, dass die Veränderung in uns allen auf einer viszeralen Ebene stattfindet.
Der Krieg in der Ukraine hat mir und hoffentlich uns allen vor Augen geführt, dass Unabhängigkeit und Freiheit nicht als Privileg angesehen werden sollten, für das unschuldige Menschen Horror erleiden oder sterben müssen. Ich glaube, dass die Wahrheit und die wahren Werte immer zum Vorschein kommen werden, egal was auch immer passiert. «

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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