„Die Regie führt ein anderer“

Kardinal Christoph Schönborn feierte heuer seinen 75. Geburtstag, einen besonderen Tag im Leben eines Bischofs. Er muss den Rücktritt anbieten und weiß nicht, wie lange er noch im Amt sein wird. Darum sprach der Kardinal von einer „Spielverlängerung“.

Herr Kardinal, Sie sind heuer 75 Jahre alt geworden und machten im vergangenen Jahr schwere Krankheiten durch. Freuen Sie sich auf die Pension oder können Sie sich noch nicht vorstellen, wie das sein wird?
Kardinal Christoph Schönborn: Ich kann es mir gut vorstellen. Durch die beiden Erkrankungen des letzten Jahres haben meine Kräfte stark nachgelassen. 75 ist eben 75. Es ist gut, dass die Suche nach einem Nachfolger begonnen wurde. Wenn ich die Galerie der Erzbischöfe hier im Vorzimmer ansehe, dann haben sie alle etwas gemeinsam: Sie hatten einen Nachfolger! Es wird auch für mich einen Nachfolger geben. Ich weiß nicht, wann das sein wird. Das Verfahren dauert normalerweise mehrere Monate, es kann bis zu einem Jahr dauern, aber viel mehr wird es nicht sein.

Sie haben das Amt als Erzbischof 1995 unter schwierigen Umständen angetreten, als sich die Missbrauchsvorwürfe gegen Kardinal Hans Hermann Groër erhärteten. Es gab kein sanftes Eingewöhnen ins Amt, an die Auftritte in den Medien. Was hat Ihnen damals geholfen?
Schönborn: Es gibt in meinem ganzen Leben Elemente, die mir helfen. Das Eine ist eine starke Familie, von der ich mich sehr getragen weiß. Dann gute, sehr gute Freunde. Die sind in solchen Zeiten unglaublich wichtig. Und ein tiefsitzendes Gottvertrauen. Von Jugend an die Erfahrung, dass der Herr mich nicht hängen lässt. In der direkten Erfahrung seiner Nähe, aber auch in den Hilfen, die ich bekam. Dass die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt da war und ich den richtigen Rat bekommen habe. Vieles, was mir als Verdienst angerechnet wurde, war Fügung. Zum Beispiel im Jahr 2010: Als die Welle der Missbrauchs-Veröffentlichungen von Deutschland auf Österreich herübergeschwappt ist, habe ich ganz konkret erlebt, wie Gott geholfen hat. Das Erste war, dass Generalvikar Franz Schuster schnell gehandelt hat. Die Generalvikare Österreichs haben eine Handreichung entwickelt, wie wir Bischöfe handeln sollen. Das Zweite: Ich habe der Regierung Faymann eine staatliche Kommission vorgeschlagen, der sich die Kirche unterstellt. Das wollte man nicht. So habe ich weitergesucht. Da hat mir jemand den Rat gegeben: „Fragen Sie doch Waltraud Klasnic!“ Ich habe sie angerufen, sie hat sofort zugesagt. Einige Tage später hat sie mir die Liste der Mitglieder der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft vorgelegt, die trotz immer wieder auftauchender, unberechtigter Kritik eine hervorragende Arbeit geleistet hat und leistet. Da habe ich Fügungen erfahren. Natürlich müssen wir mitspielen. Aber die Regie führt ein anderer.

Polarisierung in der Kirche gab es immer, aber sie scheint gerade besonders stark. Wertschätzender Austausch zwischen den Gruppen findet kaum statt. Wie kommt die Kirche aus dieser Situation?
Schönborn: Sie haben selber schon die Antwort gegeben: Das hat es immer gegeben. Das hat es in der Urkirche in Jerusalem gegeben zwischen den sogenannten Hebräern und den Hellenisten. Und so ist es durch die ganze Kirchengeschichte gegangen. Das ist normal, weil Menschen verschiedene Lebensakzente haben, verschiedene kulturelle und religiöse Grundmuster. Damit muss man leben. Das Schöne ist, dass alles Platz hat in der Kirche. In den letzten 50 Jahren habe ich immer gehört, wir stehen am Rand einer Kirchenspaltung, und sie ist nicht gekommen. Weil die Einheitskräfte stärker sind. Natürlich gibt es ein Phänomen, das die Kirche weltweit und besonders bei uns betrifft: Das sind die, die der Kirche stillschweigend den Rücken kehren. Aber das ist ein Teil der Religionsfreiheit. Wir sind keine Zwangsgemeinschaft. Das ist die Freiheit, die Gott uns gegeben hat.

Zu einem Thema, das österreichische Katholiken gerade bewegt: zur Ankündigung, dass die Katholische Sozialakademie aufgelöst und neu erfunden wird. Ist das auch ein Spaltungsthema?
Schönborn: Nein, das ist seit vielen Jahren Thema. Ich bin seit 29 Jahren in der Bischofskonferenz. Die ersten Jahre hatte die ksoe noch eine klare Identität. Das ist schwieriger geworden, weil die Zeit sich geändert hat. Heute ist die Caritas die am meisten gehörte Sprecherin in sozialen Anliegen der Kirche. Die ksoe hat einen Teil ihrer Tätigkeit verlegt in eine Arbeit, die – durchaus positiv – Managementtraining ist. Eines ist sicher, da sind sich die Bischöfe einig: Wir brauchen eine Präsenz der katholischen Soziallehre in der heutigen Gesellschaft.

Wie soll die aussehen?
Schönborn: So weit ich das beurteilen kann, geht es jetzt darum, dass sich die ksoe wirklich neu aufstellen muss, auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die Coronakrise hat hier, wie für viele Organisationen, einen starken Einbruch gebracht, und deshalb halte ich es für richtig, dass ein Prozess der Neuaufstellung versucht wird. Der natürlich die ksoe stark verändern wird. Aber das ist der Lauf der Dinge. Sie ist nicht mehr in einer Situation wie unter Pater Riedlsperger und Pater Schasching und vorher Pater Büchele. Sie war sehr stark von den Jesuiten geprägt. Die Jesuiten konnten sie nicht mehr weiter begleiten, das ist sicher auch ein Punkt, warum die ksoe um ihre Identität ringt. Es ist bei weitem nicht so, dass die Bischöfe den Hahn zudrehen und die ksoe stillgelegt wird, sondern es ist ein mühsamer, gemeinsamer Prozess des Suchens nach einer neuen Identität.

Welche Lehren kann die Gesellschaft aus der Corona-Pandemie ziehen?
Schönborn: 

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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