Zankapfel Religionsunterricht

Seit bald 30 Jahren führt sie immer wieder zu heißen Debatten: die Frage des Ethikunterrichts. Soll er für alle eingeführt werden oder als Alternative zum Religionsunterricht? Würde er den Religionsunterricht verdrängen? Und was soll er überhaupt leisten? Bildungsminister Heinz Faßmann favorisiert das „Verflechtungsmodell“. Doch es gibt Widerstand.

Am Freitag endet die Begutachtungsfrist für ein Gesetz, das einen 23 Jahre alten Schulversuch in das Regelschulsystem aufnehmen soll: Jugendliche, die keinen Religionsunterricht besuchen, erhalten Ethikunterricht. Das Gesetz gilt nur für Schüler/innen ab der 9. Schulstufe, also ab etwa 14 Jahren, Berufsschulen sind ausgeschlossen. Jede dritte Schule, die das betrifft, hat den Schulversuch bereits eingeführt, das sind 233 Standorte. Das Gesetz wird, falls es nach den Stellungnahmen interessierter Organisationen und weiteren Debatten im Parlament tatsächlich beschlossen wird, zu Schulbeginn 2021 wirksam. Es betrifft dann nur die 9. Schulstufe, die flächendeckende Einführung des Ethikunterrichts wächst Jahr für Jahr mit, bis dieser nach fünf Jahren in der gesamten Oberstufe umgesetzt ist.

Bischöfe zufrieden
Die Bischofskonferenz gab ihre Stellungnahme diese Woche ab. Die Bischöfe halten die Gesetzesvorlage für sinnvoll. Es gibt große Überschneidungen zwischen den Lehrplänen der verschiedenen Formen von Religionsunterricht (jeder der 16 anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich steht Religionsunterricht zu) und dem geplanten Ethikunterricht. Ethik ist die Wissenschaft vom moralischen Handeln, der Unterricht soll Orientierung für eine gelingende Lebensführung geben. Religion beschränkt sich zwar nicht auf Fragen der Lebensführung, doch auch der Religionsunterricht gibt Orientierung in praktischen Fragen auf dem Boden des jeweiligen Welt- und Menschenverständnisses. Die Bischöfe nennen als Beispiele dafür Beschäftigung mit den Menschenrechten, mit anderen Kulturen und Religionen, mit Umwelt- und Klimaschutz, Erziehung zu selbständigem und kritischem Denken und Förderung der Persönlichkeitsentwicklung. „Verflechtungsmodell“ nannte das Bildungsminister Heinz Faßmann bei einer Diskussionsveranstaltung im Frühjahr, weil die Lehrpläne von Religion und Ethik inhaltlich „verflochten“ sein sollen.

Kritik
Gegen den Plan der Bundesregierung formiert sich auch Widerstand. Die Initiative „Ethik für alle“ setzt sich dafür ein, dass Ethikunterricht für alle Schüler/innen ein Pflichtfach wird, kein alternatives Pflichtfach zum Religionsunterricht. Sie bewertet die Wahlmöglichkeit zwischen Religion und Ethik nicht gleichberechtigt wie etwa zwischen Latein und Französisch, sondern sieht den geplanten Ethikunterricht „ausschließlich als Ersatzpflichtgegenstand zum Religionsunterricht“ oder noch schärfer „Straf-unterricht für Religionsverweigerer“ und kritisiert die „Übertragung der staatlichen Wertevermittlungsaufgaben auf die Religionsgemeinschaften“. Das stimme so nicht, erklärt Andrea Pinz als Leiterin des Interdiözesanen Amtes für Unterricht und Erziehung: „Der Religionsunterricht ist keine kirchliche Angelegenheit, sondern eine gemeinsame Angelegenheit von Staat und Kirche.“ Der Vorteil dieses Modells sei, dass der Staat die Qualität des Religionsunterrichts kontrollieren könne. Das wäre nicht möglich, wenn der Religionsunterricht aus den Schulen in den privaten Raum der Religionsgemeinschaften verdrängt würde.

Trennend oder verbindend?
Die Philosophin Amani Abuzahra schildert einen weiteren Vorteil des Religionsunterrichts an Schulen. Im islamischen Unterricht etwa kämen Kinder und Jugendliche aus verschiedenen islamischen Traditionen zusammen. Dort würden sie üben, in ihrer Verschiedenheit miteinander umzugehen. Außerdem würden die Jugendlichen eine Sprachfähigkeit entwickeln, um über ihre eigene Religion zu sprechen, sie zu reflektieren und auch kritisch zu hinterfragen. Dem häufigen Argument, der konfessionelle Religionsunterricht würde die Kinder separieren, also trennen, hält sie entgegen: Eine gefestigte eigene Position erleichtert die Begegnung mit anderen, während eine schwache Identität die Auseinandersetzung mit anderen erschwert und radikale Vereinnahmungen ermöglicht. Diese Erfahrung bekräftigt der 18-jährige Halleiner Schüler und Salzburger Landesschulsprecher Melih Öner: „Wir diskutieren im Religionsunterricht über verschiedene Richtungen, verschiedene Meinungen. Jede und jeder nimmt sich etwas mit.“

Verdacht: Indoktrination
Die Situation, die Melih Öner aus dem islamischen Religionsunterricht schildert, bestätigen Jugendliche sowohl aus dem katholischen wie aus dem evangelischen Religionsunterricht und aus dem Schulversuch Ethik: Neben den Inhalten, die sie in den potenziellen Maturafächern durchnehmen, widmen sie viel Zeit dem Austausch über Themen, die an der Schule sonst keinen Platz haben. Als Beispiele nennen sie die Stellung der Frau, sexuellen Missbrauch oder Drogenaufklärung. Nicht allein die Inhalte wären aber wertvoll, sondern das Üben der kultivierten Auseinandersetzung. „Unser Religionslehrer bemüht sich in der Diskussion immer die Position einzunehmen, die wir nicht haben, um uns herauszufordern“, erzählt Dominik Hohla aus dem katholischen Religionsunterricht. Die Frage, ob sie den Religionsunterricht als Indoktrination erleben würden, belächeln die Jugendlichen. „Ein Mensch kann nie komplett objektiv sein“, meint der evangelische Schüler Moritz Grünberger. „Es gibt immer eine persönliche Meinung, die man im Unterricht merkt. Aber keine Indoktrination.“ Und Dominik Hohla fügt hinzu: „Wenn ein Lehrer keine Meinung hat, ist es doch das Schlimmste, was es gibt.“

Wenige Abmeldungen
Beim Religionsunterricht klaffen das mediale Image und das Erlebnis in der Schule oft weit auseinander. Das Bild aus der Ferne schwankt zwischen „Missionierung in der Schule“ und „irrelevantem Geschwafel“. Andrea Pinz nennt die Zahlen, die eine andere Sprache sprechen. „Von den 600.000 katholischen Schüler/innen nehmen mehr als 90 Prozent am Religionsunterricht teil, obwohl sie sich abmelden könnten. Welches andere Fach könnte da mithalten? So schlecht kann der Unterricht wohl nicht sein.“ Bischof Werner Freistetter spricht daher seine Bewunderung für die Religionslehrer/innen aus, „denen es offensichtlich gelingt, schwierige und umfassende Themen anzusprechen und Antworten zu vermitteln.“«

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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