Spurensuche
In der Spur des Gottvertrauens

Am 9. August 1943 wurde der Innviertler Bauer Franz Jägerstätter hingerichtet. Der Familienvater hatte sich geweigert, für Hitler in den Krieg zu ziehen. Woher nahm er den Mut? Ein Besuch in seiner Heimat St. Radegund.

Von Linz kommend taucht St. Radegund erst spät auf den Straßenschildern auf. Es ist ein weiter Weg vom oberösterreichischen Zentralraum in die westlichste Gemeinde des Bundeslandes, viel weiter als von Salzburg. Es ist angenehm still an diesem Wochentag vor der Kirche in St. Radegund, im kleinen „Zentrum“ der sonst zerstreut liegenden Gemeinde. Im nahen Wald ruft ein Kuckuck. Das Handy erhält eine SMS: Man befinde sich im deutschen Telefonnetz, heißt es darin. Kein Wunder: Unterhalb der Kirche fließt, durch den Wald nicht sichtbar, die Salzach. Ihr gegenüberliegendes Ufer liegt schon in Bayern.

Die geografische Lage machte es ab 1933 einem jungen Mann möglich, die Auswirkungen der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland zu verfolgen. Franz Jägerstätter las Zeitung, er fuhr mit seinem Motorrad schon vor dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland über die Grenze. Er sah sich die Entwicklungen an, reflektierte sie mit der Bibel sowie seinem Glauben und zog seine Konsequenz: die Ablehnung des Nationalsozialismus aus dem christlichen Glauben heraus. Wie kam dieser Bauer zu seinem Gottvertrauen und zu seinem Mut? Spuren zur Antwort liegen in St. Radegund.

Die Kirche

Die Kirche des Ortes ist nicht groß, an der Tür steht die Frage: „Wovor hast Du Angst?“ Die künstlerische Neugestaltung fügt sich gut in den historischen Raum, wo Jägerstätter einst Mesner war. Viele Male mag er ihn betreten, die Kerzen angezündet und den Gottesdienst vorbereitet haben. Er hatte einen besonderen Bezug zu diesem Gotteshaus, heute hat es einen besonderen Bezug zu ihm: Die Mitte des Volksaltars bildet ein kreuzförmiges Glasgefäß. Nach wenigen Schritten auf den Altar zu ist erkennbar, was als Reliquie darin aufbewahrt wird: die Asche Franz Jägerstätters und die Überreste der Urne. Es ist ein Moment unerwarteter Nähe. Hier schließt sich ein Kreis, der Weg des Martyriums des 2007 selig gesprochenen Familienvaters.

Jägerstätter verweigerte am 1. März 1943 in Enns den Wehrdienst im nationalsozialistischen Staat, genauer gesagt: Er verweigerte die Beteiligung an Hitlers ungerechtem Angriffskrieg. Als Gefangener ging sein Weg über Linz nach Berlin. Am 6. Juli wurde er dort zum Tode verurteilt. Gut ein Monat später, am 9. August, wurde das Urteil in Brandenburg an der Havel durch das Fallbeil vollstreckt. 36 Jahre alt ist Jägerstätter geworden. Nach dem Krieg wurde seine Urne nach St. Radegund überführt und an der Kirchenmauer bestattet.

Der Weg

Verlässt man die Kirche, findet man gleich rechter Hand das Grab von Franz und Franziska Jägerstätter. Der Pfad führt den Hang hinauf. Der heutige Jägerstätter-Weg ist eine rund 1,5 Kilometer lange Strecke zwischen der Kirche und dem Jägerstätter-Hof, dessen alter Hausname Leherbauer lautet. Am Waldrand lädt das von Hubert Sigl, einem Enkel des Seligen, geschaffene Denkmal zum Verweilen ein. Die Schritte führen durch Felder und Wiesen. Der Landwirt Jägerstätter war hier verwurzelt. Sein Zuhause kommt in den Blick, der Hof, wo er mit seiner Familie lebte.

Das Haus

Vor der Haustür sitzt heute Maria Dammer. Sie ist eine von Jägerstätters Töchtern und wurde in diesem Haus geboren. Die Tür hat sie geöffnet, damit die warme Luft ins Innere gelangt. Rechts liegt die Stube mit dem Tisch und den Bänken. „Hier sind wir zusammengesessen. Beim Rosenkranzgebet sind wir hier gekniet“, sagt Dammer und nimmt am Tisch Platz. Es ist der Tisch einer gläubigen Familie. Die Heirat mit Franziska stärkte den Glauben von Franz. Der Zusammenhalt der Eheleute war stark, gerade in der schlimmsten Zeit. Franziska hoffte auf einen Ausweg. Aber sie respektierte seine Entscheidung und unterstützte ihn: „Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, hätte er niemanden gehabt“, sagte sie später. 

Das Zimmer 

Sie musste den Hof ohne Franz bewirtschaften und ohne ihn für die drei gemeinsamen Töchter sorgen (Franz hatte auch eine weitere Tochter), während sein Zeugnis umstritten, angefeindet war. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: „Es war mir nicht möglich, Euch von diesen Schmerzen, die Ihr jetzt um meinetwegen zu leiden habt, zu befreien.“ Er bat die Seinen um Verzeihung. Die Briefe ihres Mannes aus dem Gefängnis haben Franziska am Hof erreicht – auch die Todesnachricht. Jägerstätter schrieb von seiner „Reise in die Ewigkeit“.

Einmal hatte Franziska ihren Mann vor seinem Tod noch gesehen, nachdem sie sich auf den weiten Weg nach Berlin gemacht hatte. Franziska hat Franz um 70 Jahre überlebt: Sie starb 2013. Jene, die sich von Jägerstätter inspirieren lassen, sagen, dass sein Zeugnis nicht ohne das ihre verstanden werden kann.

Tochter Maria Dammer führt ins Obergeschoß des Hauses, das heute ein Museum und Gedenkort ist. In einem Raum ist Franz Jägerstätters Zeugnis durch seine Biografie und Texte präsent. An der Wand hängt eine Eisenkette: Ein französischer Mitgefangener hat sie eines Tages gebracht. An solchen Ketten, sagte er, seien er und Jägerstätter gefesselt gewesen. Wenige Schritte weiter blickt man in einen hellen Raum: das Schlafzimmer. Wieder ist die Nähe überraschend groß, diesmal zu Franz und Franziska gemeinsam – trotz der Zeit, die seit 1943 vergangen ist.

Das Vermächtnis

Vergangen sind auch die Stunden der Spurensuche in St. Radegund. Draußen, an der Hauswand, ist es noch warm. Die Wege gehen von hier weiter: der Weg des Besuchers nach Hause, der Weg des Zeugnisses von Franz Jägerstätter in die Welt. Mit gefesselten Händen, aber freiem Willen hatte er das Wort des Apostels Paulus niedergeschrieben: „Nicht Kerker, nicht Fesseln, auch nicht der Tod sind imstande, einen von der Liebe Gottes zu trennen.“

Informationen

Weitere Informationen finden Sie auf www.dioezese-linz.at/jaegerstaetter (mit Links zu Online-Rundgängen durch Kirche und Jägerstätter-Haus) sowie beim „Franz und Franziska Jägerstätter“-Institut der Katholischen Privatuniversität Linz: www.ku-linz.at

Die Pfarre St. Radegund feiert heuer ihr 600-Jahr-Jubiläum mit Glockenweihe am 14. 8. um 10 Uhr. Jährlich am 9. August wird an die Todesstunde Franz Jägerstätters erinnert. 

Lebensspuren

Barbara Karlich zu Franz Jägerstätter

Franz Jägerstätter war ein einfacher oberösterreichischer Bauer. Und doch auch wieder nicht. Tiefe Frömmigkeit prägte sein Leben und seinen Tod. Es ist von außen kaum zu ermessen wie stark und verwurzelt ein Glaube sein muss, dass jemand bereit ist, dafür zu sterben.

Das Verweigern des Kriegsdienstes im 2. Weltkrieg war eine lebensgefährliche Sache. Das wusste auch Franz Jägerstätter. Doch er hatte genug gehört und gesehen, um für sich zu entscheiden, dass er eine Mitwirkung an Hitlers Krieg nicht mit seinem Glauben vereinbaren könne. 
Man könnte sich fragen, ob es etwas geändert hätte, wenn mehr Menschen so mutig gewesen wären. Franz Jägerstätter jedenfalls bezahlte seine Standhaftigkeit mit dem Leben. Seine Töchter mussten ohne Vater aufwachsen, seine Frau den Hof allein stemmen. 

Krieg kennt keine Gewinner. Nicht damals und nicht heute. Man könnte meinen, das müsste die Menschheit inzwischen doch endlich verstanden haben. Wiederholt sich die Geschichte wirklich immer wieder? Dann gibt es bestimmt auch heute wieder Jägerstätters auf dieser Welt. Frauen und Männer, die sich mutig gegen Unmenschlichkeit und Barbarei stellen.

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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