Die Müdigkeit im Kirchenvolk und in der Bischofskonferenz überwinden

Der Wiener Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner.
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Wenige Tage nach Pfingsten vor zehn Jahren hat der „Aufruf zum Ungehorsam“ der Pfarrerinitiative um Helmut Schüller für großes Aufsehen gesorgt. Der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner erläutert, was von dem bis dahin einzigartigen Gang von Pfarrern an die Öffentlichkeit geblieben ist.

Warum hat der „Aufruf zum Ungehorsam“, der vom Inhalt her eine Sammlung bekannter Reformthemen und ein Impuls für eine erneuerte Seelsorge war, so einen Riesen-Wirbel ausgelöst?
Paul M. Zulehner:
Dass Pfarrer zum Ungehorsam gegen den eigenen Dienstgeber aufrufen, war ungewohnt. Nicht so sehr wegen der geforderten Inhalte, sondern der Protest gegen die Autorität hat Aufsehen erregt. Dadurch, dass die österreichische Bischofskonferenz sich über den Ungehorsam geärgert und den Aufruf zu einer Frage der Autorität gemacht hat – „Ja, derfen‘s denn des?“ – hat man aber die Inhalte vom Tisch gewischt.

War der Aufruf zum Ungehorsam ein Erfolg oder nicht?
Zulehner:
Vor zehn Jahren herrschte noch eine andere Situation in der Kirche. Da war eine Generation tonangebend, die vom Konzil geprägt war. Nachdem deren Reformvorhaben aber ins Leere gelaufen sind, widmen sich die Pfarrer nun im Sinn ihrer Ideen der Entwicklung zukunftsfähiger Gemeinden.

Wie beurteilen Sie die Situation heute?
Zulehner:
Manche, die damals engagiert waren, haben sich enttäuscht zurückgezogen oder sich gar aus der Kirche verabschiedet. Die geblieben sind, rufen nicht mehr zum Ungehorsam auf, sondern fördern und unterstützen das, was ihnen für eine gute Entwicklung wichtig ist.

Wenn man auf den Inhalt der Reform-Anliegen schaut: Sind sie richtig und wichtig?
Zulehner:
Eine Schwäche aller nachkonziliaren Reformbegehren liegt darin, dass man meint, die Kirche über Strukturen retten zu können. Wir müssen raus an die Ränder, wie Papst Franziskus fordert. Das ist ebenso wichtig, wie sich mit innerkirchlichen Fragen wie Ökumene oder Homosexualität aufzuhalten. Zudem hat in diesen Fragen die Zeit und haben Kirchengemeinden die Kirchenleitung längst überholt.

Warum sind Sie gegen eine Kirchenreform?
Zulehner:
Jede Kirchenreform lohnt sich, aber nicht als pfarrergewerkschaftliche Aktion allein. Es braucht einen synodalen Weg aller: Dieser kann die Müdigkeit im Kirchenvolk wie in der Bischofskonferenz überwinden. Auf ihm können wir neu lernen, zeitgemäß über den Glauben, über Gott und unsere Hoffnung über den Tod hinaus zu reden. Zudem bietet er uns die Möglichkeit, uns an den Fragen der Gesellschaft wie Euthanasie oder „Ehe light“ kompetent zu beteiligen. Die Pandemie-Verwundeten werden wir bei den Beratungen nicht übersehen. Und dann kommen noch die beiden großen Megathemen von Papst Franziskus dazu: die Sorge um das Klima und die Migration. Wir verbrauchen derzeit zu viel Zeit und Energie, um eine sterbende Kirchengestalt am Leben zu erhalten. Dabei wäre es natürlich klug, die von der Pfarrer-Initiative angesprochenen Fragen rasch vom Reformtisch zu bekommen, um sich voll den großen Themen der Gesellschaft zuwenden zu können.

Ist der Pfarrer-Initiative etwas gelungen oder war es ein kompletter Fehlschlag?
Zulehner:
Die Pfarrerinitiative hat Schwung in anstehende Fragen gebracht. Zum Beispiel, dass Gemeinden personae probatae, das heißt, bewährte, verheiratete Männer und Frauen, für den priesterlichen Dienst wählen sollen, die der Bischof in ein Team weiht. Wenn sich Gemeinden entwickeln und diese selbst Leitungspersonen finden, beginnt etwas von der künftigen Kirchengestalt.

Darum haben alle sehr auf die Amazoniensynode gehofft …
Zulehner:
Papst Franziskus ist der Überzeugung, dass die Frage von der Öffnung des Weiheamtes auf der weltkirchlichen Ebene noch nicht reif für eine Lösung war. Man muss das Dokument genau lesen: Er hat entschieden, nicht zu entscheiden, und die Frage zurück nach Amazonien gegeben.

Viele haben große Hoffnungen in Papst Franziskus gesetzt und sind nach und nach von ihm enttäuscht. Was ist von ihm zu erwarten?
Zulehner:
Der Papst könnte autoritär handeln und dabei vor das Zweite Vatikanum zurückfallen. Das tut er nicht. Er will Entwicklungsprozesse anstoßen. Man muss dem Papst gegenüber gerecht sein: Es ist ein Kunststück, die ganze Weltkirche in Bewegung zu bringen, ohne dass diese auseinanderbricht. Ich erwarte viel von der Weltbischofssynode 2022, bei der es um die Synodalität, also ein geordnetes Hören aller auf den Geist Gottes heute, gehen wird. Wir sollten dem Papst dabei Unterstützung geben. Misstrauen gibt es im Vatikan schon genug. Die Kirchenreformer können ihre guten Ideen über die Delegierten der Ortskirche in die Synode einbringen. Die Bischöfe sind gefordert, ihre Diözesen mutig in Rom zu vertreten und nicht nur umgekehrt. Die Reformfreude in den Ortskirchen entscheidet letztlich über den Erfolg des Pontifikats. Dann tragen wir auch dazu bei, dass unsere Weltkirche die anstehenden epochalen Herausforderungen meistert.«

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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