Unser Herz führt uns zu guten Entscheidungen

Den roten oder den blauen Pullover anziehen? Heiraten oder noch abwarten? Eine Wohnung kaufen oder mieten? Das Leben fordert immer wieder auf, uns zu entscheiden. Manchmal fällt es schwer, die richtige Entscheidung zu fällen. In der kommenden Herbstserie und in ihrem neuen Buch zeigt die Salvatorianerin Melanie Wolfers Strategien auf, wie es leichter gelingen kann, eine gute Wahl zu treffen.

Gibt es momentan in Ihrem Leben eine wichtige Entscheidung, die ansteht?
Melanie Wolfers: Derzeit nicht. Sie lauert sicher um die nächste Ecke, aber ich kenne sie noch nicht. Doch eine weitreichende Entscheidung für mich war mein Ordenseintritt 2004. Ich habe mich davor gefühlt wie ein Fisch im Wasser. Mein Leben war gut, ich hatte in München eine tolle, sinnvolle Arbeit in der Seelsorge mit jungen Erwachsenen, eine super Wohnung, nette Freunde. Dann bin ich einer Salvatorianerin begegnet und habe gemerkt – wow, hier liegt jetzt für mich eine echte Option, diesen Weg als Ordensfrau im Leben auszuprobieren. Ich war mir damals nicht hundertprozentig sicher, ob das wirklich mein Weg ist, aber ich hatte so eine tiefe Gewissheit in mir, da liegt ein Mehr für mich drinnen, es zu versuchen. Also bin ich aufgebrochen und sagte mir: hab den Mut.

Trotzdem hat man oft Angst, sich falsch zu entscheiden. Wie bringt man den Mut auf, sich auf Ungewissheiten einzulassen?
Wolfers:
Ich finde es hilfreich, den eigenen Ängsten auf die Spur zu kommen, die mich davon abhalten wollen, eine Entscheidung zu treffen. Ist es die Angst vor einer Fehlentscheidung? Ist es die Angst davor, den Preis zahlen zu müssen, der mit einer Entscheidung einhergeht? Ist es die Angst vor den Widerständen im sozialen Umfeld? Erst dann, wenn ich meine Ängste in den Blick nehme, kann ich bewusst mit ihnen umgehen, anstatt dass meine Ängste mit mir umgehen. Immer dann, wenn ich eine Entscheidung treffe, stärkt das meine Entscheidungsfähigkeit. Das ist wie ein Muskel, den ich trainiere. Je mutiger ich bin, umso mehr wächst mein Selbstvertrauen.

Was steckt dahinter, wenn man eine Entscheidung so gar nicht treffen will und sie verdrängt?
Wolfers:
Auch da spielt die Angst eine Rolle. Oft fliehen wir vor der Entscheidung, weil wir uns davor fürchten. Widerstände im sozialen Umfeld sind eine typische Entscheidungsangst. Wenn ich zu einem runden Familiengeburtstag eingeladen werde, aber zeitlich passt der Termin für mich gar nicht, dann kommt die Angst hoch, was wird die Familie sagen, wenn ich beim Geburtstag nicht auftauche. Eine Entscheidung wegzuschieben kann aber auch damit zu tun haben, mich nicht festlegen zu wollen, weil ich dadurch etwas verpassen könnte. Denn wenn ich das eine wähle, entscheide ich mich gefühlt gegen 1000 andere Möglichkeiten. Wenn ich mich für diesen Menschen als Partner entscheide, wer weiß, vielleicht begegne ich noch einmal einem netteren Mann oder einer netteren Frau. Oder wenn ich dieses Studium mache, kann ich die andere Ausbildung, die mich auch reizt, nicht beginnen. Dann kommt es zur berühmten Aufschieberitis – eine sehr verbreitete Krankheit. Aber Leben lässt sich nicht aufschieben.

Was also tun?
Wolfers:
Ich finde es hilfreich, sich die Konsequenzen vor Augen zu führen, wenn ich auf Dauer einer Entscheidung ausweiche. Mein Eindruck ist, dass das größere Unglück häufig nicht in Fehlentscheidungen besteht, sondern aus fehlenden Entscheidungen erwächst. Irgendwann ist der Zug abgefahren und mein Partner wird nicht mehr länger auf ein „Ja“ von mir warten und sich vielleicht trennen. Oder Bewerbungsfristen laufen auf diese Weise ab. Wenn man sich mit den Konsequenzen auseinandersetzt, dann sieht man, der Preis ist möglicherweise hoch. Das kann einem Mut geben, eine Entscheidung anzugehen.

Und wie geht man damit um, wenn man merkt, sich tatsächlich falsch entschieden zu haben?
Wolfers:
Wenn es eine Fehlentscheidung war, dann ist es wichtig, auf Ursachenforschung zu gehen, um aus Fehlern zu lernen. Es kann aber auch sein, dass sich die Umstände so entwickelt haben, dass ich vom heutigen Zeitpunkt aus sage, damals konnte ich dieses oder jenes noch nicht wissen. Mit Corona erleben wir das jetzt alle. Wie viele Entscheidungen haben wir vielleicht vor einem Jahr getroffen, wo wir heute sagen, das können wir so nicht mehr machen. Aber Corona war nicht abzusehen.

Das heißt, manchmal erkenne ich erst im Nachhinein, ob eine Entscheidung gut oder weniger gut war oder ob durch Situationen plötzlich alles ganz anders ist …
Wolfers:
Ja. Entscheiden können wir nur vorwärts. Entscheidungen verstehen und beurteilen, ob sie sich bewähren oder nicht, ist erst im Rückblick möglich, denn das Leben entwickelt sich unvorhergesehen. Bei Fehlentscheidungen ist es auch wichtig abzuwägen, ob die Folgen wirklich so dramatisch sind. Und ob sich eine Kurskorrektur vornehmen lässt. Und wenn ich tatsächlich eine Fehlentscheidung getroffen habe, die ich nicht mehr ändern kann, bin ich aufgefordert, mit den Folgen leben zu lernen. Und mich damit auszusöhnen, dass ich ein Mensch bin, der Fehler macht.

Was haben Entscheidungen mit Glaube und Spiritualität zu tun?
Wolfers:
Entscheiden im Sinne Gottes heißt, sich seine Hoffnungen für unsere Welt zu eigen machen und tatkräftig werden. Und welche Hoffnungen hat Gott für diese Welt? Dass wir Menschen in Not unterstützen. Dass wir uns um Gerechtigkeit mühen, anstatt zu sagen, es ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn ich jemanden unterstütze. Ich sage ganz bewusst im Hinblick auf unsere politische Diskussion derzeit in Österreich: Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt. Der Glaube und Entscheidungen haben etwas damit zu tun. Der Glaube wird immer ins konkrete Handeln übersetzt werden und hängt auch mit gesellschaftlichen und politischen Optionen zusammen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, „als Mitte unserer Person befähigt uns das Herz zu einer ganzheitlichen Wahl“. Was heißt das?
Wolfers:
Es ist ein Bild, das wir in vielen Redewendungen finden – „mit ganzem Herzen ja sagen“, „mir ist das Herz in die Hose gerutscht“ oder „mein Herz ist gebrochen“. Das Herz steht für die Mitte unserer Person. Es befähigt uns zu einer ganzheitlichen Wahl. Etwa: Wenn unser Kopf und Bauch sich streiten, dann kommt das Herz als moderierende Instanz zum Zug. Im Herz können wir die Signale von Kopf und Bauch erwägen und erspüren, was entspricht jetzt mehr dem, was ich tun soll und tun kann. Wir nehmen wahr, welche Entscheidungsoption stimmig ist. Und das heißt auch, ob sie zu uns als Person passt oder nicht. Ob ich an mir vorbeilebe oder nicht. Jeder möchte am Abend des Lebens in den Spiegel schauen können.

Gibt es dafür auch eine spirituelle Bedeutung?
Wolfers:
Biblisch betrachtet ist das Herz der Ort unserer inneren Mitte, an dem der göttliche Geist wohnt, an dem wir vor Gott sind und ihm begegnen. Deswegen ist das Herz auch der Ort des Gewissens – Gewissen nicht nur als moralische Instanz, sondern als die Größe, die für unsere Wahrhaftigkeit eintritt. Oft wissen wir in tiefer innerer Gewissheit, was wir wollen, unterdrücken unseren Herzensspruch aber häufig aus Angst vor den Konsequenzen oder weil wir etwas nicht wahrhaben wollen. Wenn wir uns dann aber doch dem Herzen gemäß entscheiden, auch wenn es schwerfällt, wird es gut und wir können wieder in den Spiegel schauen. Es ist eine innere Instanz, eine ganzheitliche Größe – man kann sie Gewissen nennen, unsere personale Mitte, unser Herz. Und da ist alles einbezogen – Emotionalität, Vernunft, ­Körpergefühl.

Mit einer Herzensentscheidung kommt auch Klarheit ins Leben. Um zu wissen, was man will, braucht es also auch eine Klärung in sich …
Wolfers:
Genau. Ich wette, wenn wir jetzt zwanzig Leute auf der Straße fragen würden, worauf kommt es ihnen im Leben an, dass viele das nicht so genau sagen können. Es ist aber entscheidend zu wissen, was uns wirklich wichtig ist. Denn nur dann werde ich an einer Wegkreuzung erkennen, was mich mehr zu meinem Ziel führt. Die Klarheit zu haben über meine eigenen Ziele und Werte, ist nicht selbstverständlich. Aber das Auseinandersetzen mit sich selbst hat große Bedeutung. Es ist ein Ausdruck von Selbstachtung und Selbstwertschätzung, dass man sich fragt, worum geht es mir im Leben, worauf kommt es mir an, wofür will ich meine Lebenszeit verwenden und verschenken. Das ist das Wertvollste in unserem Leben, das wir haben.

Und nicht die Entscheidung anderen überlassen ...
Wolfers:
Ja, denn da lässt man sich auf dem Beifahrersitz durchs Leben kutschieren, anstatt selber das Steuer in die Hand zu nehmen und die Richtung einzuschlagen, in die man will. Andere haben ja andere Ideen von meinem Leben. Manche Eltern wollen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter den Bauernhof übernimmt. Aber das ist vielleicht gar nicht im Sinne der Kinder.

Dann gilt es, in sich hineinzuspüren und den Forderungen der anderen die eigenen Anliegen entgegenzusetzen …
Wolfers:
Absolut. Das kostet was, aber es lohnt sich, denn es geht um unser Leben. Im Johannesevangelium 10,10 heißt es „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Es geht darum, das eigene Leben zu ergreifen, damit ich das, was in mich hineingelegt ist, in diese Welt hineinbringen kann. Dort, wo ich mich im positiven Sinne selbst verwirkliche, meine Talente einbringe, werde ich meiner Berufung gerecht, weil Gott möchte, dass ich meine Gaben einsetze zum Wohle anderer. Dazu braucht es gute Entscheidungen. Mir ist es ein Herzensanliegen, den Menschen dabei behilflich zu sein. «

- In Ausgabe 41 startet die neue 4-teilige Herbstserie „Gute Entscheidungen treffen“ von Melanie Wolfers.

- Buchtipp: Melanie Wolfers „Entscheide dich und lebe! Von der Kunst eine kluge Wahl zu treffen.“ Verlag: bene!, 1. Oktober 2020. Euro 19,60.

Autor:

KirchenZeitung Redaktion aus Oberösterreich | KirchenZeitung

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